Abo
Renovieren

«Nur ein geschultes Auge kann Qualität überhaupt erkennen»

Architektin und Umbaupionierin Barbara Buser erklärt, worauf es beim Renovieren wirklich ankommt.

Jasmine Alig, Ringier

Sucht im Bestand nach verborgenen Qualitäten: Architektin Barbara Buser.
Sucht im Bestand nach verborgenen Qualitäten: Architektin Barbara Buser.Gabriele Schärer

Werbung

Wenn Sie ein älteres Haus zum ersten Mal betreten: Woran erkennen Sie sofort, ob in der Substanz «gute Knochen» stecken oder ob der Umbau ein Fass ohne Boden wird?

Ich inspiziere das Haus vom Keller bis unters Dach und suche Risse, Feuchtigkeitsspuren, Frasslöcher von Insekten. Im Keller und im Estrich muss es gut und trocken riechen. Gebrauchsspuren auf Oberflächen, abgelaufene Treppenstufen und Fussböden sind jedoch nicht relevant.

Wie funktioniert eine Bestandsaufnahme bei einer Renovierung konkret? Was kann gerettet und wiederverwendet werden – und was muss zwingend raus?

Das kommt ganz auf die Baukonstruktion und den Zustand des Gebäudes an. Bauteile, die sich zerstörungsfrei demontieren lassen, können meistens wiederverwendet werden, etwa massive Holzböden, Türen sowie Fenster, Küchenelemente und Sanitärapparate.

Wie sieht es unter dem Putz aus – was passiert mit den Leitungen und der Haustechnik?

Sanitärleitungen müssen geprüft werden. Wenn sie nicht versetzt werden, können sie oft weitergenutzt werden. Elektrische Installationen müssen genau untersucht und sehr oft infolge neuer Vorschriften ersetzt werden. Vielfach muss man aber auch nur eine neue Absicherung machen, wenn die Leitungen nicht versetzt werden müssen. Die Heizungsverteilung (Radiatoren) kann meistens weiterbenutzt werden, hingegen sollte die Wärmequelle (Heizkessel) gegen eine ökologischere Lösung ausgetauscht werden.

Was macht man mit alten Fenstern oder Türen?

Fenster müssen nicht immer ausgewechselt werden, in vielen Fällen können sie ertüchtigt werden, um den neuen Vorschriften zu genügen. Wohnungstüren dagegen müssen meistens ertüchtigt oder ausgewechselt werden, um die neuen Brandschutznormen zu erfüllen.

Partner-Inhalte

Können Sie an einem konkreten Bauteil – etwa an einer alten Bodenplatte oder an einem Dachbalken – erklären, warum das «Rausreissen» oft der grösste Fehler ist?

Wissenschaftlich nüchtern betrachtet spricht natürlich das Vermeiden von CO2-Emissionen und die Reduktion von Abfall gegen einen Abbruch. Hauptsächlich geht es mir aber darum, dass die Qualität alter Materialien oft besser ist als die von neuen: Wo bekommt man schon hundert Jahre gelagertes, massives Eichenparkett? Alte Materialien tragen Spuren des Gebrauchs, sie haben eine Geschichte, die man spürt. Und wenn man anfängt mit Rausreissen, weiss man nicht mehr, wo aufhören, und plötzlich ist die ganze Atmosphäre zerstört.
Zur Person
Barbara Buser ist Architektin ETH mit Nachdiplom in Energietechnik und Schweizer Pionierin für zirkuläres Bauen. Sie gründete die Baubüro in situ AG (circa sechzig Mitarbeitende) und neu die Nomol AG, ein Re-Use-Unternehmen für Stahlküchen. 2020 wurde ihr Lebenswerk mit dem Schweizer Meret-Oppenheim-Preis und 2026 mit dem internationalen Jane Drew Prize geehrt.

Sie retten mit Ihrer Tochter alte Stahlküchen, die technisch hundert Jahre halten würden, aber nach zwanzig Jahren ausgetauscht werden. Wie funktioniert dieses Konzept in der Praxis?

Wir konzentrieren uns ausschliesslich auf die qualitativ hochstehenden Forster-Küchen. Diese sind aus normierten Elementen zusammengebaut, die man in jeder gewünschten Konfiguration neu zusammenstellen kann. Durch die Ergänzung mit wiederaufbereiteten, werkgeprüften Küchengeräten wie Herd, Backofen, Kühlschrank oder auch komplett neuen Geräten können die Küchen an alle individuellen Wünsche angepasst werden. Auch die Farbe, die neu aufgespritzt wird, kann frei gewählt werden. So kann man sich beim Kauf eines Eigenheims selbst verwirklichen, ohne alles wegzuschmeissen. Denn jeder Mensch hat seine eigene Vorstellung von Küche und Schönheit und praktischer Funktion!

Warum fällt es Eigenheimbesitzern so schwer, intakte Qualität im Haus zu lassen?

Leider gilt im Volksglauben neu einfach immer noch als besser. Und oft ist die wahre Qualität unter einer angekratzten Oberfläche nicht sichtbar, nur ein geschultes Auge kann Qualität erkennen.

Werbung

Die neue Küche oder das Traumbad stehen bei Eigentümern meist ganz oben auf der Wunschliste. In welcher Reihenfolge geht man aus Sicht der Architektin eine Renovation technisch sinnvoll an?

Leider muss man sich zuerst um das Unsichtbare kümmern: die Statik, die Wärmeisolation, die Elektro-, Wasser- und Abwasserleitungen. Das ist oft frustrierend, denn es kostet viel, und man sieht nichts davon. Dafür sollte man die nächsten Jahrzehnte ohne weitere Probleme in dem Haus wohnen können. Erst danach kommen die sichtbaren und spürbaren Veränderungen: das Umstellen der Küche, das Erneuern des Badezimmers, die farbliche Gestaltung der Wohnräume und anderes.

Mit Projekten wie der Aufstockung K.118 in Winterthur haben Sie gezeigt, wie man Gebäude erweitert. Wann lohnt es sich für private Eigentümer, nach oben zu denken und aufzustocken, statt im Garten anzubauen?

Beides ist gut, Hauptsache, nicht abreissen. Aufstocken ist dann interessant, wenn man sowieso das Dach sanieren und isolieren muss. Ein Dachausbau bringt mehr Wohnfläche und ist deshalb rentabler als eine einfache Sanierung. Anbauen kann mehr kosten, weil man Fundamente und Dach des Anbaus neu erstellen muss, also verhältnismässig mehr Hülle gebaut werden muss als bei einer Aufstockung, wo es keine neuen Fundamente braucht. Ob man aufstocken oder anbauen kann, ist jedoch hauptsächlich eine Frage der Baugesetze, die entscheiden, was an dem betreffenden Ort überhaupt zulässig ist.
Die Aufstockung des K.118 in Winterthur – gebaut aus geretteten Materialien.
Die Aufstockung des K.118 in Winterthur – gebaut aus geretteten Materialien.zVg
Die Aufstockung des K.118 in Winterthur – gebaut aus geretteten Materialien.
Die Aufstockung des K.118 in Winterthur – gebaut aus geretteten Materialien.zVg

Bei heutigen Renovationen geht es fast immer auch um energetische Massnahmen – von Dämmung über Fenster bis hin zur Wärmepumpe. Wie gelingt der Spagat, eine moderne Haustechnik und hohe Energieeffizienz einzubauen, ohne dass das Haus seinen ursprünglichen Charme und seine Seele verliert?

Es ist ein schwieriger Balanceakt, denn für jedes Gebäude muss ein Massanzug erstellt werden, es gibt keine vorgefertigten Lösungen. Wichtig ist, die Details genau auszuarbeiten und sie mit den Besitzern und Handwerkerinnen zu besprechen. Fenster sind die Augen im Gesicht eines Hauses. Ihnen gebührt die grösste Aufmerksamkeit. Neue Fenster haben meist viel dickere Profile als die alten und wirken schwerfällig. Indem man Fenster aufdoppelt, ertüchtigt, nur das Glas statt der ganzen Fenster auswechselt, kann die ursprüngliche Optik erhalten werden. Wichtig zu wissen: Die Energie und das CO₂, die für die Herstellung neuer Fenster aufgewendet werden, lassen sich durch die spätere Heizenergieeinsparung oft gar nicht kompensieren!

Werbung

In der Schweiz gibt es viele kantonale Fördergelder für Dämmung und Heizungsersatz. Erleben Sie in der Praxis, dass Fördergelder die richtigen Anreize setzen – oder verleiten sie Eigentümer manchmal dazu, intakte Bauteile zu früh herauszureissen?

Die Fördergelder sind nicht so hoch, dass sie die Entscheide gross beeinflussen. Die psychologischen Gründe wiegen schwerer.

Welche Hürden bei Baugesuchen, Grenzabständen oder beim Ortsbildschutz unterschätzen private Bauherren am häufigsten?

Die Bewilligungsdauer für Baugesuche ist in vielen Kantonen immer noch viel zu lang, das kostet Geld. Näherbaurechte müssen zudem von Nachbarn genehmigt werden – da ist es wichtig, sich vorher gut abzusprechen, damit die Baugenehmigung nicht durch Einsprachen verzögert wird. Das Vorbesprechen eines Bauvorhabens mit dem Ortsbildschutz ist essenziell und führt meistens zu guten Lösungen.

Wo lauern bei Umbauprojekten die grössten Kostenfallen?

Je mehr man ein Gebäude an eine neue Nutzung anpassen muss, desto grösser die Kosten. Umgekehrt: Je ähnlicher die neue Nutzung der alten ist, desto weniger Veränderungen müssen gemacht werden und desto einfacher und kostengünstiger ist es. Und je weniger strukturelle Änderungen, desto besser.

Worauf muss man bei den Beteiligten auf der Baustelle achten?

Die Wahl der Handwerker und Unternehmer ist entscheidend – der günstigste kann schnell zum teuersten werden, wenn der Preis das einzige Auswahlkriterium ist. Zusatzwünsche oder Planänderungen der Bauherrschaft während des Baus können teuer werden und den ganzen Bau verzögern.

Sie haben im Jahr 2021 den Schweizer Grand Prix Kunst/Prix Meret Oppenheim erhalten und im laufenden Jahr den renommierten Jane Drew Prize. Was bedeutet Ihnen diese internationale Anerkennung – und was sagt sie über die aktuelle Bedeutung des Bauens im Bestand aus?

Es freut mich sehr, dass das Bauen im Bestand endlich als Architektur anerkannt wird. Früher wurden unsere Projekte oft als Bastelei abgetan. Das Bewusstsein dafür, dass Ressourcen endlich sind, dass es mit unserer Wegwerfmentalität so nicht weitergehen kann, ist gestiegen. Alle suchen Lösungen, wenige haben Erfahrungen mit Alternativen, und noch weniger probieren es aus.

Werbung

Ein Umbau kostet oft Nerven. Was ist Ihr wichtigster Rat an eine Bauherrschaft für die Zusammenarbeit mit der Architektin und den Handwerkern, damit das Projekt unfallfrei über die Bühne geht?

Man sollte von Anfang an genug Zeit einrechnen und unbedingt finanzielle Reserven im Budget vorsehen. Ganz wichtig ist auch, nicht unbesehen den billigsten Unternehmer anzustellen – das kann am Ende sehr teuer werden. Handwerker sollte man immer um Rat fragen und sie ernst nehmen, denn sie verfügen über ein spezialisiertes Fachwissen und einen grossen Erfahrungsschatz. Als Bauherr sollte man zudem nie ohne direkte Rücksprache mit der Architektin eigenmächtig Änderungen mit den Handwerkern abmachen.
Das Unternehmen
Das 1998 von Barbara Buser und Eric Honegger gegründete Baubüro in situ gilt als Schweizer Pionier für zirkuläres Bauen. An den Standorten Basel, Zürich und Lausanne planen über sechzig Mitarbeitende Umnutzungen und Re- Use-Projekte – darunter die Vorzeige-Aufstockung K.118 in Winterthur.

Über die Autoren

Werbung