Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Welt. Ihre Wirtschaft wächst aber seit Jahrzehnten nur langsam. Wie passt das zusammen? Ein Teil der Antwort hat mit den Preisen im Handel mit dem Ausland zu tun.
Man stelle sich vor, die Schweiz verkaufe Uhren ins Ausland und kaufe dafür Öl. Bekommt sie für eine Uhr plötzlich mehr Öl als früher, ist sie reicher geworden, obwohl sie keine einzige Uhr mehr produziert hat. Im Jargon nennt man dieses Tauschverhältnis die «Terms of Trade»: wie viel ein Land für seine Exporte an Importen erhält.
Genau das ist der Schweiz bis Mitte der 1990er-Jahre gelungen. Von 1980 bis 1995 stiegen die Terms of Trade um knapp 30 Prozent. Importgüter wurden im Verhältnis zu den Inlandpreisen um gut einen Viertel billiger, während die Exportpreise hoch blieben. Ein signifikanter Teil des realen Einkommenszuwachses und Wohlstandsgewinns dieser Jahre stammte folglich nicht aus mehr Produktion, sondern aus steigenden Terms of Trade. Die übliche Wachstumszahl, das reale Bruttoinlandprodukt, erfasst dies nicht: Sie zählt nur, wie viel produziert wird, und nicht, was man sich dafür kaufen kann.
Der Gastautor
Boris Zürcher war bis Ende 2024 Direktor für Arbeit beim Seco und ist regelmässig Gastautor der Handelszeitung.
Dahinter standen drei Kräfte. Erstens die Spezialisierung auf Qualitätsprodukte mit Preissetzungsmacht: Pharma, Uhren, Präzisionsinstrumente, Spezialmaschinen. Zweitens günstige Rohstoffe, namentlich nach dem Ölpreiszerfall ab Mitte der 1980er-Jahre. Drittens der erstarkende Franken, der Importe verbilligte und gleichzeitig die Exportindustrie zwang, in immer höherwertige Wertschöpfungssegmente vorzustossen.
Ab Mitte der 1990er-Jahre hörte dieser Preisvorteil auf. Die Schweiz wurde danach auf andere Weise reicher: Sie verkaufte mehr. Mit den bilateralen Verträgen, der Personenfreizügigkeit und der Einbindung in die globalen Wertschöpfungsketten stieg der Anteil des Aussenhandels an der Wirtschaftsleistung von einem Drittel auf die Hälfte.
Seit der Finanzkrise 2008 hat sich das Bild erneut verändert. Die Kaufkraft der Schweiz wächst seither etwas langsamer als ihre Produktion. Grund dafür ist vor allem der starke Franken, was paradox klingt, denn ein starker Franken macht Importe billiger. Doch die Schweiz verkauft jedes Jahr deutlich mehr ins Ausland, als sie von dort kauft. Erstarkt der Franken, müssen die Exportfirmen ihre Preise in Franken senken, um im Ausland konkurrenzfähig zu bleiben (Pricing to market). Die Exporterlöse sinken stärker, als durch billigere Importe gewonnen wird.
Was bedeutet das nun? Erstens: Die Zeit, in der die Schweiz einfach durch günstige Preise reicher wurde, ist vorbei. Mehr Wohlstand muss daher zwingend durch höhere Produktivität erzielt werden. Zweitens liegen die grössten Potenziale dort, wo der Wettbewerb fehlt: im geschützten Binnensektor mit seinen hohen Preisen in Landwirtschaft, Gesundheit, Strom, Bau oder Handel, der ausserdem in den letzten Jahren stark gewachsen ist. Hohe Inlandpreise schmälern die Kaufkraft der Erlöse aus dem Exportsektor. Mehr Wettbewerb im Inland würde die Preise senken und damit die Kaufkraft stärken. Drittens ist die Schweiz verwundbarer geworden. Mit dem gestiegenen Handelsanteil schlagen Preisschocks stärker durch, und die Entwicklung der Terms of Trade hängt zunehmend an einer einzigen Branche, der Pharma, deren Preise politisch unter Druck geraten. Die Schweizerische Nationalbank kann daran wenig ändern. Sie kann den Franken kurzfristig bremsen, nicht aber dauerhaft schwächen.
Fazit: Die Schweiz wurde nicht nur durch Fleiss reich, sondern auch dank steigender Terms of Trade. Diese Phase ist vorbei. Daraus folgt: Soll der Wohlstand auch in Zukunft wachsen, muss dort angesetzt werden, wo die Schweiz am wenigsten offen ist: im Inland – was letztlich keine neue Erkenntnis ist.
Der Gastautor war bis Ende 2024 Direktor für Arbeit beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco).