Die Volumina verschieben sich: Tokenisiertes Gold, also digitale Goldanteile, die auf der Blockchain gehandelt werden, hat gemäss der Digitalbörse CEX vergangenes Jahr zweieinhalbmal stärker zugenommen als das physische, in Barren- oder Münzenform gehandelte Edelmetall. Im vierten Quartal 2025 überstieg das kombinierte Handelsvolumen des tokenisierten Goldhandels die Volumina fast aller Gold-ETFs – lediglich der SPDR-Gold-Shares-ETF hielt noch die Spitze. Passend dazu stellte der World Gold Council, eine Art UNO der Branche, im März dieses Jahres ein Konzept für eine standardisierte Gold-auf-Blockchain-Infrastruktur vor, um digitale und physische Goldbestände noch besser untereinander zu verknüpfen.
«Es gibt beim tokenisierten Gold die klassischen Blockchain-Vorteile», erklärt Dominic Weibel, Head Research bei Bitcoin Suisse. «Dazu gehören 24/7-Handelsmöglichkeiten, das grenzüberschreitende Geschäft sowie die Fractional Ownership, also der Handel mit kleinsten Stückelungen über das eigene Wallet.» Darüber hinaus gibt es noch weitere Möglichkeiten wie Verleih und Zinserträge über DeFi-Anwendungen. «Zudem fallen bei der Verwahrung in der Regel keine klassischen Depotgebühren an», erklärt Weibel.
Kostenfallen und Handelsstrategien
Dennoch wird auch hier Geld mit Gold verdient. «Die Emittenten verdienen ihr Geld vorwiegend über die Spreads (Differenz zwischen Kauf- und Verkaufspreis) sowie mit Rücknahmegebühren», sagt Weibel. «Wer hier beim Verkauf mit Limit-Orders statt mit Market-Orders arbeitet, reduziert die impliziten Handelskosten deutlich.» Im Gegensatz zum Bitcoin, welcher die gleiche Blockchain-Technologie nutzt wie tokenisiertes Gold, gibt es bei Letzterem ein gewisses Gegenparteirisiko. «Wird das Gold immer physisch gekauft und sicher verwahrt?», lautete die Standardfrage des Publikums an der Finanz-26-Konferenz in Zürich. «Tokenisiertes Gold erfordert nach wie vor die Lagerung von Barren, was bedeutet, dass man letztlich einer dritten Partei vertrauen muss», weiss Victor Gailly, Experte bei Bity, einer schweizerischen Kryptohandelsplattform. Daher könne es nicht zu 100 Prozent dezentralisiert werden.
Das Lagerstellendilemma
Dieses Vertrauensproblem wird durch die Blockchain nicht gelöst, sondern nur sichtbarer gemacht. «Wichtig ist die Frage, wo und unter welchen Bedingungen das Gold tatsächlich gelagert ist», erklärt Fabian Schär, Professor für Distributed Ledger Technology (Blockchain) und Fintech an der Universität Basel. Während Anbieter wie Paxos oder Tether versuchen, dieses Risiko durch regelmässige Audits und Drittparteizertifikate zu minimieren, warnt Schär vor komplexen Konstrukten: «Transparenz ist schwierig, wenn Projekte über mehrere Unternehmen und Jurisdiktionen verteilt sind.» Hinzu komme die Frage nach der Regulierung der jeweiligen Unternehmen, die mit zunehmender Internationalität immer schwieriger zu beurteilen sei. Anlegerinnen und Anleger sollten sich auch ganz grundsätzlich überlegen, welche Risiken sie mit tokenisiertem Goldbesitz lösen möchten und welchen Zweck solche Anlagen haben. «Wer nur Gold- Exposure sucht, kann auch Gold-ETFs oder Goldderivate wählen. Soll das Gold hingegen als Schutz vor systemischen Risiken dienen, kann eine physische Selbstverwahrung ohne Verwahrstelle sinnvoller sein.» Für die Tokenisierung spreche eigentlich nur, wenn die Tokens auf Blockchain-basierter Finanzinfrastruktur weiterverwendet, also beispielsweise als kollateral genutzt, werden sollen.
Tradition trifft Neuland
Vielfach wird der Bitcoin als digitales Gold bezeichnet – Schär findet, dass Bitcoin spannende Charakteristika hat, die durchaus gewisse Analogien zu Gold zulassen. «Der Bitcoin ist einzigartig, man kann ihn selbst verwahren, transferieren, und er unterliegt keinen Eingriffen von Zentralbanken – mit allen damit verbundenen Vor- und Nachteilen.» Man solle sich aber auch bewusst sein, dass Bitcoin ein vergleichsweise junges Phänomen sei. Beim Gold gebe es eine jahrtausendealte Tradition als physisches Wertaufbewahrungsmittel mit entsprechenden Erfahrungswerten. «Hinzu kommt die Tatsache, dass Gold einen kleinen, aber dennoch nicht zu vernachlässigenden industriellen Nutzen hat. Der Wert des Bitcoins basiert hingegen einzig auf der Idee, dass dieser später weiterveräussert werden kann», hält Schär fest.