Ein sonniger Mai-Nachmittag an einem der vielleicht schönsten Orte im Norden Deutschlands: dem luxuriösen Weissenhaus-Resort, einem weitläufigen, rund 400 Jahre alten Anwesen mit Herrenhaus, zahlreichen weiteren Gebäuden, Parkanlagen, Alleen. Keine hundert Meter entfernt plätschern kleine Wellen an den blütenweissen Strand der Ostsee. Aber wir sind nicht zur Erholung hier, sondern für eine Testfahrt. Auf dem jahrhundertealten Kopfsteinpflaster stehen die beiden Protagonisten: zwei Autos, in ihrer Zeit jeweils das Nonplusultra des Automobilbaus – ein Mercedes 350 SE der ersten Baureihe von 1979 und ein S450 4Matic, brandneu, Jahrgang 2026.
Die Rillen in den Scheinwerfern sollten vor Verschmutzung schützen und damit die Sicherheit erhöhen.Maximilián Balázs für Mercedes Benz
Die Rillen in den Scheinwerfern sollten vor Verschmutzung schützen und damit die Sicherheit erhöhen.Maximilián Balázs für Mercedes Benz
Nachdem Mercedes kürzlich die neuste Version der S-Klasse präsentiert hat, kann sie jetzt zum ersten Mal gefahren werden. Das nehmen wir zum Anlass, sie mit einem Modell der ersten Baureihe zu vergleichen. Rund fünfzig Jahre liegen zwischen der Entwicklung der beiden Fahrzeuge. Wie gross ist der Unterschied, wie fahren sich die Autos im Vergleich, und was haben sie noch gemeinsam? Das wollen wir heute herausfinden.
Ach, waren das noch Zeiten
Als Mercedes die S-Klasse Anfang der 70er-Jahre einführte, war die Schweiz geprägt von Gegensätzen: Während Bernhard Russi und Marie-Theres Nadig bei den Winterspielen 1972 olympisches Gold holten und zu nationalen Helden wurden, erschütterte gleichzeitig die Ölkrise wichtige Industriezweige, und die beginnende Quarzkrise plagte die Uhrenbranche. Aber trotz den schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen war die S-Klasse von Anfang an ein Erfolg, sowohl weltweit als auch in der Schweiz.
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Unser Exemplar von 1979 ist in einem himmlischen Blaumetallic lackiert. Das Design des Autos, früher abwertend auch als «Panzerschrank» bezeichnet, entstand unter der Federführung des legendären Chefstylisten Friedrich Geiger und markierte einen radikalen stilistischen Wendepunkt. Geiger, der bereits Ikonen wie den 300 SL entworfen hatte, verabschiedete sich von der grazilen Linienführung der Vorgängermodelle (W108/109) und setzte stattdessen auf eine maskuline, horizontale Betonung. Beispielsweise standen die Scheinwerfer nicht mehr senkrecht, sondern quer. Dadurch erzielte das Fahrzeug eine flachere Silhouette. Unterstützt durch seinen späteren Nachfolger Bruno Sacco, etablierte Geiger eine Formsprache, die Mercedes über Jahrzehnte prägen sollte.
Das Design der neuen S-Klasse ist runder, fast fliessend.Maximilián Balázs für Mercedes Benz
Das Design der neuen S-Klasse ist runder, fast fliessend.Maximilián Balázs für Mercedes Benz
Das Design der neuen S-Klasse ist wesentlich runder, fast fliessend. Obwohl das Fahrzeug breiter, höher und länger als sein Vorfahr ist, wirkt es doch sehr elegant. Besonders charakteristisch ist die neue Detailverliebtheit, etwa die unzähligen kleinen Mercedes-Sterne, die sich im Kühlergrill, in den Scheinwerfergrafiken und in einzelnen Oberflächen wiederfinden. Das erinnert ein wenig an Louis Vuitton oder andere Luxusmarken, die häufig zahlreiche Logos auf ihren Produkten verewigen. Kann man mögen oder auch nicht. Die nochmals schmaleren Digitallampen, die fliessendere Seitenpartie und die horizontale Hecksignatur setzen den Wandel zur ruhigen, puristischeren Formensprache fort.
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Mercedes-Benz S450 4MATIC (2026)
Motor 3,0-Liter-R6-Turbobenziner mit Mildhybrid
Leistung 381 PS (280 kW) + 23 PS (17 kW) Boost
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h (abgeriegelt) Beschleunigung (0–100 km/h) 4,9 Sekunden
Verbrauch (kombiniert) 8,1 Liter/100 km
Kofferraumvolumen 550 Liter
Leergewicht 2165 kg
cw-Wert 0,22
Getriebe 9-Gang-Automatik
Mercedes-Benz 350 SE (1979)
Motor 3,5-Liter-V8-Saugbenziner
Leistung 200 PS (147 kW) Höchstgeschwindigkeit 200 bis 205 km/h
Beschleunigung (0–100 km/h) 9,5 Sekunden
Verbrauch (kombiniert) 12,5 bis 14 Liter/100 km
Kofferraumvolumen 510 Liter
Leergewicht 1720 kg
cw-Wert 0,41
Getriebe 3-Gang- oder 4-Gang-Automatik
Sobald man die schwere Tür des W116 öffnet und wieder schliesst, hört man dieses unverwechselbare, metallische Klacken. Ich kann mich an dem Geräusch nicht satthören und wiederhole es einige Male, bis der nette Mann von Mercedes Classic ein wenig ernster zu mir herüberschaut. Unser Modell ist mit Stoffsitzen ausgestattet, sie sind fest und bequem. Das Armaturenbrett präsentiert sich in klar gegliederten, horizontalen Linien: grosse, klassische Rundinstrumente mit tiefen Schalen, ein markantes Kombiinstrument mit Tachometer, Drehzahlmesser und Zusatzanzeigen, dazu die typischen, griffigen Wippschalter. In der Mittelkonsole sind Schieberegler für Heizung und Belüftung und das Becker-Radio, eingerahmt von dunklem Kunstholz, das dem Innenraum einen gediegenen, aber nicht überladenen Charakter verleiht. Alles wirkt zweckmässig und solide.
In der Mittelkonsole sind Schieberegler für Heizung und Belüftung sowie das Becker-Radio.Mercedes-Benz / Maximilián Balázs
In der Mittelkonsole sind Schieberegler für Heizung und Belüftung sowie das Becker-Radio.Mercedes-Benz / Maximilián Balázs
Die Türen des jüngsten Flaggschiffs gleiten schon beim Ziehen am Griff fast widerstandslos auf, geführt von elekt-risch unterstützten Stellmotoren. Der Innenraum des 2026er-Mercedes wirkt wie eine Lounge, in der digitale Technik und luxuriöse Materialien nahtlos miteinander verschmelzen. Die Ledersitze sind aufwendig gesteppt und grosszügig konturiert und vermitteln den Eindruck eines First-Class-Sessels. Das Armaturenbrett dominiert eine breite, leicht geschwungene Displaylandschaft fast über die gesamte Breite des Innenraums. Die runden Lüftungsdüsen mit feiner Metalloptik setzen einen technischen Akzent.
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2026: Eine breite, leicht geschwungene Displaylandschaft fast über die gesamte Breite des Innenraums. Mercedes-Benz / Maximilián Balázs
2026: Eine breite, leicht geschwungene Displaylandschaft fast über die gesamte Breite des Innenraums. Mercedes-Benz / Maximilián Balázs
In Bezug auf Innovationen war der W116 ein Meilenstein: Als weltweit erstes Serienfahrzeug bot er ABS, dazu eine völlig neu gedachte Sicherheitskarosserie mit verstärkter Fahrgastzelle und definierten Deformationszonen. Komfortseitig setzte er mit der hydropneumatischen Niveauregulierung, einer modernen Klimaautomatik und einem sehr stabil ausgelegten Fahrwerk Massstäbe. Das neu entwickelte Pralltopf-Lenkrad mit einer geschäumten, grossflächigen und nachgiebigen Mittelzone reduzierte bei Unfällen das Verletzungsrisiko deutlich und war ein Vorläufer späterer Airbag-Konzepte.
Das neu entwickelte Pralltopf-Lenkrad mit einer geschäumten, grossflächigen und nachgiebigen Mittelzone reduzierte bei Unfällen das Verletzungsrisiko.Mercedes-Benz / Maximilián Balázs
Das neu entwickelte Pralltopf-Lenkrad mit einer geschäumten, grossflächigen und nachgiebigen Mittelzone reduzierte bei Unfällen das Verletzungsrisiko.Mercedes-Benz / Maximilián Balázs
Eine weitere Innovation war der geschützte Tank über der Hinterachse, der bei Heckaufprallen wesentlich sicherer war als die damals verbreiteten Tankpositionen unter dem Kofferraum oder gar hinter der Stossstange.
Die Kamera scannt die Strasse voraus
Dass auch die neue S-Klasse zahlreiche Innovationen aufweist, sollte man erwarten können, und man wird nicht enttäuscht: Dazu zählen das MBUX-System der neuesten Generation mit lernenden Algorithmen, 3D-Cockpit und grossen Touchdisplays, das den Fahrer nicht nur informiert, sondern ihn vorausschauend unterstützt. Die E-Active Body Control analysiert die Strasse per Kamera in Echtzeit und gleicht Unebenheiten in der Federung vorausschauend aus, während die Hinterachslenkung die Limousine im Stadtverkehr wendiger und auf der Autobahn stabiler macht. Neue Sicherheitsfeatures wie Fond-Airbags, ausfahrbare Crashmodule und hoch entwickelte Assistenzsysteme heben das Schutzkonzept auf ein neues Niveau.
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Intelligente Systeme scannen die Strasse auf Unebenheiten und passen die Federung entsprechend an. Maximilián Balázs für Mercedes Benz
Intelligente Systeme scannen die Strasse auf Unebenheiten und passen die Federung entsprechend an. Maximilián Balázs für Mercedes Benz
Beide Autos über die Alleen Schleswig-Holsteins zu steuern, ist ein Genuss. Der W116 wankt sanft, federt lang ein und gibt über die Servolenkung echte Rückmeldung. Der V8 grummelt selbstbewusst und voller Charakter. Man spürt die Strasse, die Technik und sich selbst als Teil dieses mechanischen Dialogs. Im S450 dagegen scheint die Welt weichgezeichnet. Seine Luftfederung lässt selbst grobe Kanten verschwinden, und der Reihensechszylinder flüstert nur. Die Lenkung reagiert präzise. Man fährt nicht, man gleitet.
Ein Fazit? Trotz allen technischen Unterschieden bleibt der Kern erstaunlich gleich. Beide Autos schaffen einen Raum, der ruhiger, sicherer und souveräner ist als die Welt draussen: der W116 durch Mechanik und sein klassisches Design. Der S450 durch Software, Präzision und vorausschauende Intelligenz. Zwei Philosophien, ein Anspruch. Es fühlt sich gut an, zu wissen, in einem Auto unterwegs zu sein, das in seiner Zeit das Beste darstellt, was Ingenieure, Programmierer und Designer schaffen konnten. Irgendwie klasse.