Abo

Altweibersommer

Die Zeiten, in denen gemischte Lebensversicherungen hohe Renditen bieten, könnten bald zu Ende sein. Ein Absturz in die Realitäten der Finanzmärkte dürfte unmittelbar bevorstehen.

Werbung

Bei den Schweizer Lebensversicherern sind die fetten Jahre vorerst vorbei. Der Zerfall der Aktienkurse hat zu massiven Einbussen auf den Finanzanlagen geführt. Damit nicht genug, denn auch die Zinsen sinken unentwegt. Das hellhörig gewordene Aufsichtsamt in Bern hat deshalb die Gesellschaften vorzeitig aufgefordert, sich über die Einhaltung der gesetzlichen Deckungsvorschriften bei den Sicherungsfonds auszuweisen.
Trotz diesem garstigen Umfeld betreibt die Branche eine unverändert generöse Überschusspolitik. Wie ein Blick auf die Tabelle (Seite 252) zeigt, offerieren vorab die grossen Gesellschaften bei den gemischten Versicherungen gegen Einmalprämie immer noch Renditen von knapp vier Prozent.
Dabei verdient die Branche auf neu angelegten Kundengeldern derzeit nicht einmal halb so viel, wie sie vollmundig verspricht. Aktienanlagen geben nichts her, und die Zukunftsaussichten sind unsicher. Festverzinsliche in Schweizerfranken – sie machen den Löwenanteil des Portefeuilles eines Lebensversicherers aus – rentieren aber nur mit etwa drei Prozent (Anfang November), davon geht mehr als ein Drittel für Abschluss-, Verwaltungs- und Risikokosten sowie für den eidgenössischen Stempel weg.
Die Gesellschaften müssten also in den kommenden zehn Jahren mit Aktien ganz unverschämt viel Geld verdienen, wenn die Überschussprognosen eingehalten werden sollten. Lässt sie das Glück im Stich, so könnten sie von den in den goldenen Neunzigerjahren angehäuften stillen Reserven zehren. Und schliesslich bietet sich als – nicht unwahrscheinliche – Variante die Kürzung der Überschüsse an, was ohne Angabe von Gründen möglich ist.

Partner-Inhalte

Das Geschäft mit Einzelkunden geht seit Monaten nur noch sehr schleppend. Die «Superrenditen» dienen deshalb vorwiegend der Vermeidung von Marktanteilverlusten. Die Zürich liefert für diese Strategie ein geradezu klassisches Beispiel. Während Monaten hielt diese Gesellschaft ihre Renditen auf einem vergleichsweise tiefen Niveau. Weil sie in den letzten Jahren bei der Kürzung von Überschüssen auf laufenden Policen nicht gerade zimperlich war, erschien dies als logische Konsequenz. Umso erstaunlicher die massive Erhöhung von 3,26 auf 3,89 Prozent. Damit verliert die «Zürich» gewissermassen ihre Unschuld und schreckt auch nicht vor einem drohenden Hauskrach zurück. Dasselbe Produkt wird nämlich über die Credit Suisse sogar mit 4,3 Prozent angeboten. Das dürfte der Aussendienst kaum goutieren, obwohl sich die höhere Rendite wegen geringerer Verwaltungskosten wenigstens teilweise begründen lässt.
Wie dem Altweibersommer im Spätherbst dürfte auch dem gegenwärtigen Renditeüberschwang in der Lebenbranche ein baldiges Ende blühen. So hat Rentenanstalt-Chef Manfred Zobl für 2002 «massive Kürzungen» auf allen Produkten angekündigt; über Details mag sich die Gesellschaft noch nicht äussern. Das Steuer herumreissen will auch die Providentia, die ab Neujahr auf Einmalprämien nur noch rund 2,6 Prozent offerieren will, das sind etwa 115 Basispunkte weniger als bisher! Bei den Leibrenten fällt die Kürzung von 6,29 auf 5,9 Prozent moderater aus.

Werbung

Beim Lebensversicherer der Mobiliar-Gruppe war offenbar der Handlungsbedarf derart gross, dass er auch den Unmut von Kooperationspartner UBS Life in Kauf nahm. Die Lebensversicherung der UBS, die konventionelle gemischte Versicherungen und Leibrenten bisher ausschliesslich bei der Providentia bezogen hatte, war wegen der massiven Reduktion derart erbost, dass sie über Nacht den Verkauf einstellte und sich derzeit nach neuen Partnern umsieht. Damit dürfte eine erst im Januar 2001 aufgenommene Geschäftsbeziehung abrupt enden. Offenbar hat die Bank damals nicht genügend bedacht, dass die Providentia als klassischer Risikoversicherer ein Neuling auf dem Gebiet der gemischten Versicherung ist und deshalb nicht über den langen Atem – sprich: die gefüllten Reservetöpfe – einer eingesessenen Lebensversicherung verfügt.
Den Taucher bereits vollzogen hat die Groupe Mutuel. Die Versicherungstochter der gleichnamigen Krankenkasse glänzte bis Ende September mit dem Höchstangebot von 4,22 Prozent. Mit einer drastischen Senkung auf 3,44 Prozent rangiert sie nun plötzlich unter «ferner liefen». Diese harte Landung hat sich die Gesellschaft selbst zuzuschreiben. Die frühere Spitzenrendite kam nämlich nur dank einem Trick bei den Risikokosten zu Stande. Anders als bei den Konkurrenzprodukten war die versicherte Todesfallsumme bei Vertragsbeginn gleich null, und in der Folge stieg sie nur geringfügig an. Deshalb verweigerte die eidgenössische Steuerverwaltung dem Produkt prompt die Befreiung von der Einkommenssteuer. Das ist schlechte Kunde für jene Anleger, die sich bei der Groupe Mutuel vermeintlich günstig eindeckten und nun den Ertrag versteuern dürften.

Werbung

Werbung