Frau Fehling, die Märkte haben die neuen Zolldrohungen in Richtung EU schulterzuckend weggesteckt. Nimmt der Markt Trump nicht mehr ernst?
Es sieht so aus. Die Volatilitätsindizes in den USA und Europa sind keineswegs auf Stressniveau. Das entspricht nicht der Nachrichtenlage. Die aktuell im Raum stehenden Zölle für die EU in Höhe von 30 Prozent wären sogar mehr als am «Liberation Day» angedroht. Da fragt man sich natürlich, ob die Märkte nicht zu selbstgefällig sind.
Hat der Markt nicht immer recht?
Langfristig ja, kurzfristig nein. Ob der Markt richtig liegt, wird die Berichtssaison zeigen. Wir werden sehen, wie sich die bisherigen Zölle auf die Gewinne ausgewirkt haben. Im Juni wurden in den USA 26 Milliarden Dollar Einfuhrzoll bezahlt, im Jahr davor waren es nur 6 Milliarden. Es stellt sich die Frage, wer die Zölle bezahlt hat.
Wenn es die Firmen waren, drückt das auf den Gewinn. Geben sie die Zölle weiter, steigt die Inflation. Was ist aus Sicht der Börsen das grössere Übel?
Ein Rückgang der Gewinne. Das Gewinnwachstum ist nominal, also inklusive Inflation. Geht die Inflation in den USA in Richtung 3 bis 3,5 Prozent, würden die Märkte das relativ gut verkraften. Das würde zwar bedeuten, dass sich die Fed mit den Zinssenkungen wohl noch mehr Zeit lässt, aber dies wäre besser verkraftbar als eine Gewinnerosion.
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Trotz der Unsicherheiten markieren viele Indizes Rekorde. Worin liegt die grosse Fantasie?
Es gibt viele Bereiche in der Wirtschaft, die weiter wachsen, und da ist natürlich die künstliche Intelligenz.
Also ist nach wie vor die KI-Hausse im Gang?
Ja. Die Mag 7 sind grösstenteils hochprofitabel, und die Auswirkungen der KI auf die restliche Wirtschaft sind erst am Kommen. Diesbezüglich ist weiterhin viel Fantasie in den Märkten, die ich aber auch nicht für unrealistisch halte.
Wäre der Markt ohne KI-Fantasie deutlich tiefer?
Ziemlich sicher. Aber dann wären auch die grössten Gewinntreiber nicht da, wo sie jetzt sind. In den vergangenen Jahren wurden die Gewinne im US-Aktienmarkt von den Mag 7 getrieben, während wir erst jetzt eine Verbreiterung des Gewinnwachstums sehen.
Wie sollen sich Anleger jetzt aufstellen?
Aktien unterzugewichten, ist auch für Privatanleger eine gefährliche Strategie. Die Korrekturen sind schnell aufgeholt. Wir präferieren Europa, vor allem KMUs. Wir gehen davon aus, dass sie besonders vom fiskalischen Impuls Deutschlands profitieren. Der Sektor, den wir auch in der Schweiz am liebsten mögen, ist der Pharmasektor.