Hohe Kursschwankungen fürchten Investoren wie der Teufel das Weihwasser. Bei einigen Anlageklassen wie Edelmetallen und Commodities wie Erdöl oder Kupfer und dem Bitcoin sind sie ein Feature, das dazugehört.
Die hohen Kursschwankungen hier – in der Fachsprache Volatilität genannt – dürften vorerst bestehen bleiben. Alain Bokobza, Leiter globale Asset Allocation bei der Société Générale in London, sieht die realisierte Volatilität kurzfristig am oberen Ende ihrer Spanne seit 2020, was die Eignung von Gold als stabile Absicherung vorerst schwächt. Gleichzeitig untermauern hohe Handelsvolumina dieses Bild und deuten auf verstärkte taktische Positionierung und kurzfristige Kapitalflüsse hin.
Für den Strategen der Société Générale kann sich das gelbe Edelmetall in dieser Konstellation zwar weiter erholen, seine Absicherungsqualität wird jedoch so lange beeinträchtigt sein, bis die Volatilität nachlässt. Wer geduldig wartet, dürfte deshalb auch in der nahen Zukunft nach einem Preisrückgang einen Zeitpunkt finden, um auf einem angemessenen Niveau in Gold oder Silber einzusteigen.
Zentralbanken als Fels in der Brandung
Dank der soliden Fundamentaldaten lassen sich langfristig orientierte Investierende vom ausgeprägten Auf und Ab der Edelmetallpreise nicht irritieren. Ein entscheidender Grund sind die Zentralbanken, die als solide und verlässliche Käufer auftreten. Das zeigen die Daten aus der Umfrage bei den Notenbanken des Branchenverbandes World Gold Council. Mit 95 Prozent geht die überwiegende Mehrheit der befragten Notenbanker davon aus, dass die globalen Goldreserven der Zentralbanken im Jahr 2026 steigen werden. Rund die Hälfte erwartet, dass auch ihre eigenen Goldreserven im gleichen Zeitraum zunehmen werden. Interessanterweise rechnet keine der befragten Zentralbanken mit einem Rückgang ihrer Goldreserven. Dabei sind die Wertentwicklung von Gold in Krisenzeiten, die Portfoliodiversifizierung und die Absicherung gegen Inflation einige der Hauptgründe für die Pläne, im kommenden Jahr mehr Gold zu erwerben. Ferner werden die einzigartigen Eigenschaften von Gold und seine Rolle als strategisches Anlagegut von den Zentralbanken weiterhin geschätzt. Die Wertentwicklung in Krisenzeiten, die Funktion als Wertspeicher und die Rolle als effektives Diversifizierungsmittel werden weiterhin als wichtige Gründe für eine Goldanlage genannt, wie das World Gold Council ausführt.
Zentralbanken im Goldfieber
Im Jahr 2025 haben die Zentralbanken insgesamt 863 Tonnen Gold erworben, das sind 21 Prozent weniger als 2024 – aber immer noch mehr als der jährliche Durchschnitt vor 2022, wie Krishan Gopaul, Analyst des World Gold Council, gegenüber der Handelszeitung erklärt. Die grössten Positionen erwarb die polnische Zentralbank mit 102 Tonnen, gefolgt von der Nationalbank von Kasachstan mit 57 Tonnen und der brasilianischen Notenbank mit 43 Tonnen. Die Marktteilnehmer sehen bei Gold nach der Preiskorrektur bis Ende März weiterhin Aufwärtspotenzial. Die Strategen von Goldman Sachs belassen das Kursziel vorerst unverändert bei 5400 Dollar. Das Kernargument der Investmentbanker aus New York lautet, dass private Investoren, die Gold als Absicherung gegen langfristige makroökonomische Risiken – darunter Bedenken hinsichtlich der fiskalischen Tragfähigkeit der US-Schulden und Zweifel an der Unabhängigkeit der Zentralbanken – halten, ihre Positionen nicht verkaufen.
Diese Goldbestände seien beständiger als die ereignisgetriebenen Wetten, die nach den US-Wahlen 2024 aufgelöst wurden, da die zugrunde liegenden Bedenken nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt ausgeräumt werden können. Die Risiken für die Prognose dürften deshalb deutlich nach oben gerichtet sein, da private Investoren angesichts der anhaltenden globalen politischen Unsicherheit ihre Portfolios weiter diversifizieren, so die Experten von Goldman Sachs.
Erholung trotz Gegenwind
Gold hat sich nach einem starken Kursverfall bis Ende März etwas erholt, steht aber kurzfristig weiterhin unter Druck durch einen stärkeren Dollar, höhere Erdölpreise und eine Neubewertung der Zinserwartungen, wie die Analysten der UBS in einem Kommentar schrieben. Sie prognostizieren nun einen Goldpreis von 5200 Dollar pro Unze für Ende Juni. Die strukturelle Nachfrage bleibt jedoch intakt, da die Zentralbanken weiterhin ihre Käufe ankurbeln. Die jüngsten Swap-bezogenen Verkäufe der Türkei spiegelten daher eher Liquiditätsbedarf als eine Veränderung der langfristigen Nachfrage wider, betonen die UBS-Analysten. Ebenso dürften die mittelfristigen Rückenwinde – Stagflationsrisiken, die Unsicherheit im Kontext der US-Wahlen und die Aussicht auf einen schwächeren Dollar bei gleichzeitig sinkenden Realzinsen – einen Anstieg auf 5900 Dollar pro Feinunze bis Ende 2026 unterstützen, so die Konklusion der Strategen von der UBS.