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Kommentar zum Wohlstand

Die Kraft des Zufalls

Die Schweiz wurde nicht reich, weil Erfolg programmiert war. Ihr Wohlstand entstand aus Zufällen, Netzwerken und Entscheiden – und muss immer wieder neu gesichert werden.

«Unser Wohlstand ist kein festgeschriebenes Naturgesetz», schreibt Gastautor Boris Zürcher.
«Unser Wohlstand ist kein festgeschriebenes Naturgesetz», schreibt Gastautor Boris Zürcher.HZ

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Die Vorstellung, dass wirtschaftlicher Erfolg das zwangsläufige Ergebnis korrekter Kalkulation und von Schweizer Tugenden sei, gehört zu den oft kolportierten Mythen unseres Landes. Fragt man Ökonomen nach dem Fundament unseres Wohlstands, verweisen sie gerne auf Fleiss, unser Bildungssystem, stabile Institutionen oder offene Märkte. In dieser Lesart, angelehnt an ein bekanntes neoklassisches Wachstumsmodell, gleicht die Volkswirtschaft einer unzerstörbaren Stehaufpuppe. Egal, welche Krisen einbrechen, am Ende konvergiert das System verlässlich wieder gegen den ursprünglichen Wachstumspfad.
Doch dies übersieht die Kraft des Zufalls – oder das, was in der ökonomischen Theorie als «Nichtergodizität» bezeichnet wird. Ein ergodischer Prozess gleicht einem fairen Würfelspiel. Wer einen Würfel tausendmal hintereinander wirft, erhält statistisch exakt denselben Mittelwert, wie wenn tausend Leute gleichzeitig einmal würfeln. Die Vergangenheit ist irrelevant, Schocks sind temporär, das System löscht seine Geschichte aus. In einer nicht ergodischen Welt hingegen verhält sich die Wirtschaft wie ein Schneeball, der eine steile Bergflanke hinabrollt. Ein winziger Kiesel im Schnee oder eine Eisfläche entscheidet darüber, ob er mehr nach links oder rechts ins Tal fällt oder ob daraus sogar eine gefährliche Lawine erwächst. Und ist der Schneeball einmal im Fallen, gibt es kein Zurück mehr, der Prozess ist irreversibel und hat ein extremes Gedächtnis. Es hätte immer auch ganz anders ausgehen können.

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Nirgends wird diese Kontingenz deutlicher als in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Der Aufstieg des Landes war kein deterministischer Prozess, sondern eine Abfolge von Zufällen, die auf dichte lokale Netzwerke trafen und sich pfadabhängig verfestigten. Als Beispiel die Entstehung der Uhrenindustrie im Jurabogen im 16. Jahrhundert: Sie war das Resultat religiöser Verfolgung, welche französische Glaubensflüchtlinge, die Hugenotten, über die Grenze trieb. Diese brachten das Handwerk mit und trafen auf Bauern, die im Winter ungenutzte Arbeitskraft besassen. Hier griffen jene lokalen Komplementaritäten, wie sie die Theorie beschreibt: Weil der eine Bauer ein präzises Zahnrad fertigte, lohnte es sich für den anderen Bauern, die Feder zu verfeinern. Hätte Frankreich diese Minderheit damals toleriert, wäre der Jurabogen heute womöglich eine agrarische Peripherie.

Der Gastautor

Boris Zürcher war bis Ende 2024 Direktor für Arbeit beim Seco und ist regelmässig Gastautor der Handelszeitung.
Doch die Kehrseite dieser Pfadabhängigkeit ist der Sperrklinkeneffekt. Ein System, das sich auf einen Pfad festlegt, verliert mit der Zeit die Fähigkeit zur Anpassung. In der Uhrenindustrie folgte in den 1970er-Jahren mit der Quarzkrise das schmerzhafte Erwachen. Obwohl Schweizer Ingenieure die elektronische Quarzuhr miterfunden hatten, verharrte die Industrie auf dem Pfad der mechanischen Uhren. Die Folge war ihr fast vollständige Kollaps und der Verlust von zwei Dritteln der Arbeitsplätze. Es brauchte einen radikalen, koordinierten Kraftakt von Banken und einen entschlossenen Industriesanierer, um die Uhrenindustrie auf einen neuen Pfad zu heben. Der Erfolg dieses Unterfangens war nie im Voraus garantiert.

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Ob Pharma in Basel oder das Banking in Zürich oder Genf: Unser Wohlstand ist kein festgeschriebenes Naturgesetz, sondern das Ergebnis von Weichenstellungen – im richtigen Moment die richtige Abzweigung zu nehmen. Die Lehre aus dieser Theorie ist für ein reiches Land wie die Schweiz aufschlussreich. Erfolg ist nicht ergodisch. Wer sich auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruht, übersieht, dass der nächste historische Zufall das System auf einen Pfad der Stagnation führen kann. Wohlstand zu erarbeiten, ist eine tägliche Aufgabe. Und es hätte immer auch anders kommen können – und es kann morgen wieder anders sein.
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