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Markt-Interview

«Zehn Prozent und mehr sind realistisch»

Kapitalmarktstratege Harald Preissler ist trotz Iran guter Dinge. Erst für 2027 sieht er dunkle Wolken am Horizont.

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Harald Preissler ist Kapitalmarktstratege und Vizepräsident des Verwaltungsrats der Asset-Management-Firma Bantleon. PR

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Herr Preissler, Sie waren für 2026 optimistisch. Hat Ihnen Trump einen Strich durch Ihre Prognose gemacht?

Nicht ganz. Wir haben unsere Schätzung für das europäische Wirtschaftswachstum von 1,8 auf 1,3 Prozent gesenkt, sind aber noch immer deutlich optimistischer als der Konsensus. Die politischen Ereignisse sorgen für Volatilität, aber der positive Trend bleibt intakt.

Also sind Sie für die Aktienmärkte trotz Iran und hoher Ölpreise optimistisch?

Es gibt ja nicht nur schlechte Nachrichten. Die vormals extrem hohen Bewertungen an der Nasdaq sind auf ihren Mittelwert zurückgekehrt, das gleiche Bild zeigt sich bei anderen Indizes. Die Euphorie ist verflogen. Die Fonds halten wieder mehr Cash. Deswegen Risk-on, ganz klar, und zwar sowohl an den Aktien- als auch an den Anleihenmärkten. Wir bevorzugen Zykliker, Industrie und Rohstoffe. Zehn Prozent und mehr sind an den Börsen bis Jahresende realistisch. Die Schweiz hat durch die Underperformance der letzten Jahre sogar ein gewisses Aufholpotenzial.

Aber die Ölpreise heizen bereits die Teuerung an. Zinssenkungen werden so schwer umsetzbar. Ist das für die Börsen so leicht zu verdauen?

Der Inflationsschub, den wir im März, April und Mai sehen, resultiert ausschliesslich aus den Energiepreisen. Er wird sich wieder zurückbilden. Gerade im zweiten Halbjahr dürfte die Freude über die Konjunkturerholung dominieren. Die Inflation wird eher mittelfristig zum Problem.

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Warum?

Wir sehen einen strukturellen Inflationstrend, der sich schon länger aufbaut. Er dürfte mit dem Wirtschaftswachstum weiter an Fahrt gewinnen. Europas Arbeitslosigkeit befindet sich auf einem Rekordtief. Erholt sich die deutsche Konjunktur, feuert die europäische Wirtschaft auch noch aus dem letzten Zylinder. Das Wachstum dürfte dann deutlich über der Potenzialrate liegen. So könnte sich zyklischer Preisdruck aufbauen.

Warum spricht die EZB von einem vollkommen ausgewogenen, gleichgewichtigen Zustand?

Noch, das wird sich ändern. Wir rechnen im Laufe dieses Jahres mit zwei, vielleicht sogar mehr Leitzinserhöhungen.

Sind steigende Zinsen nicht Gift für die Börse?

Anfangs sind sie noch Ausdruck der konjunkturellen Stärke. In dieser Phase wandern Zinsen und Börsen gemeinsam nach oben. Wenn wir das konjunkturelle Hoch wahrscheinlich Anfang 2027 erreichen, werden sich die höheren Zinsen allmählich negativ auf die Erträge auswirken. Unser Aktienmarktausblick auf das Jahr 2027 wird daher weniger rosig sein.

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