Bilanz: Gestern Abend assen wir in Lamporecchio, ihrem Wohnort, in einem Lokal mit Namen In Vino Veritas. Die meisten Gäste tranken Bier.
Andreas März: Wein ist aus unserer Kultur gefallen. Bier ist ja nicht das schlimmste Übel, aber wenn Cola-Büchsen – Büchsen! – auf dem Tisch stehen, dann wird mir übel. Und alle wissen wir doch, dass dies ungesund ist und dass Zucker viel schädlicher ist als Wein oder Bier.
Was ist da geschehen?
Darüber können wir nur spekulieren. Wir Fachleute haben Wein zu kompliziert gemacht, viele fühlen sich ihm gegenüber hilflos. Unterlegen. Über Wein muss man so viel wissen: Öffne eine Weinfachzeitschrift und lies, wonach Wein alles schmeckt. Dabei schmeckt er einfach nach Wein. Und eigentlich reicht dies. Und dann gibt es Flaschen von 2.99 bis 2999 Franken. Es gibt keine Sicherheiten, keine Gewissheiten. So gewinnt man keine Freunde. Kommt dazu: Wein kostet etwas mehr als Zuckerwasser, ist ungesund wie überhaupt Alkohol, das ist ja jetzt offiziell. Und: alle sind mit dem Auto unterwegs, und da drohen hohe Verkehrsbussen.
Der Preis scheint uns nicht das wesentliche Kriterium zu sein. In italienischen und auch französischen Restaurants ist Bier oft teurer als Wein.
Wein geniessen ist halt schon ein bisschen wie klassische Musik hören. Man muss sich darum bemühen. Das Leben hat sich geändert. Wein hat im Alltag kaum mehr Platz, am Wochenende wird er zelebriert. Viele Leute essen ja auch nicht mehr richtig, in Italien zwar häufiger, aber vor allem abends, da wird er schon noch getrunken.
Was interessiert Sie am Wein?
Ich bin ein Weintrinker, ich brauche etwas Flüssiges, wenn ich esse. Wein hat die Aufgabe, mit Säure, mit Tannin oder mit einem bitteren Schwänzchen den Mund zu reinigen, das letzte Fett wegzunehmen für den nächsten Biss, das ist für mich wichtig. Dieser Aufgabe wird die Blindverkostung nicht gerecht. Da suchst du etwas anderes, weil du nichts dazu isst. Das Gleichgewicht, die Harmonie stehen im Vordergrund, Bitternoten und Tannin werden dabei oft gerne abgestraft.
Hat sich Ihr persönlicher Geschmack in den vergangenen Jahren verändert?
Wer bewusst trinkt, verfeinert den Geschmack, man wird empfindlicher, spricht nicht mehr aufs Grobe an, und es entsteht Poesie im Glas. Ich mag im Wein das Leise, das Mineralische, das Vertikale. Wenn du weniger trinkst, trinkst du Besseres. Schnüffeln, kleine Schlückchen, das gibt ein Glücksgefühl, und das will ich beim Weintrinken haben.