ist Senior Vice President von AIMR, der Dachorganisation des amerikanischen CFA-Finanzausbildungsprogramms.
BILANZ: Mr. Johnson, 4700 Personen liessen sich im letzten Jahr zum Chartered Financial Analyst (CFA) ausbilden. Die Ausbildung gilt als streng und legt viel Gewicht auf Ethik. Haben Ihre Absolventen versagt?
Robert Johnson:
Überhaupt nicht. Keiner der Analysten, die in die Skandale in den USA verwickelt waren, sind oder waren CFA-Mitglieder.
Trotzdem wird unter den Tausenden von Analysten, welche die Technologieaktien mit Kaufempfehlungen in die Höhe pushten, der eine oder andere CFA-Absolvent zu finden sein.
Die meisten Analysten in den USA verfügen nicht über einen CFA-Abschluss. Aber Sie haben wahrscheinlich Recht. Ich verurteile indes niemanden, nur weil er Internetaktien zum Kauf empfohlen hat. Jeder Analyst hat seine eigenen Ansichten. Nur müssen ihre Ansichten auf rationalen Grundlagen fussen.
Nochmals: Ethik hat im CFA-Programm einen hohen Stellenwert. Genützt hat es offensichtlich wenig.
Da bin ich nicht Ihrer Meinung. Viele unserer Mitglieder sind Value-Investoren, und als solche haben sie ihre Kunden jahrelang vor der Internetblase gewarnt. Aber da die Investoren mehr Rendite haben wollten als 20 Prozent, verloren diese Leute damals halt sehr viele Kunden.
Andererseits kritisieren manche Analysten, dass die Bewertungsmethoden zu sehr auf dem Wachstumsansatz basieren.
Als ich vor Jahren in Tennessee eine Präsentation machte, meinte ein Zuhörer, das CFA-Programm sei passé, weil man es für die Bewertung von Internetaktien nicht brauchen könne. Ich antwortete ihm, dass man solche Aktien durchaus an den Standardmethoden messen könne. Er wiederum meinte, dass Internetaktien unter solchen Umständen nichts wert seien. Da musste ich ihm beipflichten. Aber Sie dürfen dabei den Aspekt der Erwartungen nicht vergessen.
Nun gibt es fast keine Verkaufsempfehlungen. Wirft nicht nur schon diese die Tatsache ein schlechtes Licht auf die Branche?
Ich finde das auch unbefriedigend. Es macht zwar wenig Sinn, einen Titel ausgerechnet mit einer Verkaufsempfehlung zu versehen; aber wenn er mal in eine Liste aufgenommen ist, dann sollte jeder Analyst die Freiheit haben, eine Verkaufsempfehlung auszusprechen.
In der Schweiz wurde ein Analyst gefeuert, weil er die Wahrheit über eine mittlerweile konkursite Firma aussprach, mit der sein Arbeitgeber enge Geschäftsbeziehungen unterhalten hatte.
Das tönt nach Skandal. Wäre er CFA-Mitglied gewesen, hätten wir uns für ihn eingesetzt.
Wir wären an die Presse gelangt und hätten unsere Meinung gesagt. Solche Geschichten zerstören das Vertrauen in die Märkte.
Die Presse hat das auch so mitgekriegt. Was können Sie sonst noch tun?
Verstösst ein CFA-Mitglied gegen unsere Regeln, dann publizieren wir im schlimmsten Fall seinen Namen und schliessen ihn aus. Einschreiten würden wir beispielsweise dann, wenn ein Analyst eine Aktie, die er intern zum Verkauf ausschreibt, gegen aussen hin zum Kauf empfiehlt. Gegenüber den Firmen sind wir indes machtlos. Unsere Verbandsmitglieder sind nur Einzelpersonen.