Der Goldpreis kennt seit Jahren fast nur eine Richtung: steil nach oben. Viel grösser sind hingegen die Schwankungen beim Silber. So stürzte der Preis für das silbrige Edelmetall Ende Januar an einem einzigen Tag vom Allzeithoch von 122 Dollar pro Feinunze um 36 Prozent ab.
Daher fragen sich nun viele: Sollten Anleger deshalb die Finger davon lassen? Oder sind solche Abstürze eher eine Gelegenheit zum Zukauf? Für den deutschen Finanzexperten und Edelmetallhändler Ronny Wagner, von der Noble Metal Factory ist klar: «Silber eignet sich weniger als alleinige Sicherheitsanlage, kann aber als Beimischung sinnvoll sein.» Denn Silber und Gold unterscheiden sich als Investments trotz ihrer augenscheinlichen Ähnlichkeit deutlich. Über einen längeren Zeitraum gesehen ist die Kursentwicklung aber bei beiden Edelmetallen sehr gut. Und trotz dem Absturz im Januar ist Silber in den letzten zehn Jahren sogar noch stärker gestiegen als Gold.
Wichtig für Zukunftstechnologien
«Wenn Kapital in Edelmetalle fliesst, reagiert Silber häufig stärker», erklärt Wagner, der ein Buch zum Silberboom geschrieben hat. «In vielen Haussephasen steigt der Silberpreis deutlich schneller als der Goldpreis.» Dazu kommt die grosse Bedeutung für die Industrie: Silber leitet Strom und Wärme von allen Metallen am besten. Zudem ist es lichtempfindlich und hat antibakterielle Eigenschaften. Das Metall ist deshalb für Zukunftstechnologien wie beispielsweise die Elektromobilität ebenso unverzichtbar wie für Mikrochips und manche medizinischen Anwendungen. «Diese industrielle Nachfrage schafft eine zusätzliche strukturelle Nachfragebasis, die Gold so nicht hat», sagt Wagner. Folglich macht die Industrie mehr als die Hälfte der weltweiten Nachfrage nach Silber aus. Beim Gold sind es hingegen nur etwa 7 Prozent. Die grosse industrielle Bedeutung bedeutet aber auch, dass Silber kein klassischer sicherer Hafen wie Gold sein kann. «Wenn die Weltwirtschaft wächst, steigt der Bedarf; in Rezessionen fällt er», so Wagner. Der Silberpreis wird also stark durch das Wirtschaftswachstum beeinflusst. Die Folge für Anleger: «Gold stabilisiert ein Portfolio. Silber verstärkt Bewegungen», bringt es der Experte auf den Punkt. Zur Volatilität trägt zusätzlich bei, dass der Markt für Silber viel kleiner ist als der für Gold. Die Marktkapitalisierung von Silber lag im März bei etwa 5 Billionen Dollar und damit etwas höher als bei Nvidia, der grössten börsennotierten Firma. Zum Vergleich: Der Goldmarkt ist mit über 35 Billionen Dollar rund siebenmal grösser. Staatsfonds, Zentralbanken und andere Grossinvestoren können den Silberpreis mit ihren Transaktionen deshalb viel stärker bewegen.
Entscheidend ist der Anlagehorizont
Doch ist das nicht gefährlich für Privatanleger, wenn sie derartigen Bewegungen ausgesetzt sind? «Entscheidend ist nicht die Schwankung selbst, sondern der Anlagehorizont und die eigene Liquiditätsreserve», sagt Wagner. Denn die hohe Volatilität ist für sich genommen noch kein Risiko. Der Silberpreis schwankt zwar, doch ein dauerhafter Wertverlust droht nicht. Problematisch wird es erst, wenn man unter Druck steht, im falschen Moment zu verkaufen. «Wer dagegen ausreichend Liquidität hat und nicht unter Zeitdruck steht, kann Bewegungen wesentlich besser aushalten», sagt Wagner. Wer sich für Silber als Investment interessiert, hat mehrere Möglichkeiten. Und alle haben Vor- und Nachteile. Am naheliegendsten ist physisches Silber in Form von Barren und Münzen. «Wer Silber als langfristige Absicherung gegen monetäre Risiken sieht, wählt meist diesen Weg», sagt Wagner. Positiv sei hier die Unabhängigkeit von einer Bank oder einem Finanzprodukt. Als Nachteile nennt er höhere Aufschläge beim Kauf sowie hohe Lager- und Versicherungskosten.Beliebt sind auch Silber-ETFs. Diese Finanzprodukte sind billig, liquide und einfach zu handeln. Laut Wagner eignen sie sich für Investoren, die flexibel handeln oder kurzfristige Positionen aufbauen wollen. «Allerdings besitzen Investoren hier kein Metall direkt, sondern Anteile an einer Finanzstruktur.» Interessant können zudem auch Minenaktien sein. «Wenn der Silberpreis steigt, können die Gewinne der Minen oft überproportional wachsen», sagt der Experte. Allerdings entstünden auch zusätzliche Risiken: Die Anleger müssten auch das Management, die Kostenstruktur oder politische Risiken in den Förderländern im Auge behalten. «In der Praxis nutzen viele Investoren eine Kombination: physisches Silber für langfristige Absicherung, börsengehandelte Produkte für Liquidität und Minenaktien für zusätzliche Renditechancen», sagt Wagner. Weitere Finanzinstrumente wie Futures oder Optionen seien hingegen wegen der hohen Risiken eher für Profis geeignet.