Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat anlässlich ihrer letzten Lagebeurteilung entschieden, den Leitzins unverändert bei null Prozent zu belassen. Analysten hatten nichts anderes erwartet. Mithin hat die SNB nur getan, was von ihr erwartet wurde. Das Publikum hat sich daran gewöhnt: Die Realzinsen in der Schweiz liegen spätestens seit 2015 praktisch dauerhaft im negativen Bereich. In der frühsommerlichen Hitze Anlass zu einer Jeremiade.
Denn was als nüchterne, technokratische Entscheidung daherkommt, birgt im Kern eine gesellschaftliche Tragödie. Wenn die SNB in ihren Modellen zum Schluss kommt, dass der neutrale Realzins – das sogenannte r* – in der Schweiz gegen null tendiert, ist das nicht nur ihre Einschätzung zum wohl wichtigsten Parameter der Geldpolitik. Es ist auch ein Bruch mit dem Versprechen, das über Generationen das Fundament unseres Zusammenlebens bildete: dem Versprechen auf Fortschritt, auf Aufstieg durch Leistung und auf eine bessere Welt von morgen.
Der Zins war historisch immer schon mehr als nur eine Gebühr für geliehenes Geld. Er war die quantifizierte Hoffnung einer Gesellschaft: Wer heute auf Konsum verzichtet, spart und investiert, baut für eine Zukunft, die produktiver, reicher und innovativer sein wird als die Gegenwart. Wenn dieser Zins, im ökonomischen Jargon auch als «Rate der Zeitpräferenz» bezeichnet, dauerhaft bei null verharrt, stürzt diese Brücke in die Zukunft ein. Ein r* von null ist letztlich das ökonomische Eingeständnis, dass die Märkte für die kommenden Jahrzehnte mit Stagnation rechnen.
Der Gastautor
Rudolf Strahm war bis Ende 2024 Direktor für Arbeit beim Staatssekretariat für Wirtschaft.
Daraus erwächst eine lähmende Gegenwartsfixierung. Warum noch verzichten, warum für das Alter vorsorgen, wenn sich die momentane Entsagung nicht mehr lohnt? Die Tugend der aufgeschobenen Belohnung, auf welcher der Wohlstand westlicher Demokratien basiert, verblasst und macht einem fatalistischen Hedonismus des Augenblicks Platz.
Gleichzeitig verlagert sich das Streben der Gesellschaft vom Schaffen zum Bewahren. Stagnation vergrössert den ökonomischen Kuchen nicht mehr, was ein gnadenloses Nullsummenspiel und -denken befördert. Wohlstand entsteht nicht mehr durch bahnbrechende Ideen, unternehmerisches Risiko oder harte Arbeit. Wohlstand wird verwaltet und letztlich verteidigt. Es bricht das Zeitalter der Rentiers an. Immobilien, Boden, vererbtes Vermögen entscheiden über den Lebensstandard. Wer hat, dem wird gegeben; wer nur seine Arbeitskraft besitzt, hat das Nachsehen. Die soziale Mobilität erstarrt – das Erben triumphiert über Leistung.
Dieses Verharren an der Nulllinie führt schliesslich zu einer gefährlichen Zombiefizierung. Weil Kapital nichts mehr kosten darf, um überhaupt nachgefragt zu werden, hält das billige Geld auch unproduktive Unternehmen am Leben. Parasitär absorbieren diese Unternehmen Ressourcen, die anderswo effizienter genutzt werden könnten. Der Markt verliert seine koordinierende und disziplinierende Funktion. Das Ergebnis ist eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Erstarrung, in der sich alles um das Vermeiden von Risiken dreht und die Illusion von Sicherheit dominiert. Statt intensives Wachstum nur noch Wachstum in die Breite – mehr vom immer Gleichen anstatt mehr Neues und Besseres: ein endloses Verwalten eines erschöpften Status quo.
Die wirtschaftlichen Kennzahlen kaschieren das eigentliche Drama: Vordergründig geht es dem Land glänzend – die Arbeitslosigkeit ist tief, die Unternehmen exportieren erfolgreich, und der Wohlstand bleibt auf höchstem Niveau. Doch hinter dieser glitzernden Fassade konventioneller Erfolgsmessung offenbart die anhaltende Nullzinspolitik eine moralische und intellektuelle Bankrotterklärung. Ein dauerhafter Realzins von null ist das Eingeständnis, dass dem System die visionäre Kraft für zukunftsgerichteten Fortschritt fehlt. Man feiert den aktuellen Wohlstand, während die ökonomischen Grundlagen der kommenden Generationen abgeschrieben werden.
Ein Nullzins offenbart am Ende die nackte Ideen- und Perspektivlosigkeit unserer Zeit und des wohl reichsten Landes der Welt. Die Vision einer dynamischen, optimistischen Zukunft wird verdrängt von der Realität einer satten, alternden Gesellschaft, die sich in ihrer Komfortzone verbarrikadiert und nur noch darauf hofft, dass der unweigerliche Niedergang wenigstens schmerzlos vonstattengehe. «Goin’ down in style.»