Nullzinsen helfen Schuldnern und Immobilienbesitzern – doch sie haben ihren Preis: Junge finden kaum Wohneigentum, Neumieten steigen, und die Geldpolitik verliert Spielraum.
Klaus Wellershoff
«So mancher wird sich in den kommenden Jahren verfluchen, nicht auf den Rentenbezug gesetzt zu haben» schreibt Gastautor Klaus Wellershoff.HZ
So eine Frage überrascht. Steckt doch in jedem von uns ein Trump, wenn es um den Wunsch nach tiefen Zinsen geht. Tiefe Zinsen bedeuten nicht nur günstige Kredite, sondern auch höhere Vermögensbewertungen. Anleger schweben auf Wolke sieben. Nur der Kleinsparer ist der Gelackmeierte, weil er auf sein Sparguthaben nichts mehr bekommt.
Zurzeit liegen die Geldmarktzinsen bei uns bei null Prozent, zehnjährige Anleihen der Eidgenossenschaft rentieren nur gerade ein halbes Prozent, und zehnjährige Hypotheken gibt es für 1,5 Prozent. Und das trotz einer Inflationsrate von 1 Prozent. Geld leihen kostet inflationsbereinigt also praktisch nichts.
Für die Gesellschaft als Ganzes ist das problematisch. Ein Teil von uns fühlt sich zwar deutlich reicher. So sind hohe Immobilienpreise gut für unsere Pensionskassen und, wenn wir selbst Wohneigentum besitzen, für unser Vermögen. Tiefe Hypothekarzinsen haben aber auch Folgen für den Mietmarkt, senken unsere Produktivität und schmälern unsere Alterseinkommen.
Der Gastautor
Der Ökonom Klaus Wellershoff ist Gründer und Verwaltungsratspräsident von Wellershoff & Partners.
Beginnen wir beim Wohnen. Wer eine Wohnung hat, wohnt vergleichsweise günstig. Wer eine Wohnung sucht, findet diese wegen der hohen Immobilienpreise und stark gewachsener Ausbaustandards nur zu einer hohen Miete. So sind die Bestandsmieten in den letzten 25 Jahren inflationsbereinigt um 10 Prozent gesunken, die Neumieten aber um real 40 Prozent gestiegen. Für ältere Menschen ist es nicht mehr sinnvoll, sich zu verkleinern, weil kleinere Wohnungen teurer sind als die grosse, in der man wohnt. Der Mietmarkt wird ineffizient.
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Auch der Traum von den eigenen vier Wänden hat sich für unsere Jungen ausgeträumt. Wer über kein Vermögen aus Erbschaft oder Erbvorbezug verfügt, kann angesichts der hohen Preise einen Immobilienkauf nicht mehr finanzieren. Die Folge: Begüterte Familien zahlen dank tiefer Hypothekarzinsen weniger für den Wohnraum als andere. Wie sich teure Neumieten und verwehrter Zugang zu Wohneigentum politisch auswirken, kann man besonders stark in den bei den Jungen beliebten Städten sehen. Tiefe Zinsen treiben einen Keil in die Gesellschaft, den keiner wollen kann.
Weitere negative Auswirkungen der tiefen Zinsen gefällig? Angesichts der hohen, zinsbedingten Aufwertungsgewinne der Vergangenheit sind die Renditeerwartungen unserer Pensionäre systematisch nach oben verzerrt. Die Folge: Immer mehr Menschen beziehen aus ihrer Pensionskasse Kapital statt einer Rente. Der Blick zurück trügt aber. Wenn die Zinsen einmal unten sind, gibt es keine Aufwertungsgewinne mehr, und die laufenden Renditen auf den zukünftigen Anlagen sind tief. So mancher wird sich in den kommenden Jahren verfluchen, nicht auf den Rentenbezug gesetzt zu haben.
Oder dies: Volkswirtschaftlich betrachtet führen tiefe Zinsen zu Investitionen, die tendenziell nur einen niedrigen Produktivitätsfortschritt zur Folge haben. Das heisst, wir investieren zu viel in Beton und zu wenig in zukünftige Wertschöpfung. Damit sinkt das Trendwachstum unseres Landes.
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Und schliesslich schränken tiefe Zinsen den Spielraum unserer Geldpolitik ein. Derzeit wächst die Schweiz. Warum brauchen wir dann einen negativen realen Leitzins? Das ist historisch betrachtet ein Mittel, um eine schwache Konjunktur zu beleben oder die Wirtschaft aus einer Rezession zu führen. Anders ausgedrückt: Kommt es zu einer Wachstumsverlangsamung, kann die Nationalbank nur noch mit Negativzinsen reagieren, weil der Leitzins ja bei null liegt.
Was meinen Sie? Sind unsere Zinsen zu tief?
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