Abo
Carte Blanche

Betroffene, Arbeitgeber und Versicherer müssen zusammenspannen

Arbeitsausfälle aufgrund psychischer Erkrankungen haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Diese Negativspirale kann durchbrochen werden.

Reto Dahinden

file8489yart7plu473fw8k
«Die Crux bei psychischen Erkrankungen ist, dass sie gesellschaftlich nach wie vor tabuisiert sind», hält Reto Dahinden fest. SARA KELLER PHOTOGRAPHY

Werbung

Schaut man sich als Krankentaggeldversicherer die nackten Zahlen an, so könnte einem angst und bange werden: Psychische Erschöpfung und Depressionen scheinen sich in den vergangenen Jahren zu echten Volkskrankheiten entwickelt zu haben. Vollzeitbeschäftigte in der Schweiz sind 2024 durchschnittlich 8,3 Arbeitstage krankheitsbedingt ausgefallen – 35 Prozent häufiger als noch im Jahr 2010. Doch dieser Durchschnittswert zeigt nur die halbe Wahrheit. Der Zuwachs ist nämlich zum überwiegenden Teil psychischen Erkrankungen geschuldet, und entsprechende Absenzen dauern im Mittel 218 Arbeitstage.
Reto Dahinden ist CEO der Swica, des grössten Schweizer Krankentaggeldversicherers.
Solche Langzeitausfälle sind sowohl aus individueller wie auch aus volkswirtschaftlicher Sicht ein ernstes Problem. Für die Betroffenen ist die Situation äusserst belastend, denn zu den gesundheitlichen Problemen gesellt sich oft noch die Angst um den Arbeitsplatz und die berufliche Zukunft. Für Arbeitgeber hingegen ist es schwierig, weil sie nicht wissen, wann oder ob sie mit einer Rückkehr rechnen können. Und in Branchen mit Fachkräftemangel müssen häufig die Teamkolleginnen und -kollegen den Arbeitsausfall auffangen und laufen damit selbst Gefahr, ihre Gesundheit über Gebühr zu strapazieren. Zu guter Letzt muss der Betrieb auch noch eine Erhöhung seiner Versicherungsprämie gewärtigen, weil diese die Kosten nicht mehr deckt.

Partner-Inhalte

Wie kommen wir aus dieser Negativspirale heraus? Wir bei der Swica setzen stark auf Prävention. Gerade bei psychischen Erkrankungen lohnt sich jede Massnahme, welche die Fallzahl vermindern kann. Hilfreich ist ein gut ausgebautes betriebliches Gesundheitsmanagement, das sich nicht nur um die Früchteschale im Pausenraum kümmert, sondern konsequent auch auf psychische Themen fokussiert. Erste Massnahmen können sehr niederschwellig sein: die Sensibilisierung von Führungspersonen für frühe Anzeichen unguter Entwicklungen, die Einführung eines Absenzenmanagements oder ein Erste-Hilfe-Kurs für psychische Gesundheit. Diese Punkte sind auch in kleineren Unternehmen umsetzbar. Wer mehr tun will, kann auf eine breite Palette an Workshops und Coachings zurückgreifen. Selbstverständlich lassen sich auch mit der besten Prävention nicht alle Ausfälle verhindern, zumal der Auslöser nicht selten im privaten Umfeld zu finden ist. Im konkreten Fall ist es wichtig, Betroffene eng zu begleiten und individuelle Lösungen zu finden. So ist es beispielsweise nicht immer sinnvoll, eine Person zu 100 Prozent krankzuschreiben. Es kann sein, dass der Verlust eines strukturierten Arbeitsalltags sogar kontraproduktiv wirkt.

Werbung

Die Crux bei psychischen Erkrankungen ist, dass sie gesellschaftlich nach wie vor tabuisiert sind und sich über lange Zeit verbergen lassen. Wer bei einem Sturz mit dem Mountainbike einen komplizierten Armbruch erleidet und mehrere Wochen ausfällt, kann auf Mitgefühl zählen und wird insgeheim vielleicht sogar für seine Waghalsigkeit bewundert. Wer aber ein Burn-out erleidet, fühlt sich häufig schuldig und behält seine Probleme lieber für sich, bis gar nichts mehr geht. Dieser ungleiche Umgang kann im Extremfall dazu führen, dass sich Betroffene absichtlich verletzen, um die benötigte Erholung und Aufmerksamkeit zu erhalten.
Als Krankentaggeldversicherung sehen wir es als unsere Aufgabe, Instrumente anzubieten, die verhindern, dass es so weit kommt. Doch wir können alle – in unseren Rollen als Arbeitgeber, Bürokollegin, Freund oder Nachbarin – dazu beitragen. Indem wir unser Sensorium schärfen, entsprechende Warnzeichen frühzeitig ansprechen und auf professionelle Hilfsangebote hinweisen. Denn je früher die Negativspirale durchbrochen wird, desto besser stehen die Chancen für eine rasche Genesung.

Werbung

Werbung