Die enorm dynamische Entwicklung der künstlichen Intelligenz (KI) verändert die Arbeitswelt gerade tiefgreifend. Anekdotische Berichte und erste statistische Hinweise deuten darauf hin, dass insbesondere Einstiegsstellen unter Druck geraten.
Diese Stellen umfassen oft grundlegende, teilweise auch eher mühsame Aufgaben: Daten aufbereiten und analysieren, erste Recherchen durchführen, Entwürfe für Präsentationen erstellen oder administrative Tätigkeiten wie das Verfassen von Sitzungsprotokollen. Solche Arbeiten sind zeitintensiv, und KI kann genau hier ihre Stärke ausspielen. Ein KI-Agent erledigt viele dieser Aufgaben schneller, günstiger und oft mit weniger Fehlern als ein Berufseinsteiger. Wer kurzfristig Kosten senken will, findet deshalb gute Gründe, solche Tätigkeiten zu automatisieren.
Adriel Jost ist Ex-SNB-Mitarbeiter, Fellow am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) in Luzern und Präsident des Thinktanks Liberethica.
Die offensichtliche Frage lautet jedoch: Woher kommen künftig die «Seniors», wenn es keine «Juniors» mehr gibt? Erfahrene Fachkräfte entstehen nicht aus dem Nichts. Sie entwickeln ihre Expertise, weil sie sich über Jahre hinweg in Details vertiefen, Routinen aufbauen, Zusammenhänge erkennen und Methoden verinnerlichen. Die oft mühsame Kleinarbeit am Anfang einer Karriere ist ein zentraler Bestandteil des Lernprozesses. Gerade dort entstehen Intuition, Urteilsvermögen und Fachwissen.
Partner-Inhalte
Werbung
Bisher lohnte es sich für Unternehmen, diese Ausbildung mitzutragen. Sie erhielten dadurch Zugang zu Mitarbeitenden, die mit dem Unternehmen vertraut waren, und reduzierten die Rekrutierungskosten für spätere Fach- und Führungspositionen. Gleichzeitig profitierten sie von der produktiven Mitarbeit der Juniors. Die Tätigkeit von Juniors erzeugte selbst einen wirtschaftlichen Wert.
Mit KI könnte dieses Gleichgewicht nun ins Wanken geraten. Lohnt es sich für Unternehmen noch, in junge Personen zu investieren, wenn diese während ihrer Arbeitszeit deutlich weniger produktiv sind als ein KI-Agent?
Eine ähnliche Frage stellt sich seit Langem im Lehrlingswesen. Studien zeigen, dass sich die Ausbildung von Lernenden für viele Firmen wirtschaftlich knapp lohnt, allerdings nicht in allen Branchen gleichermassen. Über die Jahre hat sich dort aber auch eine weitsichtige Haltung etabliert: Wer morgen Fachkräfte benötigt, muss heute ausbilden. Unternehmen verstehen sich als Teil eines Systems, das nur funktioniert, wenn genügend Ausbildungsplätze angeboten werden. Auch Reputationsaspekte spielen eine Rolle: Unternehmen, die keine Lehrstellen anbieten, können öffentlich unter Druck geraten.
Ob sich eine vergleichbare Dynamik bei Junior-Stellen entwickelt, ist jedoch fraglich.
Werbung
Für Ausbildungsstätten eröffnet diese Entwicklung hingegen eine Chance. Schon heute können Hochschulen Erfahrungen vermitteln, die im Arbeitsalltag zu kurz kommen. Sich etwa durch mathematische Beweise zu arbeiten, schärft das Verständnis, fördert abstraktes Denken und stärkt die Fähigkeit, komplexe Probleme zu analysieren. Doch findet sich für dies in einer Firma keine Zeit, nur im Studium.
Ähnlich könnten künftig Ausbildungsstätten vermehrt die Studierenden ganz bewusst ohne KI-Unterstützung arbeiten lassen. Es gibt einen guten Grund, warum Primarschüler das Einmaleins lernen und nicht nur einen Taschenrechner erhalten. Wenn Studierende ohne KI-Krücken programmieren, Texte verfassen, juristische Fragestellungen bearbeiten oder analytische Probleme lösen lernen, könnten sie Fähigkeiten aufbauen, die sie von anderen abheben. Denn trotz KI werden denkstarke und methodisch versierte Mitarbeitende weiter gefragt sein.
An dieser Stelle findest du einen ergänzenden externen Inhalt. Falls du damit einverstanden bist, dass Cookies von externen Anbietern gesetzt und dadurch personenbezogene Daten an externe Anbieter übermittelt werden, kannst du alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen.