Es ist ernüchternd: Nach der aufreibenden Abstimmung zur Zehn-Millionen-Schweiz-Initiative stellt die Direktorin von Economiesuisse, Monika Rühl, in der NZZ wieder flugs die Forderung, welche die Wirtschaftsverbände seit Jahren mantraartig wiederholen: später in Pension zu gehen. «Wir müssen über eine Erhöhung des Rentenalters diskutieren. Wenn wir länger arbeiten würden, könnten wir den Druck auf die Zuwanderung reduzieren. Doch der politische Wille für solche Debatten fehlt leider», klagt Rühl. Gastro-Unternehmer Rudi Bindella bläst im «Tages-Anzeiger» ins selbe Horn: «Rentenalter siebzig würde den Fachkräftemangel entschärfen.»
Logisch: Wenn wir alle länger arbeiten, bräuchte es weniger Arbeitskräfte aus dem Ausland, und die Sozialwerke würden gestärkt. Eine gewisse Bereitschaft zu einer Erhöhung der Lebensarbeitszeit ist bei der Schweizer Bevölkerung auch durchaus vorhanden. Laut einer repräsentativen Deloitte-Umfrage vom August 2025 können sich 69 Prozent der Schweizer und Schweizerinnen grundsätzlich vorstellen, nach dem ordentlichen Renteneintrittsalter weiterzuarbeiten. Dies aus ganz verschiedenen Motiven: finanzielle Attraktivität, Vermeidung von Langeweile, soziale Kontakte und so weiter. Eigentlich eine gute Ausgangslage für die Wirtschaft.
Doch solange sie kein stärkeres Commitment zeigt, Ältere überhaupt zu beschäftigen, muss sie sich nicht wundern, wenn die Erhöhung des offiziellen Rentenalters politisch nicht durchsetzbar ist. Seit Jahren wird das Thema der über Fünfzigjährigen intensiv in der Öffentlichkeit diskutiert. Passiert ist wenig. Nach wie vor verzweifeln viele stellensuchende über Fünfzigjährige, weil sie trotz guten Qualifikationen kaum Einladungen zu Vorstellungsgesprächen erhalten oder nicht auf Augenhöhe behandelt werden, wenn es zu einem Austausch kommt. Durch die schwierige konjunkturelle Lage der letzten Monate häufen sich die Klagen über Altersdiskriminierung im Arbeitsmarkt erst recht.
Die Gastautorin
Karin Kofler ist regelmässige Gastkolumnistin und selbstständige Publizistin. Sie ist derzeit als Sabbatical-Vertretung für die Handelszeitung tätig.
Gemäss den Arbeitsmarktzahlen des Seco hat sich der Anteil der Langzeitarbeitslosen bei den 50- bis 64-Jährigen in den letzten Monaten deutlich erhöht. Im Mai waren im Vergleich zum Vorjahresmonat fast 30 Prozent mehr über Fünfzigjährige als langzeitarbeitslos gemeldet. Die durchschnittliche Suchdauer dieser Altersgruppe ist seit Januar von 8 auf 8,7 Monate angestiegen.
Hinzu kommt: Durch das Wettrennen um die Implementierung von künstlicher Intelligenz in den Unternehmen werden Vorurteile, mit denen ältere Arbeitnehmer seit jeher konfrontiert sind, noch verstärkt: etwa dass sie technologisch zu wenig fit und agil seien. Wen wunderts, dass viele über Fünfzigjährige, die auf Jobsuche sind, sich fast schon panikartig für teure KI-Seminare anmelden, um Kompetenz im Thema zu signalisieren.
«Beim inländischen Arbeitskräftepotenzial liegt die Verantwortung sowohl bei der Wirtschaft als auch bei der Politik», sagt Monika Rühl. Das ist wahr. Wenn die Economiesuisse-Chefin den Boden für eine Erhöhung des Rentenalters ebnen will, sollte sie zuallererst die Unternehmen dazu anhalten, der Stigmatisierung der älteren Arbeitnehmenden endlich systematisch entgegenzutreten, in ihre Weiterbildung zu investieren, sie mit über fünfzig wie selbstverständlich einzustellen, ihre Kompetenzen und Lebensläufe unvoreingenommen zu beurteilen. Es ist Zeit für eine ernsthafte Charmeoffensive bei der Generation X, der die berufstätigen über Fünfzigjährigen grösstenteils angehören. Häufiger als andere Generationen sah sie sich einem fundamentalen technologischen Wandel ausgesetzt. Die Xler sind einsatzfreudig und bekannt für ihre Loyalität, wenn sie sich im Job wohlfühlen. Beste Aussichten also für Firmen, sie bis siebzig in ihren Reihen zu halten.