Nachdem die Novartis-Valoren am Montag 3,2 Prozent an Wert verloren hatten, ging es am Dienstag im frühen Handel gleich um 10,1 Prozent auf 112,70 Franken in den Keller. Der Kurseinbruch ist der höchste Rückgang seit sechs Jahren, als die Kurse zu Beginn der Corona-Pandemie einbrachen. Seit Jahresbeginn notiert der Valor 3 Prozent im Plus.
Für die erfolgsverwöhnten Novartis-Aktionäre ist das ein herber Rückschlag, zumal binnen Tagen zwei Projekte mit potenziellen Milliardenumsätzen wegfielen. Am vergangenen Freitag gab das Unternehmen bekannt, dass der Wirkstoff Pelacarsen zwar wie erhofft den Lipoprotein(a)-Spiegel im Blut senkt, jedoch das Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle im Vergleich zu einem Placebo nicht reduzieren konnte.
Am Dienstag teilte Novartis dann mit, dass der primäre Endpunkt mit dem Medikament Del-desiran zu Muskelkrankheit nicht erreicht wurde. Dies sei der zweite grosse Rückschlag für Novartis, schreibt Stefan Schneider, Analyst von Vontobel. Bezüglich der anderen beiden von Avidity erworbenen Therapien nehme er derzeit keine Änderungen an der kombinierten Spitzenumsatzschätzung von 2,25 Milliarden Dollar mit einer 60-prozentigen Risikoadjustierung vor, aber die heutigen Nachrichten hätten sein Vertrauen nicht gestärkt. Nachdem der Vontobel-Experte bereits am Montag das Kursziel von 130 auf 128 Franken gesenkt hatte, zog er am Dienstag nach und veranschlagt dieses neu mit 125 Franken und einem unveränderten Rating «Hold».
Die US-Investmentbank Jefferies stuft den Titel ebenfalls unverändert mit «Hold» und einem Kursziel von 110 Franken ein. Die Wachstumsziele des Managements nach 2030 dürften wahrscheinlich ohne weitere Fusionen und Übernahmen als unerreichbar wahrgenommen werden, betont der zuständige Analyst Michael Leuchten in einem Kommentar am Dienstag. Novartis werde mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von über 16 für 2027 gehandelt, während der Sektor unter dem 13‑fachen liege. Der Jefferies-Experte erwartet, dass dieses hohe KGV unter Druck gerät.
Korrekturen an der Einschätzung nimmt auch die Zürcher Kantonalbank (ZKB) vor. Dies dürfte das Vertrauen in die gesamte AOC-Franchise (del-brax, del-zota) belasten, auch wenn die anderen Programme klinisch bislang positiv verlaufen seien, schreibt Analyst Urban Fritsche von der ZKB in einem Kommentar. Er veranschlagt den fairen Wert für Novartis neu bei 113 nach 117 Franken. Die Einschätzung lautet weiter «Marktgewichten».
Etwas weniger negativ sieht Thibault Boutherin, Analyst von Morgan Stanley, die Entwicklung, auch wenn er am Dienstag eine «deutliche negative Kursreaktion» erwartete. Es sei unwahrscheinlich, dass das Medikament ohne eine neue Phase-3-Studie von Novartis, möglicherweise mit einem anderen primären Endpunkt, zugelassen werde. Insgesamt halte er eine Anhebung der Prognose am kommenden Kapitalmarkttag für «höchst unwahrscheinlich». An seiner Einschätzung «Overweight» mit einem Kursziel von 135 Franken hält der Experte von Morgan Stanley trotz der negativen Nachrichten fest.