Das müssen Anleger über Scott Bessents Manöver wissen
Hohe Staatsschulden und geopolitische Unsicherheit lösen ein Drama bei der «langweiligen» Anlageklasse aus. Jetzt mischt auch noch Scott Bessent mit.
Tim von Felten
US-Finanzminister Scott Bessent handelte früher für Investmentgesellschaften an den Finanzmärkten. Zurzeit tut er dies für die Trump-Regierung.keystone-sda.ch
Wandern und über Geldpolitik diskutieren: Das steht auf dem Programm am Jackson Hole Economic Symposium. Die dreitägige, jährliche Konferenz im US-Staat Wyoming zieht Notenbankchefs und Wirtschaftswissenschafter aus der ganzen Welt in die Rocky Mountains. Sie findet von Donnerstag bis Samstag dieser Woche statt. Die Ökonomen – unter ihnen auch SNB-Chef Martin Schlegel – haben viel zu bereden: Iran-Krieg, KI-Boom, Staatsverschuldung. Hinzu kommen jetzt auch noch die amerikanischen Anleihenmärkte.
Das US-Finanzministerium überraschte Investorinnen und Investoren vergangene Woche mit der Ankündigung, künftig mit Käufen von langfristigen Anleihen die Zinsen drücken zu wollen. Besonders einen Teilnehmer der Konferenz wird das Thema beschäftigen: US-Notenbankchef Kevin Warsh, der am Anlass die erste Rede in seiner neuen Funktion hält. Denn Finanzminister Scott Bessent pfuscht ihm mit dem Manöver auf dem Anleihenmarkt ins Handwerk.
Das Jackson Hole Economic Symposium im US-Bundesstaat Wyoming ist der weltweit wichtigste Anlass für Geldpolitik. Nationalbankchefs von überallher pilgern für ihn in ein Tal in den Rocky Mountains.Getty Images
Das Jackson Hole Economic Symposium im US-Bundesstaat Wyoming ist der weltweit wichtigste Anlass für Geldpolitik. Nationalbankchefs von überallher pilgern für ihn in ein Tal in den Rocky Mountains.Getty Images
So funktioniert der Rückkauf
Das Finanzministerium will also langfristige Schuldpapiere, die die USA einst verkauft hatten, um Geld zu leihen, vom Markt nehmen. «Langfristig» bedeutet, dass der US-Staat beim Verkauf der langfristigen Anleihen die aufgenommenen Schulden innert zehn bis dreissig Jahren zurückzahlen muss. Diese Papiere heissen «Bonds», kurzfristigere «Bills» oder «Notes». Vor der Ankündigung war bereits ein Bondrückkauf über den Zeitraum von September bis November im Wert von 2 Milliarden Dollar geplant. Dieser wird nun um mindestens 2 weitere Milliarden erhöht.
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Filipe Alves da Silva, Experte für Anleihenmärkte beim Vermögensverwalter Union Bancaire Privée (UBP), erklärt sich Bessents Motiv folgendermassen: «Der US-Regierung ist bewusst, dass die Renditen hoch sind, und sie fühlt sich zunehmend unwohl damit.» Durch den Rückkauf sinkt das Angebot der Staatsanleihen auf dem Markt, und ihr Wert steigt. Das drückt die Renditen der langfristigen Papiere nach unten.
Bessent hat zwei Möglichkeiten, um seine Aktion zu finanzieren. Er könnte neue Schulden mit niedriger Laufzeit aufnehmen und mit diesem Geld die langfristigen Papiere kaufen. Eine solche Umschichtung würde kurzfristige Renditen etwas nach oben drücken, zugunsten der langfristigen. Es gibt aber auch die Möglichkeit, Geld vom «Treasury General Account» zu verwenden. Das ist das Bankkonto des Ministeriums bei der Nationalbank. Es ist eigentlich für schlechte Zeiten gedacht. Da das Konto fast 1 Billion Dollar umfasst, würden wenige Milliarden für den Rückkauf jedoch kaum ins Gewicht fallen. Auf diesem Weg bleibt der Anstieg der kurzfristigen Renditen aus.
Droht der Crash?
Im Vergleich zur 40 Billionen mächtigen Gesamtschuldenlast der USA wirken die geplanten Bondkäufe von 2 Milliarden allerdings recht mickrig, sodass die Käufe allein kaum einen grossen Effekt haben dürften. Bessent selber sagte am Folgetag der Ankündigung, dass es bei der Aktion darum gehe, ein Signal an die Märkte zu senden. Er will klarstellen, dass das Finanzministerium auch mit mehr als 4 Milliarden eingreifen könne. Experte Alves da Silva meint: «Das ist meiner Ansicht nach das wichtigere Zeichen. Es geht Bessent darum, zu zeigen, dass das Finanzministerium da ist und bereit, wenn nötig mehr zu tun.» Mit dem Signal soll verhindert werden, dass Trader weiter in gleichem Ausmass auf steigende Renditen von US-Staatsanleihen setzen, weil sie damit gegen das US-Finanzministerium wetten würden.
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Versucht Bessent mit seiner Aktion also, einen drohenden Kollaps des Bondmarkts zu verhindern? Ein Crash wäre verheerend und könnte schnell andere Teile des globalen Finanzmarktes anstecken, da US-Staatsanleihen für viele Akteure als Absicherungen dienen. Experten geben jedoch Entwarnung: Alex Rohner, Stratege bei der Bank J. Safra Sarasin, erwartet in nächster Zeit keinen Crash, auch Alves da Silva von UBP hält den Markt für gesund. Im historischen Vergleich sei die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihen bemerkenswert stabil, erklärt er: «Und ein stabiler Markt ist genau das, was man will.»
Trotzdem: Bonds sind volatiler als zuvor und damit weniger attraktiv. Deswegen fordern Anleger auch höhere Renditen, die Bessent eben gerade senken will. Die Staatsanleihen der USA verlieren aus drei Gründen an Beliebtheit. Erstens: Der Iran-Krieg verteuert Öl und heizt so die Inflation an. Dafür verlangen Investoren eine Kompensation, da die Inflation den Wert der Rückzahlung nach Ablauf der Anleihen schmälert. Zweitens: KI-Firmen haben enormen Kapitalbedarf und nehmen Schulden in grossem Stil auf. Die Tech-Giganten und die US-Regierung konkurrieren also um das Geld der Investoren. Die höhere Nachfrage nach der Aufnahme von Schulden bei gleichbleibendem Angebot sorgt dementsprechend für höhere Zinsen. Drittens: Die US-Staatsschulden sind enorm. Sie überstiegen am 19. August erstmals die Marke von 40 Billionen – eine Vier mit 13 Nullen – und wachsen gemäss Prognosen massiv. Die Sorge: Die USA haben bald kaum eine andere Wahl, als die Schuldenlast mit hoher Inflation zu senken.
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Das müssen Schweizer Anleger wissen
Die Ankündigung des Rückkaufs hatte zur Folge, dass der Dollar an Wert verlor. Das ist auch für Schweizer Anleger und Anlegerinnen wichtig, denn es führt umgekehrt zu einer Aufwertung des Frankens zum Dollar. «Dadurch gibt es in der Schweiz mehr disinflationären Druck durch tiefere Importpreise. Leitzinserhöhungen in der Schweiz rücken so in noch weitere Ferne, was gut für Besitzer von Schweizer Anleihen ist», sagt Rohner von J. Safra Sarasin.
Auch Aktien könnten profitieren. «Einen ruhigen Anleihenmarkt zu haben, ist sehr wichtig für das globale Finanzsystem. Eine US-Regierung zu haben, die das weiss, ist also gut für risikoreiche Anlageklassen», meint Experte Alves da Silva. Gold ist ein klarer Gewinner, da sind sich beide einig.
Und wie verhält es sich mit der Anlage, die Bessent wieder attraktiver machen will, den US-Staatsanleihen? «Die Rendite, insbesondere für langfristige US-Staatsanleihen, ist aktuell verhältnismässig hoch», erklärt Alves da Silva. Wer erwartet, dass die US-Notenbank ihren Leitzins anhebt, zum Beispiel wegen der Inflation durch den Iran-Krieg, sollte laut dem Experten aber eher davon absehen, in Bonds zu investieren. Wenn hingegen kein Zinsanstieg kommt und die USA beginnen, ihren Schuldenberg abzubauen oder zumindest sein Anwachsen zu stoppen, könnte sich der Kauf lohnen.
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Letzteres halten Expertinnen und Experten mit Blick auf die Politik der Trump-Regierung jedoch für so gut wie ausgeschlossen. Wer Bonds kauft, muss noch etwas beachten: Wer aus der Schweiz hinaus in US-Titel investiert, setzt sich immer dem Währungsrisiko aus. Rohner warnt vor dem im Vergleich zum Franken sinkenden Dollar: «US-Zinspapiere machen aus Schweizer Sicht aus Währungsüberlegungen grundsätzlich wenig Sinn, das galt schon vor Bessents Markteingriff.»
Tiefe Renditen für den Wahlkampf
Und was erhofft sich Bessent von seinem Versuch, den Anstieg der Renditen zu bremsen? Höhere Zinskosten stellen für die US-Regierung allein schon deshalb ein Problem dar, weil sie ihre Schulden laufend erneuern muss. Um alte Schulden zurückzuzahlen, muss sie neue aufnehmen. Wenn der Preis neuer Schulden aus Sicht der USA höher ist, bezahlen sie mehr, ohne zusätzliches Kapital zu erhalten. So können wachsende Renditen ein Loch in die Staatsfinanzen reissen. Dann fehlt Geld für Verteidigung oder Sozialausgaben.
Beobachter spekulieren aber noch über eine andere Motivation. Die amerikanischen Zwischenwahlen finden am 3. November statt. Die Rückkaufaktion geht bis zum 4. November. «Tiefere Renditen sind gut für den Wohnungsmarkt, weil die Zinsen für Hypotheken sich normalerweise an den Renditen für dreissigjährige Staatsanleihen orientieren», meint Alves da Silva. Die Aktion soll US-Präsident Donald Trump also helfen, ein Desaster bei den Parlamentswahlen zu vermeiden. Denn die Teuerung gilt als eine der Hauptsorgen der Amerikaner.
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Bessent gegen Warsh
Während Bessents Aktion an den Anleihenmärkten seinen Boss, Trump, also freuen dürfte, rauft sich Notenbankchef Kevin Warsh wohl die Haare. «Derzeit arbeiten Bessent und Warsh eher gegen- als miteinander. Der neue Fed-Chef hat gesagt, dass er möglichst ungefilterte Signale vom Markt haben will», erklärt Stratege Rohner: «Doch Bessent stört nun die Marktsignale mit seinem Eingriff.» Warsh wünscht sich, dass die Marktteilnehmer mehr auf Wirtschaftsdaten achten und anhand dieser Renditen bestimmen, als auf Eingriffe durch die Notenbank zu spekulieren. Seine Metapher: Die Märkte sollen lernen, auf den Ball zu schauen, nicht auf den Schiedsrichter.
Die Erwartungen an die Rede des Notenbankchefs beim Jackson Hole Symposium sind gross. Warsh hat in seiner kurzen Amtszeit mit seiner dürftigen Kommunikation bisher für mehr Verwirrung als Klarheit gesorgt. Entwicklungen auf den Märkten will er nicht kommentieren. Viele hoffen, dass er diese Haltung ablegt.
Der Schweigsame: Notenbankchef Kevin Warsh hat sich weniger Kommunikation vorgenommen.imago/UPI Photo
Der Schweigsame: Notenbankchef Kevin Warsh hat sich weniger Kommunikation vorgenommen.imago/UPI Photo
Wird er sich also in seiner Ansprache zur aktuellen Situation auf dem Bondmarkt und zu Finanzminister Bessents Intervention äussern? Die offiziellen Themen an der Wirtschaftskonferenz sind Innovation im Finanzsystem und Zahlungen. Das bietet Warsh viel Freiraum, bei seiner Rede über das zu sprechen, was er möchte. Als ihn Journalisten Ende Juli fragten, was seine Pläne für die Rede seien, antwortete er, dass er gerne über die «grossen Fragen» sprechen wolle. Es scheint zurzeit unterschiedliche Philosophien bei den beiden wichtigsten Finanzmännern in Washington zu geben. Der eine hält sich lieber raus, der andere mischt sich gerne ein.