Vermögen in der Schweiz wächst seit Jahren schneller als Einkommen und Wirtschaftsleistung. Das zeigt dieses Jahr eine Studie der Universität Luzern. Während das BIP und die Einkommen seit 2000 im Schnitt um 2,6 Prozent pro Jahr zulegten, stieg das private Vermögen um 3,9 Prozent. Heute entspricht es in etwa dem 4,2-Fachen der jährlichen Wirtschaftsleistung.
Das ist kein Detail. Das ist eine tektonische Verschiebung mit Folgen für die Stabilität unserer Volkswirtschaft. Denn eine erfolgreiche Volkswirtschaft lebt nicht von vermögenden Pensionierten, sondern von einer breiten Mittelschicht. Von Menschen, die durch Arbeit Vermögen aufbauen. Von Aufstiegsmöglichkeiten, die nicht vom Erbe abhängen. Doch diese Basis gerät unter Druck.
Vermögen konzentriert sich zunehmend bei jenen, die nicht mehr im Erwerbsleben stehen. Haushalte mit Personen über 65 verfügen im Median über fast zehnmal mehr Vermögen als die Jüngeren. Während ein durchschnittlicher Haushalt im Erwerbsalter etwa 90 Prozent des Jahreseinkommens als Vermögen hält, sind es bei den Pensionierten rund 550 Prozent.
Jamie Vrijhof ist Unternehmerin, Verwaltungsrätin, Referentin und Autorin. Sie ist Managing Partner von WHVP, einem Vermögensverwalter mit Fokus auf US-Kundinnen und -Kunden.
Vermögen wird kaum abgebaut, verfestigt sich und wird weitergegeben. Das wäre weniger problematisch, wenn gleichzeitig genügend neue Vermögen in der arbeitenden Mitte entstehen würden. Doch genau das geschieht immer weniger.Aus einer ökonomischen Entwicklung wird eine Frage der Fairness und der politischen Balance. Denn mit dem demografischen Wandel wachsen der Anteil und der Einfluss der Pensionierten. Eine wohlhabendere, ältere Wählerschaft trifft auf eine jüngere Generation, die steigende Abgaben, hohe Wohnkosten und erschwerte Vermögensbildung schultern muss. Hier beginnt das Problem: Unsere Politik verschärft diese Schieflage.
Für neue Ausgaben wie 13. AHV-Rente oder Landesverteidigung wird reflexartig die Mehrwertsteuer erhöht. Also jene Steuer, die alle zahlen, besonders aber die arbeitende Bevölkerung und Familien. Grosse Vermögen bleiben vergleichsweise geschont. Während der Vermögensaufbau vorhergehender Generationen begrüssenswert ist und dem Prinzip der Eigenverantwortung entspricht, darf das in der Schweiz so wichtige Solidaritätsprinzip nicht vergessen werden. Entsprechend widerspricht der Angriff auf die Mehrwertsteuer dem Schweizer Verständnis von Fairness und ist nicht erfolgversprechend.
Während Arbeit und Konsum zuverlässig besteuert werden, ist Vermögen zunehmend privilegiert. Die effektive Vermögenssteuer ist seit 1990 gesunken. Die Besteuerung von Erbschaften wurde drastisch reduziert. Immobilien, der grösste Vermögensposten, werden steuerlich oft deutlich unter Marktwert bewertet. Gleichzeitig besitzen 7 Prozent der Steuerpflichtigen rund 71 Prozent des Vermögens. Das Resultat ist eine stille Umverteilung – von Jung zu Alt, von arbeitend zu besitzend.
Eine solche Entwicklung untergräbt das Fundament unseres Wohlstands. Denn wenn sich Leistung weniger lohnt als Besitz, verliert die Mittelschicht ihre Perspektive. Und wenn die Mittelschicht an Stärke verliert, verliert die Volkswirtschaft ihre Dynamik und ihre Stabilität.
Es ist legitim, über die Finanzierung von AHV und Sicherheit zu sprechen. Aber es ist nicht legitim, die Rechnung einseitig der arbeitenden Bevölkerung zu präsentieren. Nachhaltige Finanzpolitik muss die Balance wiederherstellen: durch eine faire Bewertung von Immobilien und eine Entlastung von Arbeit und Unternehmertum. Über den Erfolg einer Volkswirtschaft entscheidet nicht, wie gross die Vermögen sind, sondern, wie breit sie getragen werden.