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2026 schlägt die Stunde der Substanz, denn Qualität und industrielle Relevanz triumphieren über Hypes. Das bietet Tech-Unternehmen Chancen.

Max Meister
Die Kolumne «MeisterMacher» von Max Meister, General Partner von Koyo Capital, beleuchtet internationale Entwicklungen in der VC-/Start-up-Szene und deren Auswirkungen auf die Schweiz.
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Vorhersagen haben in der Venture-Capital-Branche einen zweifelhaften Ruf. Zu oft lagen sie daneben. Zu oft waren sie Projektionen eigener Hoffnungen. Und doch sind sie notwendig. Nicht als Orakel, sondern als Denkrahmen. Denn 2026 fühlt sich nicht nach einem einfachen Jahr an, aber nach einem durchaus wichtigen. Kapital ist wieder da, wenn auch nur selektiv. Liquidität kehrt zurück, wenn auch relativ ungleich. Und genau diese Unschärfe macht das laufende Jahr so interessant.
In den letzten Wochen habe ich mit General Partners von VC Funds, institutionellen Investoren, Gründern und Strategen gesprochen, in formellen Meetings ebenso wie in vertraulichen Gesprächen am Rand. Die Einschätzungen waren unterschiedlich im Ton, aber erstaunlich konsistent im Kern. Aus diesen Gesprächen, kombiniert mit der Beobachtung der Märkte, ergeben sich für mich einige Vorhersagen für das Venture-Capital-Jahr 2026.
Nach dem behutsamen Rebound des IPO-Marktes 2025 richten sich 2026 viele Blicke auf potenzielle Neuemissionen, die zeigen werden, ob der Markt wirklich wieder tragfähig ist. Auffällig ist dabei weniger die schiere Anzahl der Kandidaten als deren Qualität: Es geht um Unternehmen, die technologisch führend sind, operativ skaliert haben und deren private Bewertungen kaum noch Spielraum nach oben lassen.
Ich hatte kürzlich Kontakt mit Dan Ives, Global Head of Technology Research bei Wedbush Securities. Er spricht von einem Wendepunkt: «Wir erwarten ein Schlüsseljahr für Börsengänge, da die KI-Revolution in ihre nächste Wachstumsphase eintritt. Für die Tech-Welt ist das eine besondere Zeit, und globale Investoren zeigen eine hohe Nachfrage nach privaten Tech-Unicorns. 2026 dürfte ein herausragendes Jahr für Technologie-IPOs werden.»
Max Meister ist General Partner von Koyo Capital mit Sitz in Baar ZG.
Ein immer wieder genannter Name ist SpaceX. Zwar dementiert Elon Musk regelmässig kurzfristige IPO-Pläne, gleichzeitig verdichten sich die Signale, dass zumindest Teile des Konzerns – insbesondere Starlink – mittelfristig börsenfähig gemacht werden könnten. Mit stabilen Cashflows aus dem Satelliteninternet, staatlichen Langfristverträgen und einer dominanten Marktposition wäre ein Börsengang weniger ein Wachstums-IPO als ein Infrastruktur-Play. Sollte SpaceX 2026 tatsächlich an den Markt kommen, wäre das nicht nur eines der grössten Tech-IPOs der Geschichte, sondern der Lackmustest dafür, ob öffentliche Märkte bereit sind, hochkapitalintensive Zukunftstechnologien zu tragen.
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Im KI-Umfeld wird immer wieder OpenAI genannt. Ein möglicher Börsengang wäre einerseits ein klassischer Kapitalbeschaffungsakt sowie eine Frage an den Markt: Wie bewertet man ein Unternehmen, das zugleich Plattform, Infrastruktur und strategischer Partner ganzer Industrien ist? Ob 2026 dafür bereits der richtige Zeitpunkt ist, bleibt offen. Die Erwartungshaltung wäre enorm.
Auch aus Schweizer Sicht könnte dies ein spannendes Jahr werden. GetYourGuide, die in Zürich gegründete Reiseerlebnisplattform, will noch 2026 an die Wall Street und strebt dabei eine Bewertung von fünf Milliarden Dollar an, mehr als doppelt so viel wie bei der letzten Finanzierungsrunde vor zweieinhalb Jahren. Die Firma ist seit gut einem Jahr profitabel (bereinigtes Ebitda) und hat erstmals die Milliarden-Umsatzmarke geknackt.
Was all diese potenziellen IPOs verbindet: Sie stehen nicht für Euphorie, sondern für Reife. 2026 wird kein Jahr, in dem jede gute Story an die Börse drängt. Aber eines, in dem einige sehr grosse Namen den Schritt wagen könnten und damit definieren, wie der nächste IPO-Zyklus tatsächlich aussieht.
Während sich der IPO-Markt nur schrittweise und selektiv öffnet, gewinnt ein anderer Exit-Pfad spürbar an Bedeutung: Mergers & Acquisitions (M&A) sowie strategische Übernahmen. Bereits 2025 war eine deutliche Belebung der globalen M&A-Aktivität zu beobachten, getragen von stabileren Kapitalmärkten, einer höheren Planungssicherheit bei den Zinsen und dem zunehmenden Druck auf etablierte Konzerne, technologischen Rückstand nicht länger durch interne Entwicklung auszugleichen. Für 2026 spricht vieles dafür, dass sich dieser Trend fortsetzt und weiter an Breite gewinnt.
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Raymund Bareuther vom Schweizer M&A Advisor Everstride Partners beschreibt die Ausgangslage so: «Der Schweizer M&A-Markt geht 2026 aus einer Position der Stärke hervor, allerdings nicht euphorisch, sondern geprägt von einer notwendigen Anpassung.»
Auffällig ist dabei weniger die Rückkehr der ganz grossen Transaktionen als die zunehmende Dynamik im Mid-Market. Gerade dort, wo regulatorische Hürden überschaubar bleiben und Integration realistisch planbar ist, treffen strategische Käufer auf eine grosse Zahl qualitativ hochwertiger Technologieunternehmen, die in den vergangenen Jahren bewusst auf einen Börsengang verzichtet haben. Viele dieser Firmen sind operativ reif, profitabel oder auf dem Weg dorthin und verfügen über Produkte, die für industrielle Käufer unmittelbar wertstiftend sind.
Für Europa – und insbesondere für die Schweiz – ist diese Entwicklung von besonderer Bedeutung. Die hiesigen Ökosysteme waren traditionell stärker auf industrielle Exits als auf Börsengänge ausgerichtet. Pharma, Medtech, Industrieautomation und zunehmend auch Deeptech und Software-Infrastruktur bieten strategischen Käufern klare Anknüpfungspunkte. Was lange fehlte, war weniger das Interesse als vielmehr das Marktumfeld, um solche Transaktionen zu realisieren. 2026 könnte genau hier einen Wendepunkt markieren.
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«Der Markt belohnt selektive Entschlossenheit», meint Bareuther. «Wer seine Equity Story an höhere Renditeanforderungen und strategische Resilienz anpasst, findet 2026 wieder ein Zeitfenster, das lange geschlossen war.»
Investor Wanja Humanes, Managing Director von Kickfund, meint: «Exits sind zurück, aber selektiv: Nach ersten Exit-Signalen in den letzten zwölf Monaten sehen wir 2026 mehr Abschlüsse. Gewinner sind nicht die lautesten Start-ups, sondern jene mit industrieller Relevanz, belastbaren Kunden und klarer Differenzierung.»
M&A werden damit nicht zum Notausgang, sondern wieder zu dem, was sie lange waren: ein planbarer, respektabler und oftmals nachhaltiger Endpunkt unternehmerischer Entwicklung.
Dies wäre keine Venture-Capital-Kolumne, wenn künstliche Intelligenz darin keine Rolle spielen würde. Doch der entscheidende Punkt für 2026 ist nicht, dass weiterhin grosse Summen in AI-getriebene Unternehmen fliessen.
Entscheidend ist, dass KI den Markt strukturell verändert, und zwar in einer Weise, die Selektivität erzwingt. Der Zugang zu Kapital wird ungleicher, die Spreizung zwischen den besten Unternehmen und dem breiten Mittelfeld nimmt zu, und genau dadurch wird sichtbar, wo tatsächlich nachhaltige Wertschöpfung entsteht.
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In den vergangenen Jahren konnten viele Unternehmen von einem Umfeld profitieren, in dem Kapital breit verteilt wurde und technologische Schlagworte oft ausreichten, um Finanzierungsrunden zu rechtfertigen. Diese Phase ist vorbei. KI wirkt heute wie ein Beschleuniger bestehender Unterschiede: Unternehmen mit klarer Marktposition, belastbarer Technologie und funktionierender Organisation werden schneller besser, effizienter und skalierbarer. Unternehmen ohne diese Grundlagen verlieren relativ an Boden, nicht weil sie schlechter arbeiten als zuvor, sondern weil der Vergleichsmassstab gestiegen ist.
Für Investoren bedeutet das eine Rückkehr zu Überzeugung. Portfolios lassen sich nicht mehr über thematische Breite oder optionale Wetten rechtfertigen, sondern über die Fähigkeit, früh zu erkennen, welche Teams und Geschäftsmodelle tatsächlich Traktion, Preissetzungsmacht und Verteidigungsfähigkeit entwickeln können. Das erfordert tiefere Auseinandersetzung, klarere Thesen und den Mut, öfter Nein zu sagen, auch zu scheinbar attraktiven Opportunitäten.
«Eine klare ‹Flight to Quality› prägt die Kapitalallokation», sagt Emanuele Larocca von 14Peaks Capital. «Investoren belohnen vertikale Fokussierung, Infrastruktur statt Tools und zukunftssichere regulatorische Compliance und nicht laute, kurzfristige Erfolge.»
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Die Entwicklung mag kurzfristig schmerzhaft sein, weil sie den Markt verengt und Spielräume reduziert. Langfristig ist sie jedoch gesund. Sie stärkt jene Unternehmen, die Substanz aufbauen, und sie diszipliniert ein Ökosystem, das sich in den Jahren der Überliquidität zu oft auf Annahmen verlassen hat. Weniger Breite, mehr Tiefe. Weniger Story, mehr Realität. 2026 wird damit kein bequemes Venture-Jahr – aber eines, das die Grundlage für nachhaltige Renditen legt.
«Für 2026 erwarten wir, dass sich das positive Finanzierungs-Momentum fortsetzt», so Larocca. «Besonders im Fintech-Bereich zeigen sich wieder Erholungssignale – sowohl bei Frühphaseninvestitionen als auch bei Exits.»
Die Schweiz geht in dieses neue Venture-Capital-Jahr aus einer vergleichsweise stabilen Ausgangslage heraus. Nicht weil sie von den globalen Zyklen entkoppelt wäre, sondern weil ihre strukturellen Stärken genau in einem Umfeld zum Tragen kommen, das weniger von Geschwindigkeit und mehr von Substanz geprägt ist. Diese Verschiebung beobachtet auch Steffen Ehrhardt vom Swiss ICT Investors Club (SICTIC): «Der KI-Hype bleibt präsent, aber Kapital fliesst zunehmend dorthin, wo echte Verteidigungsfähigkeit entsteht, über Daten, Compute und technologische Tiefe, nicht über kurzfristige Narrative.»
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Forschungstiefe, industrielle Nähe, ein hoher Anteil an Deeptech- und B2B-Geschäftsmodellen sowie eine traditionell vorsichtige Kapitalallokation haben dazu geführt, dass viele Schweizer Start-ups robuster durch die vergangenen Jahre gekommen sind als ihre internationalen Pendants. Investor Wanja Humanes meint: «Defensetech kommt in der Schweiz an. Gleichzeitig bleibt AI zwar omnipräsent, doch Kapital fliesst zunehmend nur noch in echte Defensibilität: proprietäre Daten, Hardware und Kundenmehrwert.»
Gleichzeitig darf man sich nichts vormachen: Die Schweiz leidet nicht an einem Mangel an Innovation, sondern an der Übersetzung dieser Innovation in skalierbare, Exit-fähige Unternehmen. Zu lange war das Ökosystem stark auf frühe Förderphasen fokussiert, während Wachstumskapital, internationale Skalierung und strukturierte Exit-Pfade weniger systematisch adressiert wurden. Genau hier setzen die aktuellen Massnahmen an. Mit der schrittweisen Rückkehr von M&A-Aktivität und einem selektiv funktionierenden IPO-Markt entstehen erstmals seit Jahren wieder mehrere realistische Liquiditätspfade parallel.
2026 könnte damit weniger das Jahr der vielen neuen Gründungen werden als das Jahr, in dem bestehende Schweizer Technologieunternehmen den nächsten Reifeschritt vollziehen. Sollte dies gelingen, würde sich eine Hoffnung bestätigen, die seit Langem im Raum steht: dass die Schweiz nicht nur exzellent darin ist, Technologie zu entwickeln, sondern zunehmend auch darin, sie marktwirksam und renditestark zu realisieren.
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