Die finanzielle Vorsorge gehört zu den wichtigsten, aber auch anspruchsvollsten Themen im Leben. In der Schweiz basiert sie auf dem Drei-Säulen-System, das Stabilität bietet – aber auch Eigenverantwortung verlangt.
Wer wissen will, wie gut er für die Zukunft aufgestellt ist, sollte seine Situation regelmässig anhand konkreter Zahlen überprüfen. Diese Fünf-Punkte-Checkliste zeigt, welche Richtwerte Orientierung bieten:
1. AHV-Auszug
Die AHV bildet die erste Säule und sichert das Existenzminimum. Ein zentraler Indikator für die eigene finanzielle Situation ist der individuelle AHV-Auszug. Entscheidend sind hier vor allem die Anzahl der Beitragsjahre und das durchschnittliche Jahreseinkommen. Die maximale AHV-Rente liegt im Jahr 2026 bei rund 2450 Franken pro Monat, die minimale bei etwa 1225 Franken. Für eine volle Rente bei einem Referenzalter von 65 Jahren sind aktuell 44 Beitragsjahre nötig. Fehlt nur ein Jahr, wird die Rente bereits um rund 2,3 Prozent gekürzt. Wer also über lange Zeit wenig verdient hat oder Lücken hat, oftmals aufgrund von Familienplanung oder Teilzeitarbeit, muss mit deutlich tieferen Leistungen rechnen.
Ein Richtwert besagt: Wer durchgehend gearbeitet und ein durchschnittliches Einkommen von rund 88’000 Franken oder mehr erzielt hat, erreicht ungefähr die Maximalrente. Liegt das eigene Einkommen deutlich darunter oder bestehen Lücken, sollte man genauer hinschauen. Steht ein arbeitsfreies Jahr an, kann zudem der Minimalbeitrag bei der AHV einbezahlt werden, sodass keine Lücke auftritt. Dies ist gerade für Studierende wichtig.
2. Pensionskassenausweis
Die zweite Säule lässt sich am besten anhand des Pensionskassenausweises beurteilen. Er gibt jährlich Auskunft über die berufliche Vorsorge und enthält zentrale Kennzahlen wie das angesparte Altersguthaben, den versicherten Lohn sowie die voraussichtliche Altersrente. Wichtige Fragen sind: Wie hoch ist die prognostizierte Rente im Vergleich zum aktuellen Einkommen? Wie entwickelt sich das Alterskapital? Und wie sieht die Absicherung bei Invalidität oder im Todesfall aus?
Um zusätzlich die finanzielle Gesundheit der Pensionskasse zu beurteilen, ist besonders der Deckungsgrad aussagekräftig. Er zeigt, ob die Pensionskasse ihre Verpflichtungen erfüllen kann. Ein Deckungsgrad von 100 Prozent bedeutet, dass die Verpflichtungen vollständig gedeckt sind. Solide Kassen liegen oftmals sogar zwischen 110 und 120 Prozent. Fällt der Deckungsgrad unter 100 Prozent, spricht man von einer Unterdeckung – ein klares Warnsignal.
Ebenso entscheidend ist der Umwandlungssatz, der bestimmt, wie das angesparte Kapital in eine Rente umgerechnet wird. Während im obligatorischen Teil noch 6,8 Prozent gelten, liegen die Sätze im überobligatorischen Bereich häufig nur noch bei 5 bis 5,5 Prozent oder sogar darunter. Das hat direkte Auswirkungen auf die Rentenhöhe: Ein Kapital von 500’000 Franken ergibt bei 5 Prozent lediglich eine Jahresrente von 25’000 Franken.
Auch die Verzinsung des Altersguthabens kann Aufschluss liefern. Die Verzinsung bezeichnet den Ertrag, den das angesparte Geld in der Pensionskasse innerhalb eines Jahres abwirft. Als Beispiel: Im vergangenen Jahr hat die Pensionskasse der UBS 7,5 Prozent erreicht, diejenige der SBB 2,5 Prozent. Die gesetzliche Mindestvorgabe beträgt 1,25 Prozent.
Ein weiterer hilfreicher Richtwert ist das Verhältnis zwischen Altersguthaben und Einkommen. Mit 50 Jahren sollte das angesparte Kapital ungefähr dem Vier- bis Sechsfachen des versicherten Jahreslohns entsprechen, mit 60 Jahren eher dem Sechs- bis Achtfachen.
Ergänzend lohnt sich ein Blick auf die Leistungen bei Invalidität oder im Todesfall, die in vielen Fällen etwa 60 Prozent des versicherten Lohns abdecken sollten.
3. Säule 3a: Private Vorsorge
Die dritte Säule, insbesondere die gebundene Vorsorge 3a, spielt eine entscheidende Rolle beim Schliessen von Vorsorgelücken. Für Angestellte liegt der jährlich maximal einzahlbare Betrag in diesem Jahr bei 7258 Franken, während Selbstständige ohne Pensionskasse bis zu 20 Prozent ihres Einkommens einzahlen können, maximal 36’288 Franken. Wer regelmässig über Jahrzehnte hinweg den Maximalbetrag einzahlt, kann viel Geld ansparen oder gar noch weiter aufbauen, abhängig von der gewählten Anlagestrategie. Klassische 3a-Konten bieten derzeit Zinsen im Bereich von etwa 0,5 bis 1,5 Prozent, während Wertschriftenlösungen langfristig Renditen von etwa 3 bis 5 Prozent ermöglichen, allerdings mit entsprechenden Schwankungen. Gerade bei einem langen Anlagehorizont kann ein höherer Aktienanteil sinnvoll sein. Auch die Aufteilung auf mehrere Konten ist ein wichtiger Aspekt, da gestaffelte Auszahlungen die Steuerbelastung deutlich reduzieren können.
4. Achtung vor der Vorsorgelücke
Ein wichtiger Prüfstein jeder Vorsorgeplanung ist die sogenannte Vorsorgelücke. Sie beschreibt die Differenz zwischen dem erwarteten Einkommen im Alter und dem benötigten Betrag, um den bisherigen Lebensstandard zu halten. Eine Faustregel besagt: Um den Lebensstandard nach der Pensionierung halten zu können, müssten die Einnahmen in der Pension 80 bis 90 Prozent des letzten Einkommens ausmachen. Wie hoch diese Lücke im individuellen Beispiel ausfällt, lässt sich relativ simpel grob berechnen: Die voraussichtlichen Renten aus der ersten und zweiten Säule werden addiert und mit dem geschätzten persönlichen Jahresbedarf aufgerechnet. Die andere Variante besteht darin, die Differenz zwischen dem Bedarf im Ruhestand und der voraussichtlichen Jahresrente mal 20 (durchschnittliche Lebenserwartung bei Eintritt ins Rentenalter) zu multiplizieren.
Ein Beispiel: Bei einem letzten Einkommen von 100’000 Franken und erwarteten Rentenleistungen von insgesamt 55’000 Franken ergibt sich eine Ersatzquote von 55 Prozent. Die daraus resultierende Lücke kann je nach Lebenssituation mehrere Zehntausend Franken pro Jahr betragen. Besonders Haushalte mit höheren Einkommen sind davon betroffen, da die Leistungen aus AHV und Pensionskasse gedeckelt sind.
5. Gesamtvermögen und Flexibilität
Neben den klassischen Vorsorgesäulen sollte auch das übrige Vermögen in die Beurteilung einbezogen werden. Dazu zählen Sparkonten, Wertschriften und Immobilien. Eine wichtige Kennzahl ist die Liquidität: Idealerweise sollten jederzeit Mittel in der Höhe von drei bis sechs Monatsausgaben schnell und einfach verfügbar sein, um unvorhergesehene Ereignisse abzufedern. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie stark das Vermögen gebunden ist, etwa in der Pensionskasse oder in Immobilien, und wie viel flexibel eingesetzt werden kann. Eine schuldenfreie Immobilie kann die Lebenshaltungskosten im Alter erheblich senken, reduziert jedoch die finanzielle Beweglichkeit. Auch steuerliche Überlegungen spielen eine Rolle. Die gestaffelte Auszahlung von Vorsorgegeldern kann mehrere Tausend Franken an Steuern sparen, während ein unkoordinierter Bezug zu unnötig hoher Belastung führen kann.
Frühzeitige Kontrolle lohnt sich
Die eigene Vorsorgesituation lässt sich also gut anhand einiger weniger Kennzahlen beurteilen. Wer seinen AHV-Auszug kennt, den Pensionskassenausweis versteht, die Säule 3a nutzt, die Vorsorgelücke berechnet und sein Gesamtvermögen im Blick behält, hat bereits einen grossen Teil der Arbeit getan. Dennoch sind regelmässige Checks im Abstand von etwa zwei bis drei Jahren unerlässlich, um frühzeitig gegenzusteuern. Je früher man handelt, desto einfacher und günstiger lässt sich die eigene Vorsorge optimieren.