Deutlich mehr als 750 Franken bezahlte man vor wenigen Jahren für die Aktie von Lonza. Inzwischen, so scheint es, ist der Glanz von damals verblasst. Seit Längerem sind die Valoren des Pharma-Auftragsfertigers gedämpft, und seit Ende Januar 2026 kommen sie nicht mehr an die Marke von 550 Franken heran - oder darüber hinaus.
Allein vergangene Woche sanken die Titel vom Zwischenhoch bei 543,40 Franken um 11,7 Prozent auf 479,80 Franken. Zwar ging auch der Gesamtmarkt gemessen am Swiss Performance Index (SPI) zurück, aber um lediglich 1,5 Prozent und damit deutlich weniger ausgeprägt als die Anteilsscheine des von Wolfgang Wienand geleiteten Unternehmens.
Formular 483
Eine schlüssige Erklärung für die jüngste Kursschwäche fehlte zunächst (siehe hier und hier). Nun aber zeigt sich Folgendes: Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hatte im Oktober 2025 das Lonza-Werk in Visp inspiziert und dazu ein Formular 483 ausgestellt. In solchen Formularen halten die Prüfer von ihnen ausgemachte Verstösse gegen einschlägiges US-Recht fest.
An sich kommt es immer wieder vor, dass die FDA tätig wird. Im Geschäftsjahr 2025 soll sie in den Bereichen Arzneimittel und Biologika über 800 483er-Meldungen herausgegeben haben. Lonza ist also keineswegs das einzige Unternehmen, das unter den Radar der US-Prüfer gekommen ist.
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Doch die Inspektion, die im Oktober 2025 im Visp-Werk von Lonza stattfand, hatte unter Anlegern nun offenbar Besorgnis ausgelöst: «Zu dieser Inspektion gab es letzte Woche plötzlich Gerüchte, Lonza habe ein Problem, und dies hat den Aktienkurs ungerechtfertigterweise stark belastet», sagt Sibylle Bischofberger, Analystin der Bank Vontobel im Gespräch mit cash.ch.
Ihr Berufskollege der US-Investmentbank Stifel, Edward Hall, sagt das Gleiche, verweist auf das zum Lonza-Werk in Visp ausgestellte Formular 483 und erklärt dazu: «Wenn eine stark gehaltene Aktie negative Nachrichten erhält, werden Anleger ihre Long-Positionen kurzfristig glattstellen.» Sprich: Investoren, die von steigenden Kursen der Lonza-Aktie ausgingen, haben sich zurückgezogen.
Die Reaktion der Investoren zeige, wie nervös die Märkte aufgrund der geopolitischen Lage zurzeit seien und dass «Aktienkursreaktionen ungebührlich heftig» sein können, sagt Vontobel-Expertin Sibylle Bischofberger zudem.
Ihr zufolge ist die FDA «pingelig», sie notiere in dem Formular auch Kleinigkeiten. Die bei Lonza festgestellten Punkte seien jedoch geringfügiger Natur und hätten keinerlei Auswirkungen auf den laufenden Betrieb, die Produktqualität oder die Belieferung der Kunden. Ein 483er-Formular ist ausserdem kein Warnschreiben der FDA. Erst ein solches käme einer schwerwiegenderen regulatorischen Massnahme gleich.
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Die Frage stellt sich, warum Lonza nicht einfach öffentlich kommuniziert hat, dass es zwar eine FDA-Inspektion gegeben habe, die inzwischen aufgekommenen Gerüchte darum herum aber nicht stichhaltig seien.
Inspektionen seien in der Branche so üblich, dass Lonza dazu keine öffentlichen Stellungnahmen abgebe, erklärt eine Sprecherin auf Anfrage von cash.ch. Sie versichert, Qualität habe beim in Basel beheimateten Unternehmen oberste Priorität; man nehme jegliches Feedback von Gesundheitsbehörden ernst und gehe die festgestellten Punkte konsequent an.
Weshalb die Lonza-Aktie seit Monaten gedämpft ist
Eine andere Beobachtung: Seit der Präsentation des Jahresergebnisses 2025 von Ende Januar kam die Lonza-Aktie nicht mehr über die Marke von 550 Franken hinaus. Momentan notiert sie bei 474 Franken, womit ihr 76 Franken beziehungsweise 16 Prozent bis zum Erreichen jener Marke fehlen.
Die Jahreszahlen 2025 lagen in, teilweise sogar über den Erwartungen, insbesondere die Marge überzeugte. Knackpunkt für die Aktie war laut Marktteilnehmern aber der Ausblick für das Jahr 2026.
Lonza erwartet ein Umsatzwachstum zwischen 11 und 12 Prozent und eine Marge von über 32 Prozent. Das erschien konservativ. «Der kleine Dämpfer wird allerdings die Guidance für das Geschäftsjahr 2026 sein, welche minimal unter den Erwartungen ist», notierte der zuständige Analyst der Zürcher Kantonalbank am Berichtstag. Doch auch er blieb zuversichtlich und stufte Lonza mit «Übergewichten» ein - ein Rating, das er kurz darauf «mit Nachdruck» bekräftigte.
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«Die gedämpfte Kursentwicklung der vergangenen Monate hat aus unserer Sicht keine fundamentalen Gründe», sagt Bischofberger. Sie stuft den Pharma-Auftragsfertiger mit «Buy» und einem Kursziel von 670 Franken ein. Lonza sei ein starkes und solides Unternehmen mit guten Wachstumsperspektiven.
Mit ihrer Einschätzung befindet sich die Vontobel-Expertin ziemlich genau im Konsens der von AWP erfassten Analysten. 19 von 20 Experten empfehlen die Titel von Lonza zum Kauf. Das durchschnittliche Preisziel liegt bei 672 Franken. Gemessen daran hatte sich die Aktie in der jüngeren Vergangenheit eher nach oben als nach unten bewegen müssen.
«Doch die guten Nachrichten, seien es die Jahreszahlen oder der Verkauf des Kapselgeschäfts, gingen in den Negativmeldungen zur geopolitischen Situation unter», erklärt Bischofberger.
In der eingetrübten Stimmung wegen der geopolitischen Spannungen kamen auch Zweifel auf, ob Lonza das Kapselgeschäft schlussendlich für total über 3 Milliarden Franken verkaufen kann oder der Preis tiefer sein könnte. Dieses Kreisen um den Verkaufspreis für das Kapselgeschäft hält die Vontobel-Analystin für Spekulation. Man könne diese Frage erst in ein paar Jahren beantworten.
Edward Hall von Stifel begründet den seit Monaten gedämpfen Lonza-Aktienkurs auch mit Bedenken zum Geschehen in China: China nimmt einen zusehends grösseren Anteil am weltweiten Arzneimittelumsatz und an klinischen Studien ein. Daher dürfte der Anteil chinesischer Konzerne am gesamten Pharmaumsatz mittel- bis langfristig steigen. «Diese Unternehmen werden wahrscheinlich eigene Kapazitäten in China aufbauen oder Verträge an lokale Unternehmen vergeben, beispielsweise an Wuxi», so Hall.
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Er geht allerdings nicht von einem unmittelbaren und erheblichen Risiko für Lonza aus. Seine Anlageempfehlung für den Titel lautet seit Anfang Januar 2026 «Buy». Das Kursziel sieht er bei 650 Franken - 37 Prozent über der momentanen Notierung.
Weitere Aufschlüsse zum Geschäftsgang von Lonza werden die Anleger nächste Woche am Freitag erhalten. Dann liefert das Management um CEO Wolfgang Wienand ein qualitatives Update zum ersten Quartal.