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Rente vs. Kapital

Freiheit gegen Sicherheit

Immer mehr Versicherte beziehen ihr Kapital. Grund dafür sind persönliche Lebensumstände, steuerliche Fragen und der Wunsch nach Flexibilität.

Sandra Willmeroth

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Der Kapitalbezug ermöglicht Reiseträume, zum Beispiel mit einem Campervan. Getty Images

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Die Schweizer Vorsorgelandschaft befindet sich im Wandel. Erstmals seit Beginn der Erhebungen zeigt die «Swisscanto-Pensionskassenstudie 2025», dass sich Renten- und Kapitalbezug bei Pensionierungen nahezu die Waage halten. Der Studie zufolge entscheiden sich 39 Prozent der Neurentnerinnen und Neurentner für eine lebenslange Rente, 38 Prozent für den Kapitalbezug, während der Rest eine Mischform wählt. Ähnliche Entwicklungen zeigen auch die jüngsten Daten des Bundesamtes für Statistik (BFS). Gemäss der Pensionskassen- und Neurentenstatistik hat sich das Volumen der Kapitalbezüge von rund 6 Milliarden Franken im Jahr 2013 auf 17,1 Milliarden Franken im Jahr 2024 erhöht.
Laut den jüngsten BFS-Zahlen für das Jahr 2024 haben 45 Prozent der Neurentnerinnen und Neurentner ihre Leistungen aus der beruflichen Vorsorge ausschliesslich als Kapital bezogen, 36 Prozent als Rente, und 19 Prozent wählten eine Kombination von beiden Varianten. Allerdings weist das BFS darauf hin, dass die Neurentenstatistik jeweils nur die im betreffenden Jahr erstmals bezogenen Leistungen erfasst und deshalb keine vollständige Aussage über die gesamte Altersvorsorge einer Person erlaubt.

Autonomie versus Sicherheit

Der Trend ist jedoch eindeutig: Die klassische Rentenlösung verliert ihre bisherige Dominanz, während individuelle Wahlmöglichkeiten in der zweiten Säule an Bedeutung gewinnen. Der Umwandlungssatz, der in der politischen Diskussion häufig als zentraler Einflussfaktor für die Entscheidung zugunsten des Kapitalbezugs dargestellt wird, hat laut der Erhebung von Swisscanto nur einen begrenzten Einfluss auf die konkrete Bezugsform. «Unsere Daten zeigen aber sehr deutlich: Der Umwandlungssatz ist nicht der zentrale Treiber der Kapitalbezüge», heisst es. Laut der Studie führt weder ein besonders hoher noch ein besonders tiefer Umwandlungssatz zu einem klar erkennbaren Muster bei der Wahl der Versicherten zwischen Rente und Kapital. Die Entscheidung scheint vielmehr von persönlichen Lebenssituationen und dem individuellen Wissen in Finanzfragen geprägt zu sein. «Erfahrungsgemäss sind Sicherheit, Flexibilität und Kontrolle über die eigenen Finanzen entscheidend. Viele Haushalte beziehen mindestens einen Teil als Kapital, um ihre Angehörigen besser abzusichern und das Vermögen selbst zu steuern», sagt Karl Flubacher, Pensionierungsexperte beim VZ Vermögenszentrum.

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Auffallend ist, dass sich überdurchschnittlich viele Versicherte, die im Finanz- und Versicherungsbereich tätig sind, eher für den Bezug der Gelder als für eine Verrentung entscheiden: 42 Prozent der Versicherten aus diesen Branchen beziehen das Kapital, nur noch 28 Prozent die Rente, und 30 Prozent entscheiden sich für eine Mischform. Dies deutet darauf hin, dass Aspekte wie Finanzwissen und Anlageaffinität eine wichtige Rolle spielen. Oder vielleicht zeigt es auch, dass diese Versicherten häufiger Zugang zu günstigen Anlageprodukten und -plänen haben. Zugleich bleibt bei vielen anderen Versicherten aber auch das Bedürfnis nach Sicherheit zentral: Wer planbare, lebenslange Einkünfte bevorzugt oder Anlagerisiken vermeiden möchte, entscheidet sich häufig weiterhin für die Rente.

Der Staat verdient mit

Eine entscheidende Rolle bei der Wahl zwischen Rente und Kapital spielt die steuerliche Behandlung: Kapitalleistungen aus der zweiten Säule werden einmalig und getrennt vom übrigen Einkommen zu einem reduzierten Tarif besteuert. Dadurch kann der Kapitalbezug – je nach Vermögenssituation, Wohnort und Bezugszeitpunkt – steuerlich attraktiv sein. In der Praxis nutzen Versicherte teilweise auch gestaffelte Bezüge, um die Steuerlast zu optimieren. Renteneinkünfte hingegen werden als reguläres Einkommen besteuert und unterliegen der Einkommensteuerprogression. Dafür verteilt sich die steuerliche Belastung über die gesamte Rentenzeit. «Allerdings führt der Kapitalbezug nicht automatisch zu einem Steuervorteil. In den ersten Jahren wird er fast immer höher besteuert als die Rente. Erst langfristig kann sich das ändern – im Schnitt dauert es rund 15 bis 17 Jahre, bis sich der Kapitalbezug rechnet», wendet VZ-Experte Flubacher ein.

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Viele Versicherte schätzen laut Swisscanto beim Kapitalbezug vor allem die grössere Flexibilität. Sie nutzen das Geld, um Hypotheken zu reduzieren, eigene Finanzmarktinvestitionen zu tätigen – oder um sich einen lang gehegten Lebenswunsch zu erfüllen, beispielsweise eine Kreuzfahrt oder die Anschaffung eines Campingmobils. «Der Trend ist wohl auch ein Ausdruck der Individualisierung der Gesellschaft», folgern die Autoren der Swisscanto-Studie. Die fixe Rente verliere laufend an Bedeutung – sowohl für die Versicherten als auch für die Pensionskassen, denn beide Seiten würden eher nach Flexibilität streben. «Der Wunsch nach Flexibilität nimmt zu. Wer aber ausschliesslich das Kapital bezieht, muss sich intensiv mit der Geldanlage auseinandersetzen. Für viele Ehepaare ist ein Mischbezug aus Rente und Kapital die beste Lösung», sagt Flubacher vom VZ Vermögenszentrum.
Für die Pensionskassen selbst hat der steigende Kapitalbezug unterschiedliche Auswirkungen. Einerseits reduziert er langfristige Verpflichtungen und verringert sowohl das Langlebigkeits- als auch das damit verbundene Anlagerisiko. Andererseits steigt der kurzfristige Liquiditätsbedarf, insbesondere bei Kassen mit vielen Versicherten, die Vorbezüge tätigen oder sich bei der Pensionierung ihr Altersguthaben auszahlen lassen. Hohe Kapitalauszahlungen können die Liquiditätsplanung beeinflussen und damit auch Auswirkungen auf die Anlagestrategie haben. Die Altersstruktur der Versicherten sowie die Zusammensetzung des Vorsorgekapitals zählen deshalb zu den zentralen Faktoren für die Risikofähigkeit einer Pensionskasse.

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