Wie kΓΆnnen Sie einen Wissensvorsprung beim Anlegen erlangen? Diese Frage treibt Anleger seit jeher um. Manche sehen die Antwort in Daten. Sie glauben, mit einem schnellen Datenzugang geheimnisvolle statistische ZusammenhΓ€nge oder Muster erkennen zu kΓΆnnen. Mit dieser Grundannahme verwalten Β«quantitativeΒ» Fondsmanager Milliarden. Aber nicht nur sie: Der Glaube an die Γberlegenheit der Daten ist weit verbreitet.
Doch es gibt eine Schwachstelle: Daten sind heute so etwas wie ein Rohstoff. Ein Smartphone kann fast endlos viele Daten nutzbar machen. Und die meisten Profis berΓΌcksichtigen Γ€hnliche Zahlen. Das heisst: Alles, was jeder tun kann, bringt keinen wirklichen Anlagevorteil.
Γber den Autor
Ken Fisher ist GrΓΌnder und Executive Chairman von Fisher Investments, einer VermΓΆgensverwaltungsfirma mit Niederlassungen in sechs LΓ€ndern, die rund 188 Milliarden Dollar verwaltet. Fisher zΓ€hlt zu den einflussreichsten (und auch reichsten) Investment-Managern der USA.
Vor Jahrzehnten, in den Zeiten vor dem Internet, waren Informationen rar, also wertvoll. Man musste sie einsammeln. Die Zeitung kam morgens und enthielt die Nachrichten des Vortags. Zeitschriften? Vielleicht einmal in der Woche oder im Monat β also noch Γ€ltere Nachrichten. Tiefergehende Analysen erforderten hΓ€ufig den Gang in die Bibliothek, das Durchforsten der wenigen vorhandenen Berichte, Mikrofichen und Archive.
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Auch die Nutzung war anstrengend. Es gab keine Algorithmen oder Excel-Tabellen, um die Daten leicht anzuordnen und Hypothesen schnell zu ΓΌberprΓΌfen. Mein Vater Philip Fisher besass Datenverarbeitungs-Tools wie einen Komptometer mit Handkurbel und einen Bleistift. Das reichte damals, um zur Anlegerlegende zu werden. Als ich anfing, hatte ich nur wenig mehr. Die ΓberprΓΌfung neuer Theorien erforderte mΓΌhevolle Kleinarbeit.
MΓΌhselige Kleinarbeit
Als ich vor ΓΌber vierzig Jahren das Kurs-Umsatz-VerhΓ€ltnis (KUV) entwickelte, um ΓΌbersehene werthaltige Aktien zu finden, wirkte das Wunder. Das KUV verglich die Marktkapitalisierung eines Unternehmens mit seinen UmsΓ€tzen. Das machte eine Menge Arbeit. Ich sammelte die Daten aus dem tΓ€glichen Β«Earnings DigestΒ» des Β«Wall Street JournalΒ», aus Quartalsberichten von Unternehmen und den monatlichen Β«AktienfΓΌhrernΒ» der Makler, um die KUV zu berechnen. Das war ermΓΌdend und zeitraubend.
Β«Die verbreitete Bekanntheit und VerfΓΌgbarkeit erodieren jeglichen Vorteil, den diese Tools einmal boten.Β»
Es funktionierte genau deswegen, weil die anderen es nicht nutzten. Nur wenige verstanden die Idee oder verfΓΌgten ΓΌber die Zeit, die HartnΓ€ckigkeit oder die Ressourcen, sie auf breiter Basis umzusetzen. Nachdem das KUV 1984 die Grundlage meines Buches mit dem Titel Β«Super StocksΒ» geworden war, nahm die PopularitΓ€t zu. Die UniversitΓ€ten lehrten es, die Medien stellten es vor. Die zunehmende Nachfrage nach KUV machte die Daten zugΓ€nglicher. Die Aktien preisten es ein und untergruben damit seine Macht.
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SpΓ€ter machte das Internet die Daten leichter zugΓ€nglich und beschleunigte diesen Prozess. Alle bekannten Daten-Tools β von BewertungsmassstΓ€ben bis hin zu den gerade begehrten hochfrequenten wirtschaftlichen Kennzahlen, mit denen Covid-19-Fallzahlen und Restaurantreservierungen abgeglichen werden β stehen Ihnen mit wenigen Klicks zur VerfΓΌgung. Die verbreitete Bekanntheit und VerfΓΌgbarkeit erodieren jeglichen Vorteil, den diese Tools einmal boten.
Β«Bewegen Sie sich nicht im Windschatten der Daten-Zauberer. Schauen Sie, was die Daten-Freaks als falsch abtun.Β»
Statt das zu akzeptieren, suchen Fachleute, Firmen, die quantitativ analysieren, und alle anderen, die hochleistungsfΓ€hige Datenverarbeitungs-Tools doppelt nutzen, nach immer mehr Daten und tieferen statistischen ZusammenhΓ€ngen. Ihre Anstrengungen machen es nahezu unmΓΆglich, wirklich einzigartige Daten oder ZusammenhΓ€nge zu finden. Heute ist jeder Datenvorsprung flΓΌchtig.
Grosse Organisationen werden beim Versuch, ihren Handel daran auszurichten, schnell illiquid. Alle Daten schΓΌtzten die quantitativen Analysten nicht davor, durch den Absturz getroffen zu werden. Die Credit Suisse musste einen quantitativen Fonds schliessen, der eine halbe Milliarde Franken schwer war.
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Mein Tipp: Bewegen Sie sich nicht im Windschatten der Daten-Zauberer. Es wΓ€re unsinnig. Schauen Sie stattdessen, was die Daten-Freaks als falsch oder, aufgrund von Voreingenommenheit, als zu einfach abtun. Der Mensch ist so strukturiert, dass er Fakten sucht, die seine bereits vorhandene Meinung bestΓ€tigen, und gegenlΓ€ufige Informationen ablehnt. Psychologen bezeichnen das als BestΓ€tigungsfehler. FΓΌr unsere Vorfahren in vorindustrieller Zeit war das Γ€usserst hilfreich. Aber nicht in MΓ€rkten. Es kann jedoch Ihr Vorteil sein, sich die AnfΓ€lligkeit der anderen fΓΌr Voreingenommenheit zunutze zu machen.
Wenn viele etwas glauben, ist es eingepreist
Zurzeit behindert der BestΓ€tigungsfehler die AnhΓ€nger reiner Daten.
Ein Beispiel? Die meisten erwarten, dass Werte gering kapitalisierter Unternehmen in die HΓΆhe schnellen. Warum? Weil es die historischen Daten sagen!
Fallende MΓ€rkte treffen kleine, geringwertigere Firmen am stΓ€rksten und bereiten sie so auf einen steilen Anstieg vor, sobald der nΓ€chste Aufschwung einsetzt. Es ist eine lange Datenhistorie, die fast jeder kennt. Also funktioniert sie nicht. Wenn viele etwas glauben und es jeder tun kann, ist es eingepreist.
Die Schweizer packt die Datensammelwut. Mehr hier.
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Das ist das Problem. Die leichte Schrumpfung, die eintrat, als die Regierungen wΓ€hrend Covid-19 ihre Volkswirtschaften herunterfuhren, gab den kleinen Unternehmen nicht genug Zeit fΓΌr einen langsamen RΓΌckgang, das Kapitulieren und die Vorbereitung fΓΌr den Wiederanstieg. Dieser ungewΓΆhnliche Abschwung sorgt bei kleinen Aktien fΓΌr neuen Gegenwind β wie bei Fluggesellschaften. Die Marktkapitalisierung der gesamten Branche betrΓ€gt weltweit 36 Milliarden Franken. Mindestens 225 einzelne Unternehmen ΓΌbertreffen das β sechs in der Schweiz. Winzig.
Die DatenglΓ€ubigen ignorieren den massiven Gegenwind fΓΌr die Fluggesellschaften, weil die Daten sagen, dass kleine Werte frΓΌh anziehen. Das ist falsch!
Ein weiteres Beispiel: Die meisten Anleger konzentrieren sich bei der Analyse von Wachstumsaktien auf den Nettogewinn, das ist in ihren KΓΆpfen so eingebrannt. Aber Bruttogewinnmargen sind ein viel besseres Mass fΓΌr kΓΌnftiges Wachstum, weil sie die frei verfΓΌgbaren Barmittel messen, die benΓΆtigt werden, um wieder ins GeschΓ€ft zu kommen. Nur wenige Anleger wenden sie an. Warum? Die gewohnte Voreingenommenheit verdeckt die schlichte Wahrheit.
Vergessen Sie nicht: WΓ€hrend die Daten kalt und gefΓΌhllos sind, sind alle, die sie interpretieren, voreingenommen und emotional β menschlich eben.
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Beim erfolgreichen Anlegen geht es heute nicht darum, mehr Daten zu bekommen, sondern darum, die blind machenden Neigungen der anderen zu erkennen.