Kommentar zum Finanzplatz

Hongkong zieht vorbei, die Schweiz schaut zu

Die Eidgenossenschaft gilt als Ort für grosse Vermögen. Doch wie lange noch? Die Schweiz reguliert den eigenen Wohlstand in gefährlichem Masse.

Jamie Vrijhof-Droese

file85fc7kbwv061fl5j3hsj
«Hongkong zeigt, dass internationale Vermögen mobil sind. Kapital ist nicht sentimental», sagt Gastautorin Jamie Vrijhof. HZ

Werbung

Die neue «Global Wealth Report»-Studie der Boston Consulting Group enthält eine Nachricht, die in Bundesbern und an der Zürcher Bahnhofstrasse eigentlich Alarm auslösen müsste: Hongkong hat die Schweiz als weltweit grössten Offshore-Wealth-Management-Hub erstmals knapp überholt.
Was noch vor wenigen Jahren undenkbar schien, ist jetzt Realität geworden. Und die Frage lautet nicht, ob uns das beunruhigen sollte. Sondern weshalb wir uns offenbar zu wenig darum kümmern.
Die Schweiz verfügt weiterhin über aussergewöhnlich starke Standortvorteile. Unsere politische Stabilität ist weltweit fast einzigartig. Die Neutralität schafft Vertrauen in geopolitisch unsicheren Zeiten. Unsere Rechtssicherheit bleibt ein Trumpf. Dazu kommen die fiskalpolitische Verantwortung, eine verlässliche Währung und ein Dienstleistungsniveau, das international noch immer Massstäbe setzt.Doch genau darin liegt die Gefahr: Wir haben uns an unseren Wohlstand gewöhnt. Zu sehr.
Die Schweiz lebt heute vielfach vom Ruf vergangener Jahrzehnte. Gleichzeitig behandeln wir unternehmerische Tätigkeit und insbesondere den Finanzsektor zunehmend wie ein Problem, das reguliert, beaufsichtigt und moralisch eingehegt werden muss – statt als das, was er tatsächlich ist: eine der wichtigsten Wertschöpfungsquellen unseres Landes.

Partner-Inhalte

Während andere Finanzplätze strategisch investieren, Innovation fördern und regulatorische Prozesse vereinfachen, produziert die Schweiz immer neue Vorschriften, Dokumentationspflichten und Compliance-Auflagen. Jede einzelne Regulierung mag für sich genommen begründbar erscheinen. In ihrer Summe aber ersticken sie Effizienz, verteuern Dienstleistungen und machen das Kundenerlebnis enorm mühsam.
Der Finanzplatz leidet längst nicht mehr nur unter höheren Kosten. Er leidet unter regulatorischer Erschöpfung.

Die Gastautorin

Jamie Vrijhof ist Unternehmerin, Verwaltungsrätin, Referentin und Autorin. Sie ist Managing Partner von WHVP, einem Vermögensverwalter mit Fokus auf US-Kundinnen und -Kunden.
Besonders problematisch ist dabei die politische Grundhaltung, die sich in den letzten Jahren eingeschlichen hat: Erfolg wird zunehmend misstrauisch betrachtet. Unternehmerisches Denken wird rhetorisch zwar gelobt, praktisch aber mit immer neuen administrativen Hürden bestraft. Wer investiert, Arbeitsplätze schafft oder Vermögen verwaltet, verbringt heute einen immer grösseren Teil seiner Zeit damit, regulatorische Anforderungen zu erfüllen, statt Kunden zu betreuen oder Innovation voranzutreiben.
Natürlich braucht ein globaler Finanzplatz klare Regeln. Vertrauen basiert auf Integrität. Aber gute Regulierung schafft Klarheit und Wettbewerbsfähigkeit. Schlechte Regulierung schafft Bürokratie.

Werbung

Hongkong zeigt, dass internationale Vermögen mobil sind. Kapital ist nicht sentimental. Es bleibt dort, wo Rahmenbedingungen stimmen, wo Geschwindigkeit möglich ist und wo wirtschaftlicher Erfolg nicht permanent unter Generalverdacht steht.
Die Schweiz hat nach wie vor alle Voraussetzungen, um global führend zu bleiben. Aber wir müssen wieder lernen, unseren Wohlstand aktiv zu verteidigen. Das bedeutet: mehr Vertrauen ins Unternehmertum, mehr Mut zu Wettbewerbsfähigkeit und weniger reflexartige Regulierung.
Denn eines ist klar: Unser Vorsprung ist nicht naturgegeben. Wer sich zu lange auf seinen Lorbeeren ausruht, wacht irgendwann auf – und stellt fest, dass andere längst vorbeigezogen sind.
Über die Autoren

Werbung