Ab nรคchstem Jahr ist Bundesrat Johann Schneider-Ammann auch Bildungsminister. Eingelรคutet hat er seine neue Aufgabe bereits mit einer bemerkenswerten Aussage in der ยซNZZยป Ende Oktober. Er sagte: ยซIch hรคtte lieber etwas weniger, dafรผr bessere Maturanden.ยป Klar, dass Kritik da nicht lange auf sich warten liess. Das Statement widerspricht nรคmlich der auch in der Schweiz grassierenden Tonnenideologie im Bildungswesen, wonach ein Volk umso kompetenter und besser ist, je hรถher die Maturitรคtsquote ausfรคllt und je mehr Menschen ein Studium absolvieren.
An diese Ideologie glaubt auch Daniel Oesch, Assistenzprofessor an der Universitรคt Lausanne, der sich bemรผssigt fรผhlte, Schneider-Ammann in der ยซNZZ am Sonntagยป vom 18.โNovember zu widersprechen. Da lesen wir, dass eine geringere Zahl von Maturanden sowohl der wirtschaftlichen Logik als auch der sozialen Gerechtigkeit widerspreche. Und Oesch glaubt dies auch beweisen zu kรถnnen, nรคmlich mit Hilfe einer Statistik der Schweizerischen Arbeitskrรคfteerhebung. Diese zeige nรคmlich bei einem Vergleich der Zahlen aus den Jahren 1991 und 2008, dass in dieser Zeitspanne Stellen vor allem dort entstanden sind, wo die Ausbildungen besonders lang und maturaintensiv sind (รrzte oder Anwรคlte), wรคhrend dort, wo die Ausbildungen kurz und ohne Matura ablaufen (Putzhilfen oder Bauhilfsarbeiter), Stellen abgebaut wurden. Oesch glaubt folgern zu kรถnnen, dass es immer mehr Maturanden und immer weniger Lehrabsolventen brauche.
Diese Argumentation zeigt exemplarisch, was dabei herauskommt, wenn man Ursache und Wirkung durcheinanderbringt. Denn die Steigerung der Nachfrage nach Maturanden hat nur wenig damit zu tun, dass es immer mehr รrzte und immer weniger Putzhilfen beziehungsweise immer mehr Anwรคlte und immer weniger Aushilfsarbeiter braucht. Vielmehr ergibt sich der wachsende Bedarf zum grossen Teil daraus, dass heute fรผr viele Berufe, die man vor 20 Jahren mit Lehre oder Seminarausbildung ausรผben konnte, Matura und Studium erforderlich sind. So wurde beispielsweise aus dem Beruf der Krankenschwester, fรผr den 1991 noch eine Lehre ausreichte, der Beruf der Pflegefachfrau, den man nur mit Bachelor ergreifen kann. Und fรผr den Beruf des Primarlehrers, den man frรผher ohne Matura mit Seminarausbildung erlernen konnte, braucht es jetzt ein Studium an einer Pรคdagogischen Hochschule mit Bachelorabschluss. Die steigende Nachfrage nach ยซAkademikernยป wurde also kรผnstlich geschaffen durch eine Tertiarisierung vieler Bildungsgรคnge, die unser bewรคhrtes duales Bildungssystem zunehmend marginalisiert. Man findet es heute wichtig, dass junge Menschen mรถglichst lange Zeit an Bildungsinstitutionen absitzen โ ganz egal, wo sie nachher arbeiten und was sie machen werden.
Wohin das fรผhrt, erkennen wir, wenn wir nach Finnland schauen, wo die Maturitรคtsquote bei รผber 90 Prozent liegt. Nach der Argumentation von Oesch mรผssten wir zur Schlussfolgerung gelangen, dass Finnland der Schweiz meilenweit voraus sei. Denn die ohne Matura bewรคltigbaren Jobs gebe es in der finnischen Wirtschaft im Unterschied zu der noch unterentwickelten Schweiz kaum mehr. Die Realitรคt sieht freilich anders aus: Die hohe Jugendarbeitslosenquote von รผber 20 Prozent zeigt, dass in Finnland am eigentlichen Arbeitskrรคftebedarf vorbei ausgebildet wird. Hohe Maturitรคtsquoten sind ein hervorragendes Mittel, um die Jugendarbeitslosigkeit zu fรถrdern. Doch auf diese Fรถrderung verzichten wir gerne.
Mathias Binswanger ist Professor fรผr Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz.