Die jüngsten Zahlen zum BVG zeigen, dass Vorsorgeeinrichtungen im Wettbewerb durchschnittlich tiefere Deckungsgrade aufweisen als firmeneigene Pensionskassen. Ist dies den Wachstumszielen geschuldet?
Nein. Jede Pensionskasse muss hinsichtlich ihrer finanziellen Sicherheit individuell beurteilt werden. Die meisten konkurrierenden Pensionskassen haben einen deutlich geringeren Anteil an Rentnerinnen und Rentnern als firmeneigene Kassen und verfügen deshalb über eine wesentlich grössere strukturelle Sanierungsfähigkeit. Zudem sind wir nicht von einem einzigen Arbeitgeber abhängig, sondern von Hunderten, ja sogar Tausenden. Dadurch vermeiden wir das Klumpenrisiko eines einzelnen Unternehmens, das in finanzielle Schwierigkeiten geraten könnte.
Die OAK argumentiert, dass jeder Neuanschluss mit einem Deckungsgrad von rund 100 Prozent die bestehenden Wertschwankungsreserven verwässert. Wie sehen Sie das?
Unsere oberste Pflicht ist, unsere Versicherten zu schützen – und nicht, Wachstum zu erzielen. Wachstum muss den bestehenden Versicherten ausdrücklich einen Mehrwert bringen. Deshalb legt der Stiftungsrat sehr strenge Akquisitionskriterien fest. Zwei von drei Offertanfragen lehnen wir ab.
Profond gehört seit Jahren zu den wachstumsstärksten Vorsorgeeinrichtungen. Ab wann schafft weiteres Wachstum mehr Risiken als Nutzen?
Es wäre fahrlässig, wenn unser Wachstum den bestehenden Versicherten keinen Mehrwert brächte. Deshalb prüfen wir jede Anfrage eines potenziellen Kunden sorgfältig. Dabei berücksichtigen wir unter anderem das Durchschnittsalter der Mitarbeitenden, den Rentneranteil, das Lohnniveau, das Potenzial der jeweiligen Branche sowie die finanzielle Situation des Unternehmens. All diese Faktoren fliessen in die Beurteilung ein, ob ein Neuanschluss den bestehenden Versicherten einen Mehrwert bringt.
Im Wettbewerb um Fachkräfte setzen Unternehmen zunehmend auf attraktive BVG-Lösungen. Kritiker argumentieren, dass mehr Wahlmöglichkeiten und flexible Vorsorgemodelle das Solidaritätsprinzip schwächen und das Risiko von Antiselektion erhöhen. Wo liegt die richtige Balance zwischen Individualisierung und Kollektivität?
Das BVG ist eine Sozialversicherung und muss es auch bleiben. So beteiligen sich die Arbeitgeber am Aufbau des Alterskapitals ihrer Angestellten. Die Solidarität spielt eine wesentliche Rolle bei der Absicherung, welche die Pensionskassen im Falle von Tod oder Invalidität bieten. Damit profitieren alle Versicherten eines Vorsorgewerks vom gleichen Versicherungsschutz. Mit dem Eintritt in den Ruhestand hat jedoch jede Person – je nach ihrer privaten Situation und ihrem Vermögen – spezifische Bedürfnisse. Die Individualisierung der Leistungen ist hier von entscheidender Bedeutung, da es sich um ein Sparkonto handelt, das bis zur Pensionierung gesperrt ist. Wie die Versicherten dieses Geld verwenden möchten, muss ihnen selbst überlassen bleiben.
Die Sanierung einer Sammel- oder Gemeinschaftseinrichtung gilt als anspruchsvoller als jene einer firmeneigenen Kasse, weil angeschlossene Unternehmen austreten können. Ist das ein struktureller Nachteil?
Nein, im Gegenteil. Eine allfällige Sanierung – die bei Profond seit der Gründung vor über dreissig Jahren übrigens nie notwendig war – ist bei einer gemeinschaftlichen Einrichtung einfacher. Eine firmeneigene Pensionskasse ist auf einen einzigen Arbeitgeber angewiesen. Gerät dieser in finanzielle Schwierigkeiten, gibt es nur ihn als möglichen Stabilisator. Profond vertrauen rund 3000 KMU. Das Risiko, dass eine grosse Zahl dieser Unternehmen uns im Bedarfsfall nicht unterstützen könnte, ist deutlich geringer.
Laurent Schläfli ist seit 2017 CEO der Sammelstiftung Profond. Der diplomierte Betriebsökonom und EMBA der HEC Paris verfügt über langjährige Erfahrung in der beruflichen Vorsorge und war zuvor unter anderem in leitenden Funktionen bei verschiedenen Vorsorge- und Versicherungsinstitutionen tätig. Er engagiert sich seit vielen Jahren in der Weiterentwicklung der zweiten Säule und gehört zu den profilierten Stimmen der Schweizer Pensionskassenbranche.
Sammelstiftungen versichern inzwischen den Grossteil der Aktivversicherten. Wird die zunehmende Konzentration im Markt irgendwann zu einem systemischen Risiko?
Nein. Sammel- und Gemeinschaftseinrichtungen sind die Pensionskassen der KMU, die sich keine eigene Kasse leisten können. Im Vergleich zu Ländern wie den Niederlanden verfügt die Schweiz weiterhin über eine grosse Zahl an Vorsorgeeinrichtungen und damit über eine vergleichsweise geringe Marktkonzentration.
Die Strukturen vieler Sammelstiftungen sind komplex. Können Stiftungsräte die Zusammenarbeit der verschiedenen Interessengruppen überhaupt noch vollständig überblicken?
Unsere Struktur ist sehr einfach. Es gibt ein Vorsorgereglement, eine einzige Vermögensallokation, eine einzige Verzinsung, einen einzigen Umwandlungssatz und natürlich einen einzigen Stiftungsrat. Jedes Unternehmen wählt anschliessend gemeinsam mit seinen Mitarbeitenden den Vorsorgeplan aus, der seinen Bedürfnissen in Bezug auf Versicherungsschutz und Finanzierung am besten entspricht.
Auch die Vergütungsmodelle der Broker stehen zunehmend in der Kritik. Wie gross ist deren Einfluss bei der Wahl einer Pensionskasse tatsächlich?
Makler übernehmen eine beratende Funktion. Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter beauftragen sie damit, ihre Situation zu analysieren und passende Lösungen zu finden. In der Regel unterbreiten Makler ihren Kunden mindestens drei Vorschläge, aus denen diese auswählen. Das BVG ist ein komplexer Bereich, in dem Beratung und Begleitung von grosser Bedeutung sind.
Profond verfolgt traditionell eine vergleichsweise hohe Aktienquote. Verschafft Ihnen das im Wettbewerb einen Vorteil – oder erhöht es den Druck, auch in schwierigen Marktphasen hohe Verzinsungen liefern zu müssen?
Im Vergleich zu Vorsorgeeinrichtungen anderer Länder ist unsere Vermögensallokation nicht aussergewöhnlich. Unsere Aufgabe ist, für unsere Versicherten die bestmögliche langfristige Rendite zu erzielen, damit sie ihren Ruhestand optimal finanzieren können. Dieser Aufgabe kommen wir mit grosser Sorgfalt nach. Ein Versicherter spart rund vierzig Jahre lang für seinen Ruhestand. Während dieser Zeit ist es wichtig, dass ihm ein erheblicher Teil der mit seinem Geld erwirtschafteten Erträge gutgeschrieben wird. Insgesamt können wir nur Zinsen gutschreiben, die wir auch erwirtschaftet haben. Seit ihrer Gründung hat Profond im Durchschnitt eine Rendite von 5 Prozent erzielt. Davon wurden 4 Prozent an die Versicherten weitergegeben, während der Rest in die Reserven geflossen ist.
Wie wird die Pensionskassenlandschaft in zehn Jahren aussehen? Werden einige wenige grosse Stiftungen dominieren?
Genau das fördert die Aufsichtsbehörde mit immer strengeren Anforderungen und Berichten, die einen stetig grösseren Verwaltungsaufwand verursachen. Diesen können sich kleine Pensionskassen zunehmend nicht mehr leisten. Um das Beispiel der Niederlande aufzugreifen: Dort gibt es bei doppelt so vielen Einwohnern fünf grosse Pensionskassen. Die grösste davon verwaltet 50 Prozent der Vermögenswerte, über die alle 1200 Schweizer Pensionskassen zusammen verfügen. Bis es in der Schweiz nur noch wenige Kassen gibt, die den Markt dominieren, ist es deshalb noch ein weiter Weg. In zehn Jahren wird die Situation in der Schweiz weitgehend der heutigen entsprechen.
Profond ist eine unabhängige Schweizer Sammelstiftung mit Sitz in Zürich. Sie wurde 1985 gegründet und zählt heute zu den grössten Vorsorgeeinrichtungen des Landes. Rund 3000 angeschlossene Unternehmen mit über 100 000 Versicherten und Rentenbeziehenden vertrauen der Stiftung ein Vermögen von deutlich über 19 Milliarden Franken an. Profond verfolgt eine langfristig ausgerichtete Anlagestrategie mit vergleichsweise hoher Aktienquote und zeichnet sich durch eine einheitliche Anlagestrategie sowie eine schlanke Stiftungsstruktur aus.