Wohnraum wird knapp, insbesondere bei Mietobjekten mit gehobenem Standard. In Städten wie Zürich und Genf geistert seit geraumer Zeit gar der Begriff Wohnungsnot durch die Gazetten. Zu den Ursachen für das knappere Angebot gehört, dass seit Mitte der Neunzigerjahre die Zahl der neu erstellten Wohnungen kontinuierlich gesunken ist. Einen der Gründe für die rückläufigen Wohnbauinvestitionen nennt Donato Scognamiglio, Geschäftsführer des IAZI Informations- und Ausbildungs-Zentrums für Immobilien in Bülach: «Noch bis vor zwei Jahren legten grosse Investoren wie Pensionskassen und Versicherungen ihr Geld lieber an der Börse an, als im Wohnungsbau Bruttorenditen von nur sechs Prozent oder weniger zu erzielen.»
Zur Verknappung des Wohnraumangebots hat aber ganz wesentlich auch eine demografische Verschiebung geführt, wodurch der Wohnflächenbedarf pro Kopf markant gestiegen ist. «Wichtigster Faktor für den gestiegenen Wohnflächenbedarf ist die sehr starke Zunahme der kleinen Haushalte», erklärt Frohmut W. Gerheuser vom Büro für Politikberatung und Sozialforschung in Brugg. Er beobachtet seit über zwanzig Jahren den hiesigen Wohnungsmarkt und publiziert zu diesem Themenbereich auch für das Bundesamt für Wohnungswesen.
In der Stadt Winterthur etwa hat sich die Bruttogeschossfläche für den Wohnbedarf pro Person von 1970 bis 2000 um fast 60 Prozent erhöht. Gesamtschweizerisch liegt die Bruttogeschossfläche bei 54 Quadratmetern pro Kopf und damit 20 Prozent über dem Durchschnitt des EWR. Seit Mitte der Neunzigerjahre hat nach Feststellungen des IAZI auch die durchschnittliche Wohnfläche der Einfamilienhäuser zugenommen, und zwar von rund 145 auf etwa 175 Quadratmeter.
Nicht zuletzt wirke sich, so Gerheuser, der Wandel in den Haushalts- und Familienformen sowie in der Arbeitswelt auf den Wohnraumbedarf aus. 1990 lebte gesamtschweizerisch noch mehr als die Hälfte der Wohnbevölkerung in einem Familienhaushalt mit Kindern, gut ein Fünftel lebte mit einer Partnerin oder einem Partner, 13 Prozent führten einen Einpersonenhaushalt. Es dürfte kaum überraschen, wenn die 2000 durchgeführte Bevölkerungs- und Wohnungszählung zeigte, dass sich weitere, massive Veränderungen in der Lebensform ergeben haben. Die Resultate dieser alle zehn Jahre durchgeführten Erhebung werden zwar erst 2002 vorliegen. Aber Schätzungen gehen dahin, dass im Jahr 2010 die Ein- und Zweipersonenhaushalte 65 Prozent aller Haushalte ausmachen werden. In der Stadt Zürich sind bereits jetzt gut die Hälfte aller Haushalte Einpersonenhaushalte.
Singles oder auch Doppelverdiener sind meist nicht nur eine sehr kaufkräftige Zielgruppe. Sie haben auch einen erhöhten Platzbedarf mit wachsenden Ansprüchen an die Ausstattung, den Komfort und die Gebäudetechnik. «Vor allem Doppelverdiener wollen heute in einer Vier- bis Fünfzimmerwohnung leben», beobachtet Gerheuser.
Zu einem wachsenden Wohnflächenbedarf führt auch die Telearbeit in den eigenen vier Wänden. Verschiedene Firmen stellen bereits heute ihren Angestellten nicht mehr einen ständigen Büroarbeitsplatz, sondern bei Bedarf lediglich eine Andockstelle für den PC zur Verfügung. Anfang 2001 waren in Schweizer Haushalten rund 1,75 Millionen PCs installiert, nahezu zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Das erfordert mit der dazugehörenden Infrastruktur zusätzliche Flächen.
Nach dem Auszug der Kinder, was immer früher geschieht, verbleiben die Eltern oft in der grossen Wohnung oder dem geräumigen Haus. Die eine oder zwei Personen umfassenden Betagtenhaushalte werden weiter zunehmen, weil dieser Personenkreis eine längere Lebenserwartung hat und Pflegebedürftigte immer besser zu Hause versorgt werden können. Das lässt den Wohnflächenbedarf ebenso ansteigen. «Das hat wenig mit Komfortwünschen zu tun, sondern ist schlicht ein gewisses Beharrungsvermögen», so Gerheuser.
Nicht zu unterschätzen ist auch der steigende Wohnflächenbedarf durch die weiterhin zunehmende Zahl der Scheidungen. Gemäss Bundesamt für Statistik ist die Scheidungsziffer von 1950 bis 2000 von gut 10 auf nahezu 50 Prozent gestiegen. Nach der Trennung zieht man – sofern finanziell tragbar – nicht in eine Einzimmerwohnung, sondern versucht den während der Partnerschaft gehabten Komfort zu halten.
Schliesslich führt auch die Stadtflucht zu mehr Verbrauch an Wohnquadratmetern. Im Projektbeschrieb «10 000 Wohnungen in 10 Jahren» konstatiert das Hochbaudepartement der Stadt Zürich: «Die Wegziehenden verfügen in der neuen Wohnung über ein halbes Zimmer mehr.»