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US-Zölle bedrohen 33ʼ000 Schweizer Industrie-Jobs – der Swissmem-Chef warnt vor der grössten Krise seit der Covid-Pandemie.
Hirzels Horrorszenario: «Bleibt die Zollbelastung bestehen, ist das Exportgeschäft der Tech-Industrie in die USA faktisch tot.»
Paolo Dutto für BILANZWerbung
Es sind vor allem technische Fragen. Welcher Zoll gilt jetzt? Wie muss ich das deklarieren? Wie lassen sich diese Zölle legal minimieren oder umgehen? Ein grosses Thema sind auch Metalle: Zusätzlich zu den 39 Prozent müssen die Unternehmen den Stahl- und den Aluminiumanteil mit 50 Prozent ausweisen.
Das ist es. Viele KMUs haben für diese Fragen gar keine Kapazitäten. Wir bekommen aber auch sehr besorgte Anrufe von Firmen, die konkrete Vorschläge machen, wie der Bund reagieren sollte. Etwa dass er den Zoll finanziell ausgleichen soll.
Ich habe Verständnis, wenn Unternehmen in dieser Krisensituation die Arme in alle Richtungen ausstrecken und Hilfe suchen. Aber solche Forderungen können wir als Verband nicht stellen. Es ist nicht zielführend, jetzt Industriepolitik zu fordern.
Im vergangenen Jahr hat unsere Branche Exporte von rund zehn Milliarden Franken in die USA getätigt. Müsste man 24 Prozent kompensieren, wären das mehr als zwei Milliarden Franken. Kämen dann noch die Uhren- und die Lebensmittelindustrie hinzu, würden die Kosten ein Ausmass wie bei der Beschaffung der Kampfflugzeuge erreichen. Das ist unrealistisch.
Martin Hirzel führt als Swissmem-Chef den Verband der Schweizer Tech-Industrie seit 2021 und blickt auf über 25 Jahre Erfahrung in der Schweizer Industrie zurück. Der Zürcher war neun Jahre CEO von Autoneum und führte zuvor vier Jahre die Marktregion Südamerika, Mittlerer Osten & Afrika von São Paulo aus. Heute ist er Verwaltungsrat bei Bucher Industries, Dätwyler und drei privaten KMUs.
Natürlich. Wir bekommen Fragen zur Administration der Kurzarbeitsentschädigung und leider auch Konsultationen für Entlassungsplanung. Wie müsste ich vorgehen bei einer Massenentlassung?
Die Schweizer Industrie hat im ersten Quartal bereits über 3000 Jobs verloren. Und unter der Annahme, dass die Zölle in Höhe von 39 Prozent permanent bleiben, wird die Industrie am Standort Schweiz nicht mehr für den Export in die USA produzieren können. Also wird dieses Geschäft wegfallen – das sind mindestens zehn Prozent des Umsatzes der Tech-Industrie. Damit sind auch zehn Prozent der Jobs der insgesamt 330ʼ000 Beschäftigten in Gefahr.
In einer Rangliste der grössten Krisen wäre die aktuelle Situation wohl auf Platz drei. Die bisher grösste Krise war die Covid-Pandemie. Die Aufhebung des Mindestkurses des Franken vor zehn Jahren hat die Schweizer Industrie in die zweitgrösste Krise gestürzt. Damals waren alle Exportmärkte und alle Branchen betroffen. Allerdings hatten wir dann auch den positiven Wechselkurs-Effekt der günstigen Importe. Das haben wir jetzt nicht.
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Nein, das ist reine Willkür. Er scheint das 39-Milliarden-Defizit in Prozent umgerechnet zu haben. Das entbehrt jeglicher ökonomischen Logik. Wahrscheinlich war der enorme Zollsatz gegen die Schweiz ein spontaner Entscheid. In seiner Welt scheinen Warenhandelsdefizite etwas Schlechtes für die USA zu sein – was ökonomisch nicht stimmt.
Ja. Bei Dienstleistungen sieht es anders aus. Die Schweiz kauft aus den USA Software, Cloud-Speicherplatz oder Streaming-Abos. Üblicherweise werden diese Handelsströme in der Berechnung auch berücksichtigt, und dann wäre unsere Handelsbilanz ausgeglichener.
«Die Schweiz ist ein Musterschüler.»
Paolo Dutto für BILANZ«Die Schweiz ist ein Musterschüler.»
Paolo Dutto für BILANZNein, die Schweiz ist ein Musterschüler. Wir haben keine Industriezölle, eine relativ tiefe Mehrwertsteuer, keinen CO2-Grenzausgleichsmechanismus und kein Investitionsprüfgesetz. Die Schweiz ist eine offene Volkswirtschaft, die Importe und Investitionen aus den USA mit offenen Armen empfängt. Und wir investieren in den USA, schaffen Arbeitsplätze. Umso frustrierender ist es, dass wir jetzt behandelt werden, als würden wir den USA schaden.
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Das ist nicht zielführend. Wir wurden von aussen angegriffen. Jetzt müssen alle Branchen der Exportindustrie zusammenstehen. Es bringt auch gar nichts, den Bundesrat anzugreifen. Wir müssen jetzt zusammen eine Lösung finden, um aus dieser Krise herauszukommen.
Ich bin optimistisch, dass wir mindestens auf den Satz der EU von 15 Prozent herunterkommen. So hätten wir zumindest keinen komparativen Nachteil zu unseren Hauptkonkurrenten der EU und Japan. Das muss möglich sein. Wir sollten das aber schweizerisch tun, das heisst ehrlich, umsetzbar und schriftlich festgehalten.
Der Staat muss die Produktionskosten in der Schweiz senken. Wir können uns keine zusätzlichen Lohnnebenkosten leisten. Idealerweise würde man versuchen, sie zu senken, doch das ist unrealistisch. Aber für einen Ausbau der Sozialversicherungen wie AHV, Kinderkrippe oder Elternurlaub fehlt uns in dieser Situation das Geld. Ebenso für eine überzogene Klimapolitik mit einem immens teuren Grenzausgleichsmechanismus. Berechnungen für die EU zeigen, dass man sich nur selber schadet und diese Massnahmen zu einer Deindustrialisierung führen.
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Die Unternehmen brauchen für die Umstellung Zeit und Geld. Geld wollen wir keines vom Staat. Aber mit der Verlängerung der Kurzarbeitsentschädigung auf 24 Monate kann der Bund den Firmen Zeit verschaffen.
Ja, wir brauchen eine rasche Revision des Kriegsmaterialgesetzes. Rüstungsprodukte sind weltweit enorm gefragt. Schweizer Firmen müssen liefern dürfen, sonst gehen sie unter. Und wir brauchen eine rasche Ratifizierung der Freihandelsverträge mit den Mercosur-Staaten, Thailand und Malaysia. 85 Prozent unserer Exporte gehen in andere Länder als die USA. Dort brauchen wir Freihandelsabkommen. Ich rufe die NGOs und Parteien auf, kein Referendum zu ergreifen. Das wäre ein Rückenschuss gegen unsere Branche.
Es geht um ein Volumen von schätzungsweise acht Milliarden Franken, das ausgeglichen werden muss. Das gelingt sicher nur teilweise und höchstens langfristig. Es gibt einige stimulierende Impulse aus der EU, namentlich Deutschland, das vom neuen Fiskalprogramm profitiert. Das könnte mehr Wachstum unserer Exporte in die EU bewirken. Gut läuft es aktuell auch mit Indien als Handelspartner: Unsere Exporte steigen, und es wird viel investiert. Aber acht Milliarden Franken können wir nicht kompensieren. Wir brauchen weiterhin den US-Markt und sollten ihn nicht aufgeben.
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Hirzel lobbyiert an allen Fronten für die Schweizer Industrie. Eine Petition ruft die Politik zu besseren Rahmenbedingungen für die Exportwirtschaft auf.
Paolo Dutto für BILANZHirzel lobbyiert an allen Fronten für die Schweizer Industrie. Eine Petition ruft die Politik zu besseren Rahmenbedingungen für die Exportwirtschaft auf.
Paolo Dutto für BILANZDerzeit muss ich die ganze Breite des Lobbyings bespielen. Für jeden Punkt trete ich beim entsprechenden Departement an. Mitte August habe ich Bundesrat Albert Rösti getroffen. Dort ging es natürlich um das Thema Klima- und Energiepolitik. Auch mit Bundesrat Martin Pfister haben wir uns ausgetauscht, etwa zum Thema des Kriegsmaterialexports, das jetzt im Parlament ist. Mit dem Seco sprechen wir über Kurzarbeitsentschädigung.
Ein Drittel unserer Mitglieder hat bereits eine Präsenz in den USA. Doch das sind mehrheitlich keine Produktionsstätten, sondern Büros für Verkauf, Ersatzteile und Service. Für eine Verlagerung in die USA müsste die US-Nachfrage die hohen Investitionen für ein neues Werk rechtfertigen. Das ist aber bei Nischenprodukten selten der Fall, denn Nischenplayer brauchen viele Märkte, um das nötige Volumen zu erreichen.
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Ja, aber KMUs fehlen nicht nur die finanziellen, sondern auch die personellen Ressourcen, um rasch eine neue Produktion hochzuziehen. Und gerade Amerika kennen wir als einen sehr herausfordernden Werkplatz mit Fachkräftemangel, schlechter Infrastruktur und hohen Kosten. Daher werden Unternehmer in den USA immer auf gewisse Importe angewiesen sein. Und so werden sie auch dann immer noch Zölle bezahlen müssen.
In kleinem Ausmass und für einen Teil der Firmen schon. Aus logistischen Gründen wurden Warenlieferungen oft in der Schweiz gebündelt und dann in einem Container in die USA verschifft. Heute würde man direkt aus den Drittstaaten in die USA liefern. Aber das ist natürlich keine langfristige Lösung.
Ja, wir sind alarmiert. Der Auftragseingang ist im zweiten Quartal gegenüber dem ersten um 13 Prozent eingebrochen. Wir leben in einer Welt mit Rechtsunsicherheit und geopolitischen Verwerfungen, in der nicht investiert wird. In der Investitionsgüterindustrie fehlen uns die Aufträge. Wir haben das neunte Quartal mit rückläufigem Umsatz und Export. Das ist eine der längsten Krisen für die Schweizer Industrie.
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der Firmen wollen neue Märkte erschliessen, 60 Prozent neue Geschäftsfelder.
der Industrieunternehmen bewerten die Gesamtbelastung als «erheblich» bis «sehr stark».
sinkt der Auftragseingang der Tech-Industrie im zweiten Quartal.
KMUs, die in der Schweiz produzieren und exportieren, sind stärker betroffen als international aufgestellte Unternehmen, die eine Präsenz in den USA oder im EU-Raum haben.
Bei etwa 20 Prozent der Exporte handelt es sich um unverzichtbare Güter. Einige Firmen verkaufen solche konkurrenzlosen Produkte in die USA. Solche Nischenplayer können die höheren Kosten an ihre US-Kunden weitergeben. Zudem gibt es viele Komponenten, die aus der Schweiz geliefert werden, die im Endprodukt zertifiziert sind, vor allem in Luftfahrt, Raumfahrt, Rüstung und Medizinaltechnik.
Das wird so sein. Beispielsweise im Halbleitersektor ist Schweizer Technologie oft unverzichtbar. Und ausgerechnet der ist ja eine der strategischen Branchen für Präsident Trump. Wenn er Produkte aus der Schweiz derart verteuert, schadet er sich selbst.
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Wir leben in einer neuen Welt von Protektionismus, Zöllen und Exportkontrollen. Ich rate allen Unternehmern in meinem Umfeld, nicht darauf zu hoffen, dass sich das einfach wieder ändert. Sie müssen ihre Businesspläne dieser neuen Welt anpassen. Das ist eine sehr schlechte Entwicklung für die Schweiz. Freihandel und Globalisierung waren das Erfolgsmodell für kleine Volkswirtschaften.
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