In fΓΆderalen, dezentral organisierten Bundesstaaten entscheiden Gemeinden und LΓ€nder weitgehend autonom ΓΌber die ihnen zugewiesenen Aufgaben und ΓΌber die dazu notwendigen Steuereinnahmen. Sie stehen im Wettbewerb. Die Schweiz ist ein Paradebeispiel dafΓΌr. Die BΓΌrgerinnen und BΓΌrger sehen sich die ΓΆffentlichen Leistungen und die Steuerbelastung an und drΓΌcken mit Β«HΓ€nden und FΓΌssenΒ» Zustimmung oder Ablehnung aus. Die HΓ€nde stehen fΓΌr direkte Abstimmungen ΓΌber Ausgabenprojekte und Steuerbelastung. Die FΓΌsse stehen fΓΌr Zu- und Abwanderung.
Die WΓ€hler wandern ab, wenn die Unzufriedenheit allzu gross wird und es anderswo besser ist. Auf beiden Wegen nehmen sie Einfluss auf die Politik, damit diese sich stΓ€rker an den BedΓΌrfnissen der Familien und Unternehmen orientiert, anstatt sich zu verselbstΓ€ndigen und Eigeninteressen zu bedienen.
Die Initiative Next Generaton
Das Projekt Next Generation informiert ΓΌber aktuelle Forschungsergebnisse zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen und ΓΌber die Arbeit der Studierenden in den volkswirtschaftlichen Lehrprogrammen der UniversitΓ€t St. Gallen.
Diesmal: Theresa Goop ΓΌber: BrΓΌlhart, Marius und Mario Jametti (2016), Β«Does Tax Competition Tame the Leviathan?Β», University of Lausanne und University della Svizzera Italiana. Juli 2016.
Herausgeber Next Generation: Prof. Christian Keuschnigg.
Die Schweiz kennt drei Staatsebenen, Bund, Kantone und Gemeinden. Zwischen Gemeinden und Kantonen herrscht Fiskalwettbewerb. Aber auch der Bund steht in Konkurrenz mit Kantonen und Gemeinden, weil er auf die gleichen Steuerquellen zugreift.
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Wovon hΓ€ngt die SchΓ€rfe des Ausgaben- und Steuerwettbewerbs ab? Welchen Einfluss hat die direkte Demokratie auf den Fiskalwettbewerb? FΓΌhrt der Fiskalwettbewerb zu besseren oder schlechteren Politikergebnissen und wird er daher die Wohlfahrt der Bewohner mehren oder mindern? Diese Fragen untersuchen Marius BrΓΌlhart und Mario Jametti fΓΌr die Gemeinden.
Gemeinden unterbieten sich
Die Forscher betonen, dass der fiskalische Wettbewerb die lokale Finanzpolitik auf zweifache und gegenlΓ€ufige Weise beeinflusst. ZunΓ€chst wirkt der horizontale Steuerwettbewerb der Gemeinden untereinander steuersenkend: Reduziert eine Gemeinde ihren Steuersatz, dann kann sie damit Steuerzahler von anderen Gemeinden anlocken. Sie kann also bei ihren BΓΌrgern mit niedriger Steuerbelastung punkten, ohne dass sie sehr stark auf Einnahmen verzichten muss.
Sie berΓΌcksichtigt dabei nicht die Kosten fΓΌr die anderen Gemeinden, denen damit wichtige Steuerzahler verloren gehen. In der Konkurrenz um zahlungskrΓ€ftige Steuerzahler unterbieten sich die Gemeinden gegenseitig.
Leistungshemmende Wirkungen
Dem steht jedoch ein steuererhΓΆhender, vertikaler Effekt gegenΓΌber. Die Kantone (und der Bund) nutzen dieselbe Steuerbasis wie ihre Gemeinden. Dies fΓΌhrt zu einer Γbernutzung der Steuerbasis. Die SteuererhΓΆhung einer Gemeinde verschΓ€rft die leistungshemmenden Wirkungen der gesamten Steuerbelastung und beeintrΓ€chtigt damit die Steuerergiebigkeit bei den Kantonen und dem Bund.
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Da die Gemeinden diese negativen Folgen wohl kaum beachten, ΓΌbernutzen sie ihre Steuerquellen. Je nachdem, ob der horizontale oder vertikale Effekt ΓΌberwiegt, wirkt sich ein intensiverer Fiskalwettbewerb positiv oder negativ auf die Steuereinnahmen, Ausgaben und die Wohlfahrt der Einwohner aus.
Ein besonders innovativer Aspekt der Untersuchung ist, dass BrΓΌlhart und Jametti dem Einfluss direkt-demokratischer Beteiligung auf die IntensitΓ€t des Steuerwettbewerbs nachgehen. Wenn das Stimmvolk ΓΌber die HΓΆhe der lokalen Besteuerung und Ausgaben per Abstimmung selbst entscheiden kann, ist am ehesten garantiert, dass die lokale Finanzpolitik im Sinne der Einwohner ist. Direkte Abstimmungen lassen der Politik weniger Spielraum.
Daten von 362 Gemeinden
Ohne diese Kontrolle fΓ€llt es dagegen leichter, die Eigeninteressen durch Mehrausgaben im Hinblick auf Prestige und Macht bis hin zu persΓΆnlichen wirtschaftlichen Vorteilen zu bedienen. Wenn also die politische Verfassung auf direkt-demokratische Instrumente verzichtet und die Entscheidungen per Wahlen auf lΓ€ngere Zeit an die Politik delegiert, kΓΆnnen ausgabensteigernde Tendenzen Γberhand nehmen. Der Staat wird zum Β«LeviathanΒ», der vorwiegend hohe Steuereinnahmen auf Kosten der eigentlichen Interessen der BΓΌrger im Sinn hat.
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Dann stellt sich die Frage: Kann der Steuerwettbewerb disziplinierend wirken und die Politik zΓ€hmen?
Die Forscher analysieren fΓΌr die Periode von 1990 bis 2009 insgesamt 362 Schweizer Gemeinden, welche ΓΌber 22 Kantone verteilt sind. Ihre Daten erfassen 48 Prozent der Schweizer BevΓΆlkerung. Je nach Wohnort zahlen die Familien unterschiedlich hohe Einkommensteuer an die Gemeinde. Ein reprΓ€sentatives Paar mit zwei Kindern und einem jΓ€hrlichen Einkommen von 80β000 Franken zahlt im Durchschnitt 3,73 Prozent Gemeindesteuer auf ihr Einkommen. In Baar im Kanton Zug ist der Steuersatz mit 0,37 Prozent schweizweit am tiefsten, wΓ€hrend die Einwohner von Menznau im Kanton Luzern mit 8,66 Prozent die hΓΆchste Rate zahlen.
Kein ruinΓΆser Steuerwettbewerb
Im Hinblick auf ihre politische Verfassung unterscheiden die Wissenschaftler drei Gruppen von Gemeinden. Die Gemeindeversammlung, bei der die WΓ€hler ΓΆffentlich per Handheben abstimmen, ist in 256 der beobachteten Gemeinden ΓΌblich. Diese Gemeinden haben den hΓΆchsten Grad an direkter Demokratie. In 41 Gemeinden unterliegen Steuerentscheide sogar dem obligatorischen Referendum durch das Volk. Letztlich gibt es 49 Gemeinden, in welchen nur eine fakultative oder gar keine MΓΆglichkeit fΓΌr ein Referendum besteht, so dass der direkte Einfluss der WΓ€hler geringer ist. Dieses System lΓ€sst den grΓΆssten Spielraum fΓΌr ausgabensteigernde Tendenzen.
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Das politische System in der Schweiz ist sehr bestΓ€ndig. Nur 4,4 Prozent der Gemeinden Γ€nderten im Beobachtungszeitraum von 19 Jahren den Grad der direkt-demokratischen Beteiligung.
Das Interesse der Wissenschaftler gilt vor allem der Frage, ob sich der Steuerwettbewerb unter den Gemeinden je nach Kanton unterscheidet. ZunΓ€chst stellen sie das ΓΌbliche strategische Verhalten in der lokalen Finanzpolitik fest. Eine Gemeinde zieht zum Beispiel mit einer eigenen SteuererhΓΆhung nach, wenn die umliegenden Gemeinden ihre SteuersΓ€tze erhΓΆhen (horizontale Reaktion), oder wenn der Kanton seinen Steuersatz erhΓΆht (vertikale Reaktion). Ihre Ergebnisse lassen zudem den Schluss zu, dass der vertikale, steuererhΓΆhende Teil des Steuerwettbewerbs unter den Gemeinden tendenziell ΓΌberwiegt.
Es gibt also offensichtlich keinen ruinΓΆsen Steuerwettbewerb nach unten. Wenn also in einem Kanton ein besonders intensiver Steuerwettbewerb herrscht, fallen die GemeindesteuersΓ€tze tendenziell hΓΆher aus.
Der Faktor Kleinteiligkeit
Die Forscher messen die IntensitΓ€t des Wettbewerbs an der Kleinteiligkeit eines Kantons. Im hypothetischen Extremfall, dass ein Kanton nur aus dem Kantonshauptort besteht, gΓ€be es innerhalb des Kantons weder einen vertikalen noch einen horizontalen Steuerwettbewerb. In Appenzell-Innerrhoden wohnen 63 Prozent der BevΓΆlkerung im Kantonshauptort, so dass dort der Steuerwettbewerb nur schwach ausgeprΓ€gt ist. In einem kleinrΓ€umigen Kanton dagegen verteilt sich die BevΓΆlkerung auf viele kleine Gemeinden, die untereinander in einem besonders lebhaften Steuerwettbewerb stehen.
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Nach den ΓΆkonometrischen SchΓ€tzungen wirkt der Steuerwettbewerb unter den Gemeinden (aber nicht unbedingt zwischen den Kantonen) steuererhΓΆhend. Was heisst das fΓΌr eine reprΓ€sentative Familie, die im Durchschnitt der Schweiz 3.73 Prozent Einkommensteuer an die Gemeinde zahlt? WΓΌrde sie in einen kleinteiligeren Kanton umziehen, wo eine typische Gemeinde um 1 Prozent weniger Einwohner hat und der Steuerwettbewerb intensiver ist, dann wΓΌrde die Steuerbelastung um circa 1,5 Prozentpunkte steigen. Die 1-Prozent-Differenz in der Einwohnerzahl entspricht durchschnittlich 99 Einwohnern, und der Anstieg um 1,5 Prozentpunkte entspricht 40,9 Prozent des schweizweiten Durchschnittssatzes von 3,73 Prozent. Da die Einkommensteuer fΓΌr drei Viertel der Kantons- und Gemeindeeinnahmen verantwortlich ist, haben solche SteuersatzΓ€nderungen starke Auswirkungen auf die Steuereinnahmen.
Je weniger direkt, desto teurer
Das Hauptinteresse der Wissenschaftler liegt im Einfluss der direkten Demokratie auf die Finanzpolitik der Gemeinden im Steuerwettbewerb. Sie unterscheiden die Gemeinden danach, ob sie einer starken direkt-demokratischen Kontrolle mittels fakultativer oder sogar obligatorischer Referenden ΓΌber grΓΆssere Steuer- und Ausgabenentscheide unterliegen oder nicht. In einem System ohne Referenden delegieren die WΓ€hler die Entscheidungen ΓΌber mehrere Jahre bis zur nΓ€chsten Wahl, so dass die demokratische RΓΌckkoppelung an die WΓ€hlerinteressen weniger hΓ€ufig und geringer, die Autonomie der Gemeindeleitungen hΓΆher, und die ausgabensteigernden Tendenzen stΓ€rker sind.
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Die Daten zeigen, dass die politische Verfassung einen starken Einfluss auf kommunale Steuerentscheidungen hat. Wechselt eine mittelgrosse Referendumsgemeinde vom direkt-demokratischen Modell zur reprΓ€sentativen Demokratie mit delegierten Entscheidungen, dann steigt in der Folge die Steuerbelastung im Durchschnitt um 3 Prozent. Im Kanton mit der geringsten Kleinteiligkeit und relativ zur KantonsgrΓΆsse sehr grossen Gemeinden, wo der innerkantonale Steuerwettbewerb besonders schwach ausgeprΓ€gt ist, wΓ€chst der Unterschied in der Steuerbelastung auf ganze 26 Prozent an (das entsprΓ€che dem Anstieg des Gemeindesteuersatzes von z.B. 3,7 auf 4,7 Prozent).
Ein intensiverer Steuerwettbewerb kann demnach die ausgabensteigernden Tendenzen in Gemeinden ohne direkt-demokratische Kontrolle begrenzen und damit Β«die Politik zΓ€hmenΒ».
Quelle: BrΓΌlhart und JamettiRMS
Quelle: BrΓΌlhart und JamettiRMS
Die Abbildung veranschaulicht den disziplinierenden Einfluss des Steuerwettbewerbs auf die Finanzpolitik von Gemeinden ohne direkt-demokratische Kontrolle.
Die horizontale Achse zeigt eine ansteigende Kleinteiligkeit der Kantone mit kleiner werdenden GemeindegrΓΆssen und zunehmend intensivem Steuerwettbewerb an.
Vertikal ist in AbhΓ€ngigkeit von der WettbewerbsintensitΓ€t der Unterschied in den gewΓ€hlten SteuersΓ€tzen zwischen direkt-demokratischen Gemeinden (ansteigende durchgezogene Linien) und Gemeinden ohne direkt-demokratische Kontrolle (fallende, gestrichelte Lilien) aufgetragen.
Die blauen Linien vergleichen die Gemeinden mit und ohne Referendum, und die roten jene mit und ohne Versammlung.
Wenn der Steuerwettbewerb in einem Kanton mit wenigen grossen Gemeinden besonders schwach ausgeprΓ€gt ist, dann kΓΆnnen dort die Gemeinden ohne direkt-demokratische Kontrolle deutlich hΓΆhere SteuersΓ€tze durchsetzen. Ist der Steuerwettbewerb intensiv, weil viele kleine Gemeinden um die Steuerzahler im Kanton konkurrieren, dann verschwindet der Unterschied zunehmend. Der Steuerwettbewerb wirkt disziplinierend und kann den Mangel an direkt-demokratischer Kontrolle kompensieren.
Das Wichtigste in KΓΌrze
Forscher aus Lausanne und dem Tessin untersuchten ZusammenhΓ€nge zwischen dem Ausmass direktdemokratischer Instrumente und den SteuersΓ€tzen. TatsΓ€chlich wirkt sich direktdemokratische Kontrolle dΓ€mpfend aus.
Hinzu kam der Faktor der Kleinteiligkeit, das heisst: Mit der Anzahl Gemeinden in einem Kanton sank die jeweilige Steuerbelastunt tendenziell β jedenfalls in jenen Ortschaften, wo direktdemokratische Bremsfaktoren wie Gemeindeversammlungen und automatische Referenden fehlten. Das heisst: Auch die Fragmentierung hat einen bremsenden Effekt auf die SteuersΓ€tze.
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Theresa Goop absolviert Masters-Studium in Economics an der UniversitΓ€t St. Gallen. Mit der Initiative Β«Next GenerationΒ» ermutigt das Wirtschaftspolitische Zentrum der HSG ihre Nachwuchstalente, die Γffentlichkeit ΓΌber Erkenntnisse der Wissenschaft zu informieren. Die besten Studierenden fassen wichtige Ergebnisse ausgewΓ€hlter Publikationen in Fachzeitschriften zusammen.RMS
Theresa Goop absolviert Masters-Studium in Economics an der UniversitΓ€t St. Gallen. Mit der Initiative Β«Next GenerationΒ» ermutigt das Wirtschaftspolitische Zentrum der HSG ihre Nachwuchstalente, die Γffentlichkeit ΓΌber Erkenntnisse der Wissenschaft zu informieren. Die besten Studierenden fassen wichtige Ergebnisse ausgewΓ€hlter Publikationen in Fachzeitschriften zusammen.RMS