Die einen erhoffen sich dank der KI die Überwindung tödlicher Krankheiten, die anderen befürchten die Auslöschung der Menschheit. Wie soll ein ESG-Investor damit umgehen?
Adriel Jost
Adriel Jost ist Ex-SNB-Mitarbeiter, Fellow am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) in Luzern und Präsident des Thinktanks Liberethica.BILANZ
Was haben Finanzmärkte mit dem wahren Leben zu tun? Die wirklich wichtigen Fragen des Lebens werden anderswo behandelt, so ein gängiges Vorurteil. Die künstliche Intelligenz zeigt, dass dies nicht stimmt. Ihre rasanten Fortschritte sind nur dank massivem Kapitaleinsatz und damit auch dank den Finanzmärkten möglich. Und kaum jemand würde bestreiten, dass die Auswirkungen von KI auf unser Leben enorm sein werden.
Uneinigkeit besteht allerdings darüber, ob diese Investitionen der Menschheit nützen oder schaden. Einerseits weckt KI Hoffnungen, den Tod wenn nicht zu überwinden, dann zumindest stark hinauszuzögern. Milliarden werden in die Erforschung der sogenannten zellulären Reprogrammierung investiert, mit der gealterte Zellen in einen jugendlicheren Zustand zurückversetzt werden sollen. Anthropic-CEO Dario Amodei erwartet, dass sich die Lebenserwartung innerhalb von zehn Jahren verdoppelt. Demis Hassabis, Chemie-Nobelpreisträger und Gründer von Google DeepMind, hält es sogar für möglich, dass wir innerhalb eines Jahrzehnts mithilfe von KI alle Krankheiten heilen können.
Andererseits warnen zahlreiche Stimmen vor den Gefahren der KI-Entwicklungen und fordern deshalb einen raschen Stopp entsprechender Investitionen. Nur so lasse sich verhindern, dass eine immer leistungsfähigere KI die Menschheit auslösche – sei es durch die unkontrollierte Verbreitung von Viren, ihren Einsatz im militärischen Bereich oder die Erosion der gesellschaftlichen Widerstandsfähigkeit durch wiederholte wirtschaftliche Destabilisierung.
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«KI bringt die Schwierigkeit von ESG auf den Punkt. Vieles in dieser Welt hat zugleich Gutes und Schlechtes.»
Kurz: Beim Thema KI geht es um existenzielle Fragen. Es zeigt exemplarisch, wie Investitionen der Finanzmärkte unser Leben verändern können. Dass Investitionen Auswirkungen haben, ist dabei keine Neuigkeit. Seit der Jahrtausendwende haben ESG-Kriterien an Bedeutung gewonnen. Investitionen sollen bewusst daraufhin geprüft werden, welche Risiken sie für Umwelt und Menschen bergen.
So sinnvoll solche Kriterien erscheinen, bringt KI ihre Schwierigkeit auf den Punkt. Vieles in dieser Welt hat zugleich gute und schlechte Seiten. Ist es moralisch vertretbar, in KI zu investieren, oder im Gegenteil sogar moralisch geboten? Ihr Energieverbrauch ist massiv, das Missbrauchspotenzial gross. Aber was, wenn KI dafür hilft, Krankheiten zu überwinden?
Auch andere Technologien ermöglichen Gutes und bergen gleichzeitig erhebliche Gefahren. Ähnliche Fragen stellen sich bei der Kernenergie oder der Rüstungsindustrie. KI unterscheidet sich jedoch dadurch, dass sie bereits heute für Wirtschaft und Finanzmärkte eine ungleich grössere Bedeutung erlangt hat. Wer nicht in KI investieren möchte, schliesst weite Teile der Wirtschaft aus und hätte zumindest in den vergangenen Jahren auf einen gewichtigen Teil der Rendite verzichten müssen.
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KI zeigt den Kapitalismus in extremis, und damit auch seine Dilemmas. Enorme Investitionssummen ermöglichen fantastische Möglichkeiten: Gesundheit, Überfluss, Leben. Gleichzeitig verleiht KI dem Menschen Instrumente und damit eine Macht, die ihn überfordern könnte, mit Krankheit, Krisen und Tod als möglichen Folgen.
Doch dies ist letztlich nicht ein Problem der Finanzmärkte oder des Kapitalismus. Diese potenzieren lediglich ein grundlegendes menschliches Dilemma. Wie es der russische Schriftsteller und Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn einst formulierte: «Die Linie, die Gut und Böse trennt, verläuft nicht durch Staaten, auch nicht zwischen Klassen oder politischen Parteien – sondern direkt durch jedes menschliche Herz.»
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