Die Schweiz ist weltberühmt für ihre Tresore tief im Felsen. Warum suchen heute dennoch so viele Akteure die Nähe zu Raffinerien und zu internationalen Flughäfen anstatt einsame Bergspitzen in den Alpen?
Der entscheidende Faktor ist die Logistik. Die Schweiz ist dafür bekannt, grosse Mengen an Edelmetall zu raffinieren. Die bedeutenden Edelmetall-Umschlagplätze unseres Landes befinden sich daher im Umkreis der Flughäfen Zürich und Genf. Dort kommen die Edelmetalle an – raffiniert oder unraffiniert –, und von dort gehen sie wieder an Kunden weltweit. Ein Teil bleibt hier und wird sicher gelagert, denn Kunden schätzen die politische und wirtschaftliche Stabilität der Schweiz. Grosse Hochsicherheitslager befinden sich zwangsläufig in der Nähe dieser Drehkreuze. Spielen die legendären Schweizer Alpenfestungen als Goldlager überhaupt noch eine Rolle?
Ehemalige Festungsanlagen kommen nur für wenige Kunden infrage. Wir bieten diese lediglich institutionellen Kunden an, insbesondere dann, wenn die Werte über lange Zeiträume nicht bewegt werden müssen. Wie gross ist eigentlich der logistische Aufwand, um Tonnen von Gold physisch zu bewegen?
Ein Valorentransport auf der Strasse ist aufwendig. Je länger Werte unterwegs sind, desto höher sind die Risiken. Aus diesem Grund finden grenzüberschreitende Transporte fast immer per Luftfracht statt. Wir machen selbst keine Transporte, sondern verlassen uns hierfür auf unsere Partner, die dieses Geschäft täglich und in grossem Umfang machen – nicht nur für Edelmetalle, sondern ebenfalls für Bargeld. Man könnte meinen, der verfügbare Platz in einem Hochsicherheitslager sei die einzige Grenze. Warum ist es unmöglich, «das ganze Gold der Welt» an einem Ort zu lagern?
Alles in der Geschichte der Menschheit jemals geförderte Gold wird auf etwa 220 000 Tonnen geschätzt. Das klingt nach viel und hat auch einen sehr hohen Wert – nach aktuellem Marktkurs ungefähr 25 Billionen (also 25 000 Milliarden) Schweizer Franken. Gold ist allerdings sehr dicht. Würde man alles Gold der Welt zu einem Würfel formen, hätte dieser gerade mal eine Kantenlänge von circa 22 Metern. Das ist überraschend kompakt …
Allerdings. Dies zum Vergleich: Ein Standardfussballfeld ist 105 Meter lang und 68 Meter breit. Der Goldwürfel passt also fast 15-mal auf ein Fussballfeld. Trotz dieser Kompaktheit kann man so viel Wert nicht an einem Ort versichern. Die Versicherer haben in der Regel, abhängig von der Sicherheit eines Hochsicherheitslagers, ein maximales Limit von 2 bis 4 Milliarden Dollar pro Standort. Meistens ist es deutlich weniger. Das ist denn auch der Grund, warum wir – wie auch andere in der Branche – frühzeitig auf mehrere Standorte gesetzt haben. Dies erhöht zwar auf der einen Seite die Komplexität, ist aber unumgänglich, wenn man an die Limiten der Versicherer stösst. Nicht die Kapazität, sondern vielmehr die Versicherungsdeckung limitiert also die Goldlagerung. Bedeutet das im Umkehrschluss, dass die Sicherheit eines Lagers heute weniger durch die Dicke der Stahltür als durch die Bilanzsumme des Rückversicherers definiert wird?
Wir versichern unsere Hochsicherheitslager im Lloyd’s-Markt in London. Das ist der weltgrösste Versicherungsmarkt und besteht seit 1689. Entsprechend tief ist die Liquidität und Versicherungskapazität. Typischerweise hat dort jede Police sehr viele Versicherer, die jeweils nur einen kleinen Teil zeichnen und damit ihr Risiko streuen. Wie sicher ist denn dieses System im Extremfall?
Die Versicherungen müssen eine starke Mindestbonität und sehr hohe Eigenkapitalreserven nachweisen, die zu grossen Teilen auch vorab hinterlegt werden müssen. Sollte dennoch, wider Erwarten, eine Versicherung ausfallen, gibt es im Lloyd’s-Markt noch Sicherheitsnetze wie den sogenannten First Link, den Second Link und zum Schluss den Lloyd’s Central Fund. Alles in allem lagen dort per Ende 2024 etwa 115 Milliarden britische Pfund.
Ludwig Karl ist Mitglied des Verwaltungsrates und COO der Swiss Gold Safe AG sowie CEO der Liechtensteiner Tochtergesellschaft. Nach seinem Studium der Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München sammelte der gebürtige Bayer umfassende Erfahrung in der Edelmetall-, Blockchain- und IT-Branche. Seit November 2015 prägt er die Geschäftsleitung des Unternehmens und verantwortet dort insbesondere die interne Strategieentwicklung sowie die Digitalisierungsprozesse.
Sie betonen oft Ihre Bankenunabhängigkeit. Warum ist das Modell von Swiss Gold Safe – die physische Verteilung auf verschiedene, voll versicherte Standorte – im Krisenfall die belastbarere Strategie?
Unser Geschäftsmodell zeichnet sich primär dadurch aus, dass wir bankenunabhängige Lagerung anbieten. Das ist unser einziges Geschäftsfeld. Wo eine Bankbilanz mit Geschäfts-, Kredit- und eventuell Wertpapierrisiken belastet ist, ist unsere die eines einfachen Geschäfts ohne Kredit- und Wertpapierrisiken. Die gelagerten Kundenedelmetalle sind nicht Teil unserer Bilanz, sondern verbleiben stets im direkten Eigentum der Kunden. Wir versichern den Gesamtwert der bei uns gelagerten Edelmetalle. Banken gehen hier also ein höheres Risiko ein?
Manche Banken haben so viele Edelmetalle bei sich im Tresor, dass sie es gar nicht versichern können. Der Wert übersteigt die maximale Versicherungsmöglichkeit an einem Standort. Diese Banken setzen stattdessen auf eine teilweise Eigenversicherung. Sie versichern zum Beispiel nur die ersten 500 Millionen Franken (sogenannter «First Loss») und nehmen den Rest auf ihr eigenes Bilanzrisiko. Sie setzen darauf, dass ein Verlustfall nicht grösser als das extern versicherte Risiko ist, sondern vorher auffällt oder entdeckt wird. Eine nachvollziehbare, aber risikoerhöhende Praxis, die wir nicht machen. Der Stablecoin-Anbieter Tether machte kürzlich mit seinen Goldbeständen Schlagzeilen. Beobachten Sie ein steigendes Interesse von digitalen Finanzakteuren, ihre Werte physisch in Schweizer Tresoren abzusichern?
Ja. Wir erhalten regelmässig Anfragen von Firmen, die Edelmetalle digitalisieren oder tokenisieren wollen. Die meisten Geschäftsmodelle, die wir dazu gesehen haben, haben sich nicht materialisiert. Die wenigen grossen Projekte erhalten ihr Geschäft hauptsächlich aus Eigenvolumen – zum Beispiel von den Gründern des Projekts oder den angeschlossenen Firmen. Es scheint so, als würden Edelmetallkäufer ein direktes Eigentum am Edelmetall präferieren. Warum ist die Skepsis gegenüber der Tokenisierung so gross?
Normalerweise hat ein Edelmetallkäufer eine weitere Vertragspartei – den Lageristen des Edelmetalls. Bei digitalisierten oder tokenisierten Edelmetallen kommen noch die Risiken einer neuen Gegenpartei dazu, der Emittenten der Token etwa. Zudem hat der Kunde den Aufwand und das Risiko der Verwahrung der Token. Dagegen sind die potenziellen Vorteile einer Tokenisierung sehr überschaubar. Ist Gold im Tresor demnach am Ende doch effizienter als ein digitales Token?
Kunden, die schnell handeln möchten, sind wahrscheinlich mit einem Edelmetall-ETF besser bedient. Doch wer mittel- bis langfristig denkt, kommt aufgrund der tieferen Kosten und des direkten Eigentums an physischen Edelmetallen sowieso nicht vorbei. Neben Gold wird in Ihren Anlagen auch Bargeld gelagert. In einer Zeit komplexer Zinsszenarien: Warum entscheiden sich Kunden dafür, Papiergeld physisch in einen Bunker zu legen, statt es auf einem Bankkonto zu halten?
Das passiert aus den unterschiedlichsten Gründen. In der Phase der Negativzinsen war die Rechnung einfach: Die Lagergebühren inklusive Versicherung waren mit 0,3 bis 0,4 Prozent pro Jahr signifikant tiefer als die 0,75 Prozent Negativzinsen. Es hat sich gelohnt, Bargeld abzuheben und zu lagern. Viele Kunden, die jetzt Bargeld lagern, machen dies wahrscheinlich aus Sicherheitsüberlegungen – das Bargeld als Hort der Sicherheit, als eiserne Reserve. Über Volumina und Einzelschliessfächer wird in der Branche traditionell geschwiegen. Aber können Sie uns verraten, wer die Menschen hinter den Barren sind? Gibt es die typische «Gold-Generation», oder investiert heute auch die Jugend wieder in Barren?
Erstaunlicherweise sind Edelmetalle kein Thema einer bestimmten Generation. Wir haben Kunden in allen Altersbereichen. Der Schwerpunkt liegt natürlich im mittleren und hohen Alter – die Situation entspricht aber ungefähr der normalen Vermögensverteilung nach Alter. Edelmetalle sind ein Thema für alle, die Vermögen haben und dieses mittel- bis langfristig bewahren wollen. Eine solide Beimischung von Gold gehört in jedes Portfolio. Dazu gibt es mittlerweile auch viele Studien. Die letzte, die mir bekannt ist, ist von Professor Thorsten Hens und Alvin Amstein von der Universität Zürich aus dem Jahr 2025. Sie erwähnt, dass gemäss Capital Asset Pricing Model (CAPM) eine Goldgewichtung von 12 Prozent im Portfolio optimal ist. Wir erleben eine massive Flucht in Sachwerte. Hat sich die Art der Güter, die Sie einlagern, verändert? Liegen neben dem Gold heute mehr Silber, Platin oder gar Kunst und seltene Weine in den Hochsicherheitslagern?
Wir haben uns bewusst auf Edelmetalle und Bargeld spezialisiert. Daher sind fast alle bei uns gelagerten Werte auch in diesen beiden Formen. Der Anteil von Silber am gesamten bei uns gelagerten Wert ist erstaunlich signifikant. Woran könnte das liegen?
Wahrscheinlich daran, dass Silber – anders als Gold – mit einer Mehrwertsteuer belegt ist. Wir bieten eine zollfreie Lagerung an. Dann muss für das Silber keine Mehrwertsteuer bezahlt werden, solange es im Zollfreilager verbleibt. Davon machen viele Kunden Gebrauch. Zum Abschluss ein Blick in die Kristallkugel: Wird die Schweiz auch in fünfzig Jahren noch der Goldtresor der Welt sein, oder lagert unser Vermögen dann in einer ganz anderen Form?
Fünfzig Jahre in die Zukunft blicken kann niemand. Wir können jedoch festhalten, dass die Schweiz im Wettbewerb der relevanten Edelmetallplätze sehr gut aufgestellt ist. Wenn wir es schaffen, diesen Wettbewerbsvorsprung zu halten, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir auch in fünfzig Jahren noch ein starker Platz für Edelmetalle sein werden. Die hier dezentral und über sehr lange Zeit gewachsene Edelmetallstruktur ist gut und weltweit einzigartig. Tragen wir diesem Vorsprung Sorge.
Die Swiss Gold Safe AG ist ein spezialisierter, bankenunabhängiger Anbieter für die Verwahrung von Edelmetallen, Bargeld und weiteren Sachwerten in der Schweiz sowie im Fürstentum Liechtenstein. Das Unternehmen betreibt ein umfangreiches Netzwerk an Hochsicherheitslagern. Ein wesentliches Merkmal des Geschäftsmodells ist die Lagerung ausserhalb des klassischen Bankensystems, wobei Kunden von vollumfänglichen Versicherungslösungen und der Möglichkeit zur mehrwertsteuerfreien Verwahrung in Zollfreilagern profitieren.