Sie sehen aus wie eine Art Riesensaugroboter, bei denen nicht ganz klar ist, wo vorne und wo hinten ist. Auf dem «Strip», einem Abschnitt auf dem Las Vegas Boulevard, verkehren sie seit einem halben Jahr. Während der Consumer Electronic Show (CES) im Januar dieses Jahres bildeten die Robotaxis, die von der Amazon-Tochtergesellschaft Zoox betrieben werden, eine Alternative zu den üblichen Taxiservices. Denn diese nehmen ihre Gäste bevorzugt vor den grossen Casinos auf – und dort sind die Warteschlangen gerade während Messezeiten lang. Wer sich rasch bewegen will, wählt deshalb die autonomen Taxis.
Weniger Technik ist mehr
Dass hier Computer und nicht Menschen lenken, beeinflusst weniger die Preise als vielmehr die Verfügbarkeiten und die Zuverlässigkeit. Autonome Fahrzeuge, sowohl für den Personentransport als auch für den Frachtverkehr, könnten eine brauchbare Lösung sein – wenn sich die jahrelang aufgebauten Erwartungen bei autonomen Fahrzeugen materialisieren. «Level 4 funktioniert bereits operativ, aber stets nur geofenced», beschreibt Dario Schafroth, Professor für autonome Systeme an der Fachhochschule OST, die Fortschritte. «Also beispielsweise für Robotaxis, Shuttle-Services oder für Logistikfahrzeuge in klar abgegrenzten Gebieten.» «Die Selbstfahrtechnologie ist definitiv auf dem Sprung aus der Machbarkeitsprüfung in die Skalierung», sagt auch Thomas Sauter-Servaes, Professor an der ZHAW School of Engineering in Winterthur. «Fragen der Wirtschaftlichkeit treten nun in den Vordergrund.» Und das bedeutet auch eine Reduktion der teuren eingebauten Technik. Im Vergleich zur letzten Fahrzeuggeneration hat Waymo, ein Technologieentwickler für autonome Fahrzeuge, die Anzahl der Lidarsensoren von fünf auf vier reduziert. Die Anzahl der Kameras wurde sogar mehr als halbiert. Damit werden auch die Autos günstiger. Bewährt hat sich laut Schafroth die Kombination aus verschiedenen Sensoren von Kamera, Radar, Lidar und Ultraschall (gegebenenfalls ergänzt durch Thermalsensorik), was für Redundanz und höhere Robustheit gegenüber Ausfällen einzelner Systeme sorgt. «Den Vision-only-Ansätzen, also nur Kameras, wie es Tesla verfolgt, stehe ich derzeit eher skeptisch gegenüber, da diese stark abhängig von Sichtbedingungen wie Regen, Schnee, Nebel und schlechten Lichtverhältnissen sind.» Schafroth weist darauf hin, dass sich die Umgebung der Fahrzeuge durchaus anpassen lasse, was ein wesentlicher Faktor für die Skalierung von autonomen Fahrzeugen sei: «Dazu gehören auch pragmatische Eingriffe wie zum Beispiel bessere und standardisierte Fahrbahnmarkierungen, eine klarere und digital unterstützte Beschilderung und die Kommunikation mit dem Fahrzeug.» Sauter-Servaes betont: «Der grosse Vorteil heutiger hoch automatisierter Fahrzeuge ist gerade, dass sie sich an die bestehenden baulichen und verkehrlichen Rahmenbedingungen immer besser anpassen – und nicht diese auf sie ausgerichtet werden müssen. Diese hohe Adaptionsfähigkeit beschleunige die Skalierung der Systeme.»
Mobiles Wohnzimmer
Momentan fokussiert die Perspektive bei automatisierten Fahrzeugen sehr stark auf den Einsatz als Robotaxis», sagt Sauter-Servaes zur derzeitigen Entwicklung. «In Europa wird im Gegensatz zu Amerika und China zudem die Integration in den öffentlichen Verkehr insbesondere im Rahmen von On-Demand-Diensten im ländlichen Raum geprüft.» Beide Entwicklungspfade würden aber langfristig nur eine Nebenrolle spielen. «Denn automatisierte Fahrzeuge werden schneller als gedacht als private Besitzautos verfügbar sein», glaubt der Experte. Darauf weisen unter anderem die Ankündigungen von Xpeng, Rivian, BYD, Lucid oder Waymo hin. Das selbstfahrende Besitzauto werde immer eine bessere Verfügbarkeit aufweisen als ein Robotaxi. «Durch unseren Wechsel vom Fahrer- auf den Rücksitz wird die Rolle des Automobils als mobiles Wohnzimmer weiter gestärkt», so Sauter-Servaes. «Privatsphäre und individuelle Interiors werden noch wichtiger, um auf längeren Distanzen die Reisezeiten attraktiv nutzen zu können. Unbequemere Sharing-Modelle erscheinen da wenig konkurrenzfähig.» Die gefühlte Autoabhängigkeit könne also mit den selbstfahrenden Fahrzeugen sogar noch zunehmen, wenn sich als deren Folge die Siedlungsstrukturen zugunsten längerer Pendler-/Einkaufswege ändern und die persönliche physische KI-Maschine als Statussymbol in der Geschäftswelt dem Business-Class-Flug die Rücklichter zeigt, prognostiziert Sauter-Servaes. «Bezogen auf Geschäftsmodelle glaube ich, dass bis 2030/2035 der grösste Wandel nicht aus dem Bereich der autonomen Fahrzeuge kommen wird; die Treiber sind vielmehr die Elektrifizierung, ‹Software-Defined Vehicles› und eine weitere Verschiebung weg vom Fahrzeugbesitz hin zur Nutzung», erläutert Schafroth.