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Rallye Dakar 2026

Wie zwei Schweizer mit einem Lada Niva die saudische Wüste bezwingen

Mit wenig Budget, dafür viel Improvisation: Wenn man von den wahren Helden der Rallye sprechen will, sind sie die Speerspitze des Wahnsinns.

Stefan Poth

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Ein Lada Niva in der Unendlichkeit der saudischen Wüste. Wo Rennbegeisterung auf Demut trifft. Suse Heinz für BONANZA

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Es gibt klügere Arten, seine Ferien zu verbringen, als sich im Januar 2026 in ein staubiges Fahrerlager am Rand von Riad zu stellen und dabei zuzusehen, wie Menschen mit sehr viel Geld und noch mehr Sendungsbewusstsein, aber auch Enthusiasmus und Benzin im Blut versuchen, die Wüste zu bezwingen. Aber «klüger» war noch nie die Währung der Rallye Dakar.
Die beginnt bekanntlich mit einer der besseren Fehlentscheidungen in der Motorsportgeschichte. 1977 verfährt sich Thierry Sabine in der libyschen Wüste. Andere hätten einen Abschleppdienst gerufen oder wenigstens kurz an sich gezweifelt. Sabine hingegen kommt auf eine Idee. Zwei Jahre später schickt er ein Feld von Gleichgesinnten von Paris nach Dakar und formuliert ein Motto, das heute noch wie eine Drohung wirkt: «If life gets boring, risk it!» Dass er 1986 bei einem Helikopterabsturz in einem Sandsturm in Mali während «seiner» Rallye ums Leben kommt, passt tragisch gut in diese Logik. Die Rallye Dakar war nie als sichere Angelegenheit gedacht. Eher als das Gegenteil davon.

Wo Hightech auf Ewigkeit trifft

Heute ist der Wahnsinn professionalisiert. Die Rallye ist über Kontinente gewandert und in Saudi-Arabien gelandet, wo sich Glasfassaden und Wüste gegenseitig ignorieren. Im Fahrerlager trifft Hightech auf Ewigkeit: Carbon neben Kamel, Satellitentelemetrie neben Gebetsruf. Es ist ein Ort, an dem sich die westliche Obsession für Kontrolle mit einer Landschaft misst, die sich nicht kontrollieren lässt.

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«Original by Motul» – ein Bike, ein Fahrer, eine Kiste. Die härteste Kategorie an der Rallye Dakar.
«Original by Motul» – ein Bike, ein Fahrer, eine Kiste. Die härteste Kategorie an der Rallye Dakar.Suse Heinz für BONANZA
«Original by Motul» – ein Bike, ein Fahrer, eine Kiste. Die härteste Kategorie an der Rallye Dakar.
«Original by Motul» – ein Bike, ein Fahrer, eine Kiste. Die härteste Kategorie an der Rallye Dakar.Suse Heinz für BONANZA
Man könnte meinen, es gehe um Geschwindigkeit. Tatsächlich geht es ums Durchhalten. In allen Kategorien: Motorräder, Autos, Trucks, Buggys. Jede mit eigenen Regeln, eigenen Dramen, eigenen Budgets. Und dann gibt es noch die Klassen, die sich dem Fortschritt verweigern: die Dakar Classic etwa, wo alte Maschinen durch die Wüste rumpeln wie nostalgische Zeitzeugen. Oder die «Original by Motul»-Kategorie, die man auch einfach «Selbstzerstörung mit Stirnlampe» nennen könnte. Dort fährt man allein. Repariert allein. Scheitert allein. Ein Motorrad, eine Kiste, mehr nicht.
Während andere Teams mit klimatisierten Trucks und halben Ingenieurbrigaden operieren, stehen diese Fahrerinnen und Fahrer nachts im Sand und versuchen, mit müden Händen und begrenzter Auswahl an Werkzeug ihre Motorräder wieder zusammenzusetzen. Wer hier ankommt, hat nicht gewonnen – er oder sie hat überlebt. Wenn man von den wahren Helden der Rallye sprechen will, sind sie die Speerspitze des Wahnsinns.

Die Schweizer mittendrin

Und irgendwo zwischen all diesen Extremen taucht plötzlich ein kleines Schweizer Team auf, das sich entschieden hat, den Wahnsinn auf ziemlich charmante Art zu interpretieren: das Oasis Rally Team.
Sladjan Miljic und Marcel Adelmann sind keine Werkfahrer, keine Markenbotschafter, keine Powerpoint-Helden. Sie sind zwei, welche die Rallye Dakar wirklich wollten – und sie sich einfach genommen haben. Ihr Fahrzeug: ein Lada Niva. Ein Auto, das ungefähr so viel elektronische Unterstützung bietet wie ein Taschenmesser und dabei etwa gleich komfortabel ist.

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Marcel (l.) und Sladi frisch geduscht im Fahrerlager.
Marcel (l.) und Sladi frisch geduscht im Fahrerlager.Suse Heinz für BONANZA
Marcel (l.) und Sladi frisch geduscht im Fahrerlager.
Marcel (l.) und Sladi frisch geduscht im Fahrerlager.Suse Heinz für BONANZA
Die Geschichte dieses Niva beginnt nicht in Saudi-Arabien, sondern in Sibirien, genauer irgendwo zwischen Kälte, Rost und einer sehr optimistischen Vorstellung von «Wird schon gehen». Der Niva wird nicht restauriert, er wird einfach wüstentauglich gemacht. Dazu braucht es viel. Im Vergleich zu den anderen Kategorien der Rallye aber auch erstaunlich wenig.
Kurz bevor es ernst wird, kommt die erste Lektion in Demut: Der Mechaniker fällt aus. Ein Unfall. Das Projekt Rallye Dakar ist plötzlich ein Kartenhaus im Wind. Wochen, vielleicht Monate Arbeit stehen auf der Kippe. Überall sonst wäre das der Moment für einen Rückzug mit erhobenem Haupt und sauber formulierter Ausrede. Hier nicht.
Hier wird telefoniert, organisiert, improvisiert. Ein neuer Mechaniker, Daniel Lörtscher, wird kurzfristig aufgetrieben – halb Wahnsinniger, halb Retter – und ins Abenteuer geworfen, als hätte es nie einen Plan A gegeben. Vertrauen entsteht nicht durch Briefings, sondern durch gemeinsames Schrauben unter Druck.
Quadratisch, praktisch, gut. Der Lada Niva auf dem Prüfstand.
Quadratisch, praktisch, gut. Der Lada Niva auf dem Prüfstand.Suse Heinz für BONANZA
Quadratisch, praktisch, gut. Der Lada Niva auf dem Prüfstand.
Quadratisch, praktisch, gut. Der Lada Niva auf dem Prüfstand.Suse Heinz für BONANZA
Sladi und Marcel haben in Riad diesen speziellen Blick, den man nur bekommt, wenn man schon ein paar Tage zu lange in einer Ausnahmesituation war. Müde, ja. Aber auch elektrisiert. Jeder Satz trägt diese Begeisterung, die man nicht spielen kann. Die Rallye Dakar ist für sie kein Event, sondern ein Zustand. Das Adrenalin besiegt alle Müdigkeit. Die Rallye Dakar gilt als härteste der Welt. Kein schnelles Wochenende, sondern 14 Tage am Stück mit einem Ruhetag in der Mitte. Total rund 8000 Kilometer, die durch die Wüste zurückzulegen sind. Wer schon mal in der Wüste gefahren ist, weiss, was das bedeutet.

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Spiritualität im Rennzirkus

Die beiden sind erstaunlich gut drauf. Viel haben sie in der ersten Woche erlebt. Von Etappen, die sich hinziehen wie schlechte Entscheidungen. Von Dünen, die aussehen wie gefrorene Wellen. Und immer wieder von dieser einen Komponente, die sich zum heimlichen Hauptdarsteller entwickelt: die Lichtmaschine.
Sie fällt aus. Wieder. Und wieder. Und wieder. Der Lada Niva steht irgendwo im Nichts, und plötzlich passiert etwas, das in keinem Reglement steht: Stille. Der Service-Truck kommt nicht. Und aus dem Rennen wird Warten. In einer Umgebung, deren Zeit seit Jahrhunderten stillsteht. Die beiden Rennpiloten erleben die Wüste in ihrer wahren Bestimmung. Als Ort der Ruhe. Als unglaublich schönen, aber auch unwirtlichen Ort.
Die Wüste lebt. Wie kleine Käfer düsen die Rallyecars durch die Staubwolken über den heissen Sand.
Die Wüste lebt. Wie kleine Käfer düsen die Rallyecars durch die Staubwolken über den heissen Sand.Suse Heinz für BONANZA
Die Wüste lebt. Wie kleine Käfer düsen die Rallyecars durch die Staubwolken über den heissen Sand.
Die Wüste lebt. Wie kleine Käfer düsen die Rallyecars durch die Staubwolken über den heissen Sand.Suse Heinz für BONANZA
Als Mensch fühlst du, dass du hier nicht lange überlebst. Und das lehrt dich Demut. Eine Lektion, die viele Menschen gelernt haben, die längere Zeit in der Wüste unterwegs waren. Dieser schon spirituelle und meditative Moment steht in krassem Kontrast zum eigentlichen Rennzirkus.
«Das sind die besten Momente», sagt Adelmann, und man braucht einen kurzen Moment, um zu verstehen, dass er das ernst meint. Denn genau dort, wo alles schiefgeht, wird die Rallye Dakar plötzlich ehrlich. Keine Inszenierung, kein Spektakel – nur du und eine Landschaft, die sich nicht dafür interessiert, wie hoch dein Budget ist.

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Zurück im Fahrerlager fühlt sich diese Ehrlichkeit fast fehl am Platz an. Hier wird optimiert, gerechnet, ersetzt. Teams mit Budgets, die eher an die Formel 1 erinnern als an ein Wüstenabenteuer, arbeiten mit der Präzision eines Uhrwerks. Die Rallye ist teuer. Nicht ein bisschen teuer, sondern absurd teuer. Hunderttausende Franken sind schnell verbrannt, in den grossen Klassen geht es um ganz andere Dimensionen.
Im Fahrerlager: Materialschlacht und (Alb-)Traum jedes Mechanikers.
Im Fahrerlager: Materialschlacht und (Alb-)Traum jedes Mechanikers.Suse Heinz für BONANZA
Im Fahrerlager: Materialschlacht und (Alb-)Traum jedes Mechanikers.
Im Fahrerlager: Materialschlacht und (Alb-)Traum jedes Mechanikers.Suse Heinz für BONANZA
Und dann steht da dieses kleine, ehrliche Team aus der Schweiz. Zwei Fahrer, ein improvisierter Mechaniker, ein sowjetisches Auto. Es ist ein bisschen, als hätte sich ein Analogfoto in einen Hochglanzkatalog verirrt. Vielleicht ist genau das der Grund, warum ihre Geschichte funktioniert.
Am Ende steht Platz drei in der Dakar Classic. Ein Podium, das weniger nach Triumph aussieht als nach überstandener Prüfung. Kein lautes Siegergeheul, eher dieses stille «Wir haben es tatsächlich geschafft».

Die Rallye Dakar verkauft auch Narrative

Parallel dazu inszeniert sich die Rallye weiter. Seriennahe Fahrzeuge wie der Land Rover Defender werden zu rollenden Markenbotschaftern, Siege zu Marketinggeschichten. Die Rallye Dakar verkauft heute nicht nur Abenteuer, sondern auch Narrative. Sladi Miljic und Marcel Adelmann hingegen verkaufen nichts. Sie fahren einfach.

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Bei ihrem ersten Werkseinsatz erreichten die Defender in der neuen Stock-Kategorie direkt einen Doppelsieg.
Bei ihrem ersten Werkseinsatz erreichten die Defender in der neuen Stock-Kategorie direkt einen Doppelsieg.Suse Heinz für BONANZA
Bei ihrem ersten Werkseinsatz erreichten die Defender in der neuen Stock-Kategorie direkt einen Doppelsieg.
Bei ihrem ersten Werkseinsatz erreichten die Defender in der neuen Stock-Kategorie direkt einen Doppelsieg.Suse Heinz für BONANZA
Nach Rennende zieht der Wind wieder auf und wischt den Staub über das Gelände, als wollte die Wüste die Spuren dieses Spektakels langsam ausradieren. Vielleicht gelingt ihr das. Vielleicht bleibt am Ende wirklich nur das, was Thierry Sabine damals gesucht hat: ein Ort, an dem man sich verirren kann, um etwas zu finden.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Speerspitze des Wahnsinns – dass man freiwillig dorthin fährt, wohl wissend, dass es keine Garantie gibt. Nicht für Erfolg. Nicht einmal für ein funktionierendes Auto.
Aber immer für eine gute Geschichte.
Dieser Artikel ist im Bonanza, einem Magazin der BILANZ, erschienen (Juni 2026).

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