Wann der optimale Lesezeitpunkt ist, hängt nicht nur vom Zuckergehalt in den Beeren ab. Die Bedeutung der Öchslegrade schwindet mit den immer heisser werdenden Jahrgängen.
Ursula Geiger
Jetzt wird der Reifegrad der Trauben kontrolliert. Als erste Instanz gilt oft der Zuckergehalt in den Beeren.Shutterstock
Draussen feierte die Sonne wilde Temperaturexzesse. Unten im Keller war es kühl. In den Reben eines kleinen Dorfes südlich von Saragossa, spielt Garnacha tinta (in Frankreich heisst die Sorte Grenache noir, in Sardinien Cannonau) die Hauptrolle. Die dunkle Traube mag Hitze und quittiert das mit kräftigen Weinen.
Nun sind kräftige Rotweine, die erst nach längerer Reife im Keller ihre Reize ausspielen eine feine Sache. Aber der Trend zu knackigeren Weinen mit weniger Alkohol hat längst auch das Rotweinuniversum erfasst.
Garnacha kann auch leicht sein
Im Keller in Mièdes kamen an diesem hiessen Junitag neue Wein-Ideen ins Glas. Neben den Weissweinen, die frisch und saftig, aber auch ein wenig austauschbar waren, stach ein hellroter Garnacha hervor. Leicht, mit 11,5 Umdrehungen, saftiger Säure, bei null Gerbstoffen und null Süsse. Das macht Spass.
Und das kann der Türöffner für ein jüngeres Publikum sein, das einfach nur ein Glas trinken will, ohne vor Ehrfurcht erstarren zu müssen. Und das im gesetzteren Alter mit mehr finanziellen Möglichkeiten vielleicht den Schritt hin zu Premium-Weinen macht.
Junges Konzept
Wie man solche Leichtgewichte in einer Gegend hinkriegt, die auf runde, schwere Weine abonniert ist? Die Trauben von jüngeren Rebstöcken (10 bis 20 Jahre alt) werden früher geerntet. Die Säurewerte sind dann höher und die Gerbstoffe nicht bis zur Grandezza ausgereift. Aber das müssen sie auch nicht, denn Tannine sind bei diesem jungen Konzept gar nicht gefragt.
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Garnacha tinta, hier in der leichten, hellroten Variante.Ursula Geiger
Garnacha tinta, hier in der leichten, hellroten Variante.Ursula Geiger
Die Maische wird nur vier Tage bei niederen Temperaturen in Edelstahltanks vergoren. Das erhält die rotbeerige Frucht und liefert jene Farbe, um die Leichtigkeit auch optisch rüber zubringen.
Umdenken gefragt
In vielen Weinregionen sind Öchslegrade immer noch das Nonplusultra, mit dem auch gerne die Exzellenz der Lage (naturgegeben) sowie die harte Arbeit, um das Beste aus den Trauben herauszuholen, aufs Podest gehoben werden.
Doch der perfekte «Sweet Spot», wenn Zucker, Säure und Tannine in den Beeren in perfekter Balance sind und die Lese beginnen kann, verträgt durchaus Abweichungen hin zu mehr Frische und weniger Alkohol.