Die kalifornische Stromkrise ist bei genauerem Hinsehen keine Folge von Deregulierung, sondern von Strangulierung. Auf Europa sind die Verhältnisse nicht übertragbar.
Die Regie war perfekt: Clayton Christensen, Professor der Harvard Business School, hob an, über die Energieprobleme in Kalifornien zu sprechen, da gingen im unterkühlten Saal die Lichter aus. Ein Gag? Nein: ein ungeplanter Stromausfall in Phoenix, der Metropole des Wüstenstaates Arizona, wo Strom aus Photovoltaikanlagen leicht die Versorgung decken könnte.
Aber es geht ja um Kalifornien bei einer internationalen Energiekonferenz. Wie konnte es passieren, dass sich in dem Hightech-Staat die Bürger wegen der Stromausfälle nicht nur ärgern, sondern auch noch schämen? «Was sind die wahren Hintergründe der Energiekrise in Kalifornien?», wird George Sladoje von der California Power Exchange bei der Konferenz im energiefressenden Hotel gefragt. Seine Antwort: «Wie viele Stunden Zeit habe ich dafür?» Er hatte nur wenige Minuten so wie die vielen anderen Experten, die keine schlüssige Antwort auf die Frage geben konnten. «It’s a game like nintendo», meinte Sladoje, der im Advisory Board der kalifornischen Regulierungsbehörde «zu viele Akademiker mit Eigeninteressen» sitzen sieht. Bob Levin von der Nymex hat es wohl auf den Punkt gebracht: «In Kalifornien gab es keine Deregulierung, sondern es hat sich um marxistische Methoden einer Staatswirtschaft gehandelt.» Kurzum: In Kalifornien handelt es sich um ein hausgemachtes Infrastrukturproblem, auf das eine dumme regulierte Deregulierung aufgesetzt wurde:
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In Kalifornien ist seit elf Jahren kein neues Kraftwerk mehr gebaut worden.
In diesem Zeitraum ist der Stromverbrauch um 26 Prozent gestiegen.
Der Gesetzgeber hat Höchstpreise für den Strom der privaten Haushalte festgeschrieben.
Die Energieversorgungsunternehmen wurden von der Regierung gezwungen, mit ihren Kunden nur noch kurzfristige Verträge abzuschliessen.
«Einige Kommentatoren, beeinflusst von Vertretern der Energiewirtschaft, suggerieren fälschlicherweise, dass die Probleme des kalifornischen Energiemarktes bald auch in Europa auftreten könnten», so ein Sprecher des US-Versorgers Enron, der weltweit Erfahrungen in liberalisierten Energiemärkten hat. «…dann bekommen wir kalifornische Verhältnisse», diese Drohgebärde kommt von entsprechend vielen Liberalisierungsgegnern.
Die EU-Länder haben rund 40000 Megawatt Überkapazität an Kraftwerksleistung und kaum mehr einen wachsenden Verbrauch; allein das zeigt den Unterschied zu Kalifornien, wo die Baugenehmigung für ein konventionelles Kraftwerk bisher so schwierig war, als wollte man in der Berner Innenstadt ein Kernkraftwerk samt Wiederaufarbeitungsanlage bauen. «Die Genehmigungsverfahren müssen vereinfacht werden», fordert Enron; tatsächlich sollen jetzt die Genehmigungszeiten auf maximal neun Monate verkürzt werden. Die Zeit allein hilft nicht: «Only the incentives of a free market will encourage building new capacity», kommentiert Laura Cohn in «BusinessWeek». Kalifornien muss deregulieren.