Nachdem sich die Lage im Nahen Osten weiter beruhigt hat und die USA und der Iran konkrete gemeinsame Gespräche zum Waffenstillstand führen, sind Anlegerinnen und Anleger erneut auf der Suche nach risikoreichen Anlagen. Gleichzeitig haben verschiedene Nationalbanken die Leitzinsen bereits angehoben oder entsprechende Schritte verbal vorbereitet. Beide Faktoren sollten theoretisch zu steigenden Zinsen führen - und bis vor wenigen Wochen war dies auch der Fall.
Nun jedoch zeichnet sich eine überraschende Kehrtwende ab. Die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen in Deutschland notieren mit 2,9 Prozent auf einem Drei-Monats-Tief. Auch in der Schweiz sinken die Zinsen auf breiter Front. Der zweijährige «Eidgenosse» liegt bei 0,013 Prozent, was ebenfalls einem Drei-Monats-Tief entspricht. Bei den fünfjährigen Laufzeiten ist die Rendite seit Mitte Juni von 0,3 Prozent auf 0,13 Prozent gefallen. Die zehnjährigen Anleihen wiederum bewegen sich mit rund 0,28 Prozent wieder nahe dem Niveau von März 2026 - also dem Zeitraum kurz nach dem US-Angriff auf den Iran –, nachdem sie bis Mitte Mai noch auf 0,6 Prozent geklettert waren.
Eigentlich hätten auch die jüngsten Entscheide der Zentralbanken in der Eurozone und der Schweiz tendenziell für ein steigendes Zinsniveau sorgen müssen. So hob der EZB-Rat am 11. Juni den Einlagensatz von 2,0 auf 2,25 Prozent an. Diese Straffung wurde vom Markt allerdings antizipiert und war bereits vollständig eingepreist.
Das Stillhalten der Schweizerischen Nationalbank (SNB) am 18. Juni vergrössert wiederum das Zinsdifferenzial zur Eurozone, womit Schweizer Staatsobligationen im direkten Vergleich weniger attraktiv werden. Ein solcher Mechanismus geht in der Theorie ebenfalls mit steigenden Renditen einher.
Dass die Zinsen insbesondere in der Schweiz dennoch sinken, hat fundamentale Gründe: Laut Valentino Guggia von der Migros Bank überwiegen die hiesige starke Konjunkturlage, die tiefere Inflation sowie die traditionelle Rolle des Schweizer Frankens als sicherer Hafen. Diese Faktoren vermögen eine potenzielle Eurostärke, die aus der höheren Zinsdifferenz resultiert, mehr als auszugleichen. Franken-Anlagen sollten also umso attraktiver sein.
Entlastung für Immobilienbesitzer - wie geht es weiter?
Unabhängig von den makroökonomischen Ursachen dürften diese Entwicklungen die Immobilienbesitzer freuen. Die Hypothekarsätze haben über fast alle Laufzeiten hinweg spürbar nachgegeben. So notiert der Zinsindex für Wohnimmobilien von hypotheke.ch wieder bei 1,49 Prozent. Zuletzt wurde dieser Wert Mitte Mai verzeichnet, bevor das Barometer zwischenzeitlich auf 1,62 Prozent angestiegen war.
Die Konditionen einer zehnjährigen Festhypothek liegen zwischen 1,29 und 2 Prozent, die der fünfjährigen Pendants bei 1,1 bis 1,7 Prozent. Kurzfristigere Finanzierungslösungen von zwei Jahren sind ab 0,97 Prozent gelistet, und die Saron-Margen bewegen sich laut hypotheke.ch zwischen 0,75 Prozent und 1,35 Prozent.
Für Schuldner und künftige Eigenheimbesitzer stellen sich damit zwei wesentliche Fragen: Wie entwickeln sich die Zinsen weiter, und soll die Chance genutzt werden, um Kredite zu erneuern? Die Geldterminmärkte erwarten für das laufende Jahr keine weiteren Leitzinserhöhungen in der Schweiz. Für das kommende Jahr halten Experten eine moderate Erhöhung um 25 Basispunkte für möglich. Aktuell beträgt der Leitzins 0 Prozent.
Vereinzelte Expertinnen und Experten gehen laut LSEG derweil bereits ab dem ersten Quartal 2027 von einer Zinserhöhung aus. Zu diesen Stimmen zählt Brian Mandt, Chefökonom der Luzerner Kantonalbank. Er prognostiziert für die kommenden Monate eine moderate Inflationsrate von rund 0,6 Prozent. Eine dauerhafte Öffnung der Strasse von Hormus dürfte zudem den Aufwärtsdruck auf die Energiepreise bremsen. Da die SNB ihre Geldpolitik zuletzt allerdings explizit als expansiv bezeichnete, bleibt eine geldpolitische Straffung im nächsten Jahr deshalb ein realistisches Szenario.
Die UBS erwartet wiederum eine Straffung ab dem zweiten Quartal und J. Safra Sarasin rechnet mit dem möglichen Zinsschritt gegen Jahresende. Allerdings bleiben diese Schätzungen eine Ausnahme: Die restlichen 28 der 31 von LSEG befragten Geldinstitute erwarten bis mindestens ins zweite Halbjahr 2027 keine Zinserhöhung. Viele von ihnen haben für das vierte Quartal aber noch keine Schätzung abgegeben.
Die Hypotheken dürften also noch eine Weile niedrig bleiben. Davon profitieren besonders Saron-Schuldner. Und sie können trotz potenzieller weit entfernter Zinserhöhungen beruhigt in die Zukunft blicken: Echte Inflationsgefahren sind in der Schweiz weiterhin nicht in Sicht.