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Spitzenweingut Joseph Phelps

«Wir schichten unsere Weinbergsböden wie eine Lasagne»

Mehr Bodengesundheit, keine Herbizide. Die Joseph Phelps Winery, die seit 2022 zu LVMH gehört, setzt auf Methoden aus dem Öko-Weinbau.

Ursula Geiger

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David Pearson, seit 2023 CEO der Joseph Phelps Vineyards, auf Stippvisite in Zürich. David lebt und arbeitet in St. Helena im Napa Valley. Ursula Geiger

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In Kalifornien sei es so warm gewesen, dass er die Winter Klamotten für den Trip nach Europa schlicht vergessen hätte, erzählt David Pearson, der aus dem Zürcher Schneeregen in die cosy Atmosphäre des Napa Grills auf dem Hürlimann-Areal tritt.
Im Napa Grill gibt es nicht nur das beste Beef der Stadt auf den Teller, auch alles was im Napa-Valley Rang und Namen wird hier in die Gläser geschenkt. Der ideale Rahmen für Dinner und Tasting mit jenem Winemaker, der von 2004 bis 2020 Opus One geleitet hat.

Neustart bei Joesph Phelps

Seit 2023 ist David Geschäftsführer der Joseph Phelps Winery. Das Gut mit Rebbergen im Napa Valley und in Sonoma gehört seit 2022 dem Luxusgüter-Konzern LVMH.
Vor seinem Engagement bei Phelps sei er «das erstemal, seit ich 15 Jahre alt bin» arbeitslos gewesen. Eine befreiende Zeit, denn seine berufliche Zukunft hätte vor ihm gelegen «wie ein unbeschriebenes Blatt Papier». Also machte Pearson einen Road-Trip durch die französischen Weinlandschaften, der den agilen Best Ager an seine Jugend erinnerte.
Damals reiste der 18-Jährige mit seinem Bruder via Interrail durch Europa. Kein Geld in den Taschen, aber offen und neugierig auf das Leben. Im Burgund entdeckte er eine Welt, die er bislang nicht kannte.

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«Es war nicht nur Wein, es waren vielmehr der Lebensstil und die Atmosphäre, die mich damals begeisterten — und ich wollte mehr darüber wissen.» Nach dem Studium in Davis, der berühmten Weinfakultät der University of California, startete er seine Karriere, die ihn ins Burgund, nach Bordeaux und dann ins Napa Valley führte.

Mehr Ökologie

Die zweite Frankreichreise als Sechzigjähriger hatte einen ebenso prägenden Einfluss auf Pearson. Der Weinprofi überzeugte sich in der Ardèche wie Mischkultur auch im Weinbau hervorragend funktioniert, wie sie Reben widerstandsfähiger macht und den Boden als wertvollstes Gut schützt und verbessert.
Er vertiefte sich in das Thema und adaptierte das französische Konzept für das Napa Valley. Pearson nennt es weder Permakultur noch Vitiforst oder Ökolandbau sondern «Agro Ecology».
Gesunde Böden durch Begrünung und mehr Bäume als Schattenspender sind bei Joseph Phelps Programm.
Gesunde Böden durch Begrünung und mehr Bäume als Schattenspender sind bei Joseph Phelps Programm.Joseph Phelps
Gesunde Böden durch Begrünung und mehr Bäume als Schattenspender sind bei Joseph Phelps Programm.
Gesunde Böden durch Begrünung und mehr Bäume als Schattenspender sind bei Joseph Phelps Programm.Joseph Phelps
Bei LVHM stiess er damit auf offene Ohren und nun werden in einem ersten Schritt die Phelps-Parzellen im Napa Valley umgemodelt. «Wir managen die Begrünung in den Parzellen heute ganz anders: es wird nicht gemäht, sondern gewalzt. So bauen wir eine dicke Schicht kompostierbaren Materials auf, die zu neuem, fruchtbaren Boden wird. Wir schichten unsere Weinbergsböden wie eine Lasagne.»

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Flagschiff «Insignia»

«Agro Ecology» ist das eine, der Cabernet-Blend «Insignia» das andere Thema an diesem Abend. «Joseph Phelps ‹Insignia› kam mit dem Jahrgang 1974 auf den Markt. Der erste Opus One-Jahrgang wurde 1979 gekeltert», so Pearson. Und im weiteren Verlauf des Abends wird schnell klar, was Napa von Bordeaux unterscheidet und was es vereint.
Im Wortsinn: Verkostung der Insignia-Jahrgänge 2008, 2014, 2016,2019,2021 und 2022 im Restaurant Napa Grill, Zürich.
Im Wortsinn: Verkostung der Insignia-Jahrgänge 2008, 2014, 2016,2019,2021 und 2022 im Restaurant Napa Grill, Zürich.Ursula Geiger
Im Wortsinn: Verkostung der Insignia-Jahrgänge 2008, 2014, 2016,2019,2021 und 2022 im Restaurant Napa Grill, Zürich.
Im Wortsinn: Verkostung der Insignia-Jahrgänge 2008, 2014, 2016,2019,2021 und 2022 im Restaurant Napa Grill, Zürich.Ursula Geiger
Auch die Bordelaiser Grand Cru werden aus verschiedenen Weinen unterschiedlicher Sorten und Parzellen assembliert, doch das Terroir eines Châteaus ist weniger divers und weitläufig als das einer Winery im Napa Valley, wo die Parzellen im Tal verteilt liegen und über 100 verschiedene Bodenprofile bekannt sind.

Pazifik als Kühlbox

Die Cabernet Sauvignon-Trauben für den Insignia 2022 wachsen in sechs Bereichen des Napa Valley südlich von St. Helena. Bis hierhin kühlen Nebel und eine frische Brise vom Pazifik die Weinberge und sorgen für eine langsamerer Reife, eine gute Säurestruktur und reife Gerbstoffe.
Das ist umso wichtiger, je heisser es im Napa Valley wird. Lange galt 2015 als der heisseste Jahrgang im Tal, doch 2022 knackte den Hitzerekord und in der ersten Septemberwoche kletterte das Thermometer in den Nachmittagsstunden auf 39 Grad Celsius. «Die Trauben trockneten ein und wurden zu Zuckerbomben», erzählt Pearson. Es zeigte sich, dass ältere Rebstöcke die Hitze besser vertrugen.

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Nebel zieht vom Pazifik her ins Napa Valley und bricht die Hitze des Tages.
Nebel zieht vom Pazifik her ins Napa Valley und bricht die Hitze des Tages.Getty Images
Nebel zieht vom Pazifik her ins Napa Valley und bricht die Hitze des Tages.
Nebel zieht vom Pazifik her ins Napa Valley und bricht die Hitze des Tages.Getty Images
Und wie nebenbei erwähnt er das mit 15 Jahren eher niedrige Durchschnittsalter der Reben im Napa Valley und wie schön es sei morgens im Boden zu wühlen und «feuchte Erde» in den Händen zu halten. Mit allem, was darin krabbelt und kriecht. Und, dass zwischen den Reben Bäume gepflanzt werden für mehr Schatten in hitzigen Jahrgängen.

Degustation:

Sechs Jahrgänge «Insignia» von Joseph Phelps
Der Meritage-Blend Insignia basiert auf Cabernet Sauvignon mit kleinen Prozentsätzen von Petit Verdot, Cabernet Franc und Malbec. Insignia gibt es seit dem Jahrgang 1974. 2020 wütete das Glass-Fire ab dem 27. September für 23 Tage im Napa Valley, darum gibt es keinen Insignia dieses Jahrgangs. Und so schmecken die sechs Jahrgänge:

2008

Rubin mit granatfarbenen Rändern. In der Nase Champignons, Rosenblüten, Waldboden und ein Hauch von Nougat. Tannin und Säure sind im Einklang, doch die Reife beginnt sich am Gaumen bemerkbar zu machen. Endet auf Pfeffernoten. Wer davon noch im Keller hat: Jetzt trinken!

2014

Glänzendes Rubin. Präsente, kühle Frucht, Cassis für die Frische und Brombeere für die Opulenz. Kraftvoller Auftakt, gut perfekt integrierte, sehr feine und reife Tannine, Noten von dunkler Schokolade und Blutorange. 2014 gehört zum Napa Valley Triple, den sehr guten Jahrgängen 2012, 2013 und 2014.

2016

Glänzendes Kirschrot. Elegantes Bouquet, komplexe, dunkle Frucht, dazu Noten von Veilchen und Pfingstrose, dann frische Haselnüsse, Blutorange. Feinste Mokka-Tannine und der saftige Biss von Zwetschgenhaut im Finish bringen Frische und Lebendigkeit in Glas.

2019

Dunkles Rubin. Deutlich Cassis in der Nase, dazu Röstaromatik vom Holz. Kraftvoller Gaumen, das Tannin dominiert noch etwas, zeigt aber auch das Reifepotential dieses Klassikers, der sich aktuell noch ein wenig verschlossen gibt.

2021

Sonniger und warmer, aber nicht heisser Jahrgang. Duftet nach Weichseln und rotbeeriger Frucht. Charmanter Gaumen, feingliedrig mit noblen Tanninen, dunkle Schokolade, Orangenzeste und saftige Pflaume im Finish machen den 2021er zum Lieblingswein, der jetzt schon Freude macht, aber auch noch lange reifen kann.

2022

Neuester Jahrgang der Insignia-Kollektion. Die Hitze des Jahrgangs ist im Glas deutlich spürbar. Dunkle, mit Schokolade überzogene Früchte, die im Kern Frische zeigen. Viel Extraktsüsse im Auftakt und ein kraftvoller Mittelteil werden aufgefangen durch eine passable Säure und körniges Tannin.

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