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Bilanz-Briefing

Nestlé überrascht mit Kursgewinnen. Was steckt hinter dem Aufschwung?

Die Themen der Woche: Nestlé-Hausse, Jordan vs Hirschi, Lagarde for WEF, Resilienz, bitte!

Dirk Schütz

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«Sollte der Nahrungsmittelriese zu alter Form zurückfinden, locken weitere Zuwächse.» BILANZ

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Eines muss man dem neuen Nestlé-Chef Philipp Navratil lassen: Seine Auftritte lohnen sich für die Aktionäre. Nach seiner ersten Quartalspräsentation am 16.Oktober zog die Aktie um mehr als zehn Prozent an, gestern waren es drei Prozent, nimmt man das Vorwärmen der letzten drei Wochen hinzu, waren es ebenfalls mehr als zehn Prozent (dumm nur, dass der Kurs nach Navratils Premiere wieder mehr als zehn Prozent verlor). Aber sei’s drum: Die Investoren griffen sowohl bei den Gerüchten als auch bei den Fakten zu – die hohe Schule der Ergebnis-Präsentation.
Allerdings: Es war nicht die Bestätigung des Umbaus zum Vier-Sparten-Konzern, die den Kurs trieb, sondern das Zahlenwerk, das über den Erwartungen lag: Stärkeres internes Wachstum, höherer Cashflow, höhere Umsatzprognosen. Roche und Novartis, die den einstigen Paradekonzern vom Thron des höchstbewerteten Schweizer Konzerns gestossen haben, sind mit ihren Kursen «priced to perfection». Die ZKB schätzt den fairen Wert der Nestlé-Aktie dagegen auf 102 Franken, derzeit liegt er bei 80. Der SMI kreist jetzt schon auf historischer Rekordhöhe, trotz Nestlé-Delle. Sollte der Nahrungsmittelriese zu alter Form zurückfinden, locken weitere Zuwächse. Ja, die geopolitische Wetterlage drückt aufs Gemüt – aber eben nicht auf die Börse. Besonders charmant: Mit ihrem defensiven Charakter bietet das Schweizer Kurstableau einen speziellen Hedge. Bleiben wir optimistisch.

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Jordans Prinzipien

Womit wir bei Thomas Jordan wären. Nach der Zurich tritt der Ex-Nationalbankchef jetzt auch in den VR von Nestlé ein – am anderen Ende des Zyklus. Auch der Versicherer lieferte gestern starke Zahlen, auch hier lag das Wachstum über den Erwartungen – dennoch drehte die Aktie ins Minus. Das ist die Krux des Erfolgs: «Iron Mario» Greco hat die Aktionäre über alle die Jahre mit übertroffenen Erwartungen und Dividendenerhöhungen verwöhnt – da braucht es schon grosse Ausreisser nach oben, um den Kurs stark springen zu lassen.
Stark an Jordan: Er hat Prinzipien – er geht nicht zu einem Institut, das er selbst überwacht hat. Das Präsidium von Bär, für das er im letzten Jahr gehandelt wurde, kam deshalb für ihn nie in Frage. Zürich und Nestlé: A-Liga, die zu dem Mann mit dem tadellosen Ruf passt. Die Finma könnte da noch etwas lernen. Sie ist die direkte Aufsichtsbehörde der Banken, nimmt es dafür aber mit den Abstandsregeln weniger genau. Ex-Chef Urban Angehrn wechselt in den Verwaltungsrat von Bär, gegen die noch ein Finma-Enforcement-Verfahren läuft. Da kann er sicher hilfreiche Hinweise geben.
Und der Ex-Finma-Bankenaufsichtschef Thomas Hirschi wechselt sogar in die Exekutive – als Risikochef zu Vontobel. Gewiss, eine Resozialisierung in die Privatwirtschaft muss auch für staatliche Bankenkontrolleure möglich sein. Aber direkt als Risikochef zu einer Bank, die er lange selbst überwacht hat? Und das nach gerade sechs Monaten? Die Nationalbank schreibt bei einem Wechsel zu einer systemrelevanten Bank zwölf Monate Auszeit vor. Das ist Vontobel zwar nicht, aber sie wurde direkt von Hirschi kontrolliert. Da wirkt die derzeit so regulierungsfreudige Finma überraschend lasch. Das Salär liegt laut Geschäftsbericht bei gegen 2 Millionen, etwa das Vierfache der Finma-Gage. Lohnt sich. Trotzdem unappetitlich.

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WEF-Chance

Und sie bewegt sich doch: Letzten Mai hatte Christine Lagarde noch dementiert, den EZB-Chefposten vorzeitig verlassen zu wollen. Jetzt haben ihre PR-Leute die Nachricht doch in die Kanäle eingespeist, mit der Begründung, dass Macron ihre Nachfolge noch mitbestimmen wolle, bevor er im Mai nächsten Jahres abtritt. Dass der verdiente französiche Zentralbank-Chef Villeroy de Galhau kurz zuvor zurücktrat, passt da bestens in Macrons Machtmechanik – sein Kandidat wird schon auf die Bühne geschoben.
Doch aus Schweizer Sicht wichtig: Lagarde wird damit als Präsidentin für das WEF frei. Ihre Nomination wäre ein notwendiger Befreiungsschlag für die belagerte Genfer Organisation. CEO Brende ist nach den Epstein-Enthüllungen nicht mehr tragbar, sein Abgang scheint bestenfalls eine Frage von Wochen, Co-Präsident Fink hat mit seiner Trump-Anbiederung den Ruf des WEF geschädigt, auch wenn er sein Wirken intern natürlich laut lobpreist. Dass Lagarde bei der Maga-Cowboy-Rede des US-Wirtschaftsministers Lutnik in Davos den Saal verlassen hat, wirkt im Nachhinein wie ein wohlkalkulierter Protestakt.
Zwar muss es im derzeitigen Cancel-Klaus-Klima im Stiftungsrat kein Vorteil sein, dass Gründer Schwab schon immer auf die Global-Französin gesetzt hat. Doch die Lösung Lagarde ist von der Strahlkraft über alle Zweifel erhaben, und ihre Nominierung würde auch die Fehde mit Schwab um die Nachfolge-Bestimmung elegant lösen. Gefragt ist jetzt der zweite Co-Präsident Hoffmann, in der Camargue aufgewachsen und französischer Muttersprache. Bisher liebte der Roche-Erbe die zweite Reihe. Doch als Co-Chair ist er freiwillig in die Küche gegangen, jetzt muss er auch die Hitze dort aushalten – und ein WEF-Menü mit Lagarde an der Spitze präsentieren: Für Davos, für die Schweiz, für Europa. Eine Mehrheit in dem 27-köpfigen Stiftungsrat sollte zu organisieren sein – und sie müsste auch Trumps Larry akzeptieren.

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Nächste Woche: Starke Schweizer Firmen

Es ist der Höhepunkt der Berichtssaison: Mehr als 20 Schweizer Unternehmen melden nächste Woche ihre Jahreszahlen, vom Sorgenkind Adecco bis zum Highflyer Sandoz, darunter aus dem SMI Alcon, Holcim und Swiss Re.
Die positive Zahlenkränze dürften weiter deutlich überwiegen, die Zollwirren haben nur leichte Kratzer hinterlassen, selbst das früher ritualisierte Murren über den rekordstarken Franken ist erstaunlich leise. Erbaulich. Man könnte auch sagen: Die gefühlte Lage ist deutlich dramatischer als die reale.
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