Prinzip Burgund versus Prinzip Bordeaux in der Bündner Herrschaft
Es gibt in Nordbünden gewissermassen zwei Schulen – man könnte sie als Bordeaux und Burgund bezeichnen. Dabei geht es um die Art und Weise, wie mit den Trauben im Keller umgegangen wird
Stefan Keller
Die Parzelle Schöpfi in Malans ist eine von fünf Pinot-noir-Lagen, die Fromm separat abfüllt.zVg
Betriebe wie Gantenbein, Studach, Donatsch und Christian Hermann orientieren sich an der Gutsabfüllung. Sie selektionieren im Keller die Trauben nach Güteklassen; bei Martin Donatsch etwa findet dies Ausdruck in Stufung Tradition, Passion und Unique. Sie ist vergleichbar mit den Erst- und Zweitweinen, wie man dies von Châteaus im Bordelais kennt. Ein Vorteil liegt auf der Hand: Im Keller lassen sich jahrgangsbedingte Unebenheiten ausgleichen.
Die dem burgundischen Prinzip zugewandten Betriebe separieren die Trauben ihrer vielversprechendsten Parzellen und bieten diese – wenn das Resultat überzeugt – als Einzelabfüllungen an. Zu dieser Gruppe zählen Weingüter wie Fromm, Wegelin und die Familie Hansruedi Adank.
Eine neue, alte Geschichte
Vorreiter der Bewegung Lagenweine war die Familie Fromm. Für seinen Blauburgunder aus der Parzelle Schöpfi wurde Georg Fromm Senior 1912 an der Schweizerischen Fachmesse mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Vor 20 Jahren nahm Georg, in vierter Generation, den Faden wieder auf und begann, die unterdessen mit Burgunder-Klonen bestockte Schöpfi-Lage separat zu keltern. In den folgenden Jahren kamen die Einzellagenabfüllungen Selvenen, Fidler und Spielmann, Michel und Küng hinzu. Sie werden beeinflusst durch Bodenstruktur, unterschiedliche Klone, Alter der Reben und Kleinklima. Je nach Jahrgang haben die Weine aus ein und derselben Lage einen deutlich unterschiedlichen Ausdruck.
Partner-Inhalte
Werbung
Sechs Malanser Pinot noir aus fünf Lagen.Marco Fromm
Sechs Malanser Pinot noir aus fünf Lagen.Marco Fromm
Lagenweine als individueller Ausdruck
Über 100 Flurnamen sind in den Weinbergen Nordbündens registriert und können grundsätzlich auf der Etikette erwähnt werden. Voraussetzung ist, dass die Trauben vollständig aus der erwähnten Lage stammen. Praktisch alle bekannten Lagen teilen sich verschiedene Besitzer. Ein Unikat ist Heinz Däschers Pinot noir Clos Ochsenwaid, es ist gewissermassen eine Monopollage. Seit Jahrgang 2014 kommen jährlich ein paar hundert Flaschen des von Uwe Schneider gekelterten Weins auf den Markt.
Mathilde Hug-Pédeutour keltert die Weine des Weinguts Wegelin.zVg
Mathilde Hug-Pédeutour keltert die Weine des Weinguts Wegelin.zVg
Für die Französin Mathilde Pédeutour — sie führt zusammen mit ihrem Mann Raphael Hug das Weingut Wegelin in Malans — ist klar, dass durch den Einfluss der Lagen Unterschiedliches nicht in einen Topf geworfen werden soll, sondern nach je eigenen Abfüllungen verlangt, wie man es etwa vom Burgund her kennt, mit den Abstufungen Gebietswein, Dorfwein, 1er Cru und Grand Cru. «Lokale Produkte mit Herkunftsbezeichnungen, das ist etwas Konkretes, das ist ein aktuelles Thema», ist Mathilde Pédeutour überzeugt. «Die Leute wollen wissen, woher der Wein stammt und wie er schmeckt.»