Ihr Sitzplatz in der hintersten Reihe ist mit Bedacht gewΓ€hlt: Von hier aus hat Ursula Wyss den Γberblick im Nationalratssaal. Sie kann, wenn zur Abstimmung geklingelt wird, sΓ€umige Fraktionsmitglieder in der Wandelhalle aufscheuchen und an deren PlΓ€tze dirigieren. Neben ihr sitzen Schwergewichte der Partei wie ihre VorgΓ€ngerin als Fraktionschefin, Hildegard FΓ€ssler, GewerkschaftsprΓ€sident Paul Rechsteiner und der frΓΌhere Parteichef Hans-JΓΌrg Fehr. Der aktuelle ParteiprΓ€sident Christian Levrat sitzt gleich eine Reihe vor ihr.
Die Sitzordnung hilft der 37-jΓ€hrigen Chefin der SP-Fraktion, die Genossen unter Kontrolle zu halten. In den langen Debatten um die UBS-Steuerkrise und den Staatsvertrag mit den USA glΓ€nzte Wyss als konsequente Verfechterin der schon vor Monaten festgelegten Parteilinie: Ohne eine Boni-Besteuerung ist die SP nicht fΓΌr den Staatsvertrag zu haben.
Ihre feingliedrige Erscheinung kΓΆnnte zu FehleinschΓ€tzungen verleiten. Die promovierte Γkonomin vertritt ihre Politik hartnΓ€ckig und kann durchaus austeilen. An der SP-Delegiertenversammlung in Frauenfeld geisselte sie die Boni der Banken so: Β«Die bΓΌrgerlichen Parteien stehen eng zusammen, wenn es darum geht, den Hunden das Bewachen der Wurstfabrik zu ΓΌberlassen.Β»
Ihr Interesse fΓΌr politische VorgΓ€nge erwachte im Alter von 13 Jahren nach der Tschernobyl-Katastrophe vom 26.ββApril 1986. Ursula Wyssβ Widerstand gegen die Atomkraft ist bis heute geblieben. Aktuell kΓ€mpft sie gegen den Stromkonzern BKW FMB Energie, der unter seinem VR-PrΓ€sidenten Urs Gasche, vormals Finanzdirektor des Kantons Bern, das AKW MΓΌhleberg erneuern mΓΆchte. Als langjΓ€hriges VCS-Vorstandsmitglied wehrte sich die ΓΆkologisch bewusste Γkonomin gegen ein neues Shoppingcenter in SchΓΆnbΓΌhl, was ihr diverse Debatten mit dem VCS-Kritiker und GeschΓ€ftsfΓΌhrer von Avenir Suisse, Thomas Held, einbrachte. Auch Migros-Chef Herbert Bolliger nervte sich ΓΌber ihren Widerstand. Zu ihren Gegenspielern im Bundeshaus gehΓΆren die FDP-Parlamentarier Doris Fiala beim Thema Verbandsbeschwerderecht, Filippo Leutenegger bei der CO2-Abgabe und Rolf Schweiger als AKW-Lobbyist.
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Die Uniconnection
So streng sich Ursula Wyss auch an die sozialdemokratische Doktrin hΓ€lt β eine sture Prinzipienreiterin ist sie nicht. Kontakte ΓΌber die Parteigrenzen hinweg pflegt sie im FΓΆrderverein des Instituts fΓΌr Kommunikations- und Medienwissenschaften der Uni Bern. Im Beirat machen, unter dem PrΓ€sidium von Alt-RegierungsrΓ€tin Elisabeth ZΓΆlch (Bdp), neben Alt-Bundesrat Samuel Schmid (Bdp), Alt-Vizekanzler Achille Casanova (CVP) und Alt-StΓ€nderat Hans Lauri (SVP) auch der amtierende CVP-Nationalrat Norbert Hochreutener und Nicole Loeb, CEO der Warenhausgruppe Loeb, mit. Ebenfalls pluralistisch zusammengesetzt ist das Komitee Pro Jugendschutz, eine Initiative fΓΌr die Entkriminalisierung von Cannabis. Im Co-PrΓ€sidium aktiv sind die SVP-StΓ€nderΓ€te This Jenny, Glarus, und Theo Maissen, GraubΓΌnden, sowie die frΓΌhere CVP-NationalrΓ€tin Rosmarie Zapfl.
Die Karriere
Bevor sie sich entschloss, die Politik zum Beruf zu machen, arbeitete Ursula Wyss im BΓΌro fΓΌr arbeits- und sozialpolitische Studien in Bern bei Stephan Spycher, heute Vizedirektor im Bundesamt fΓΌr Gesundheit, und Sandra Olar, heute Chefredaktorin von Β«Women in BusinessΒ». Als Projektleiterin Klima und Energie beim WWF arbeitete sie mit CEO Hans-Peter Fricker und Carol Franklin zusammen, heute Ombudsfrau bei der Schlichtungsstelle Telekommunikation und bei PostFinance. Akademisch fΓΆrderten sie Touristikprofessor Hansruedi MΓΌller, BWL-Dozent Norbert Thom und die Γkologin Ruth Kaufmann. Dissertationsthema: Β«Arbeitszeitformen und Freizeitverhalten. Eine Zeitbudgetuntersuchung.Β»
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Das Privatleben
Aufgewachsen ist Ursula Wyss mit drei Geschwistern in einer vΓΆllig unpolitischen Familie in der Agglomeration von Bern. Schon als Teenager engagierte sie sich fΓΌr den WWF und half FrΓΆschen ΓΌber die Strasse. Mit 17 Jahren wagte sie ihren Β«privaten AufbruchΒ» weg von Bern in ein franzΓΆsischsprachiges Gymnasium in Neuenburg. Ihr Studium begann sie in Bern, wechselte ins schottische Glasgow und dann nach Berlin, wo sie den Vater ihres inzwischen zwΓΆlfjΓ€hrigen Sohnes Julian kennen lernte. Seit 2008 lebt die passionierte Velofahrerin, die sich ebenso unmusikalisch wie unsportlich gibt, mit SP-GeneralsekretΓ€r Thomas Christen zusammen. Er hΓ€lt ihr parteiintern den RΓΌcken frei.