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Meinung

Paul und Julia und die Biber

Sie sind immer noch mit Ihrer ersten Frau zusammen? In der Biologie weiss man nicht so genau, ob Sie ein Glücks- oder ein Problemfall sind.

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Kurt W. Zimmermann ist Verlagsunternehmer, Kolumnist und Buchautorzu den Themen Medien, Biologie und Outdoor-Sport. BILANZ

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Paul und Julia sind in unserem Bekanntenkreis ein bestaunter Sonderfall. Paul und Julia haben die engste, innigste und unzertrennlichste Beziehung, die es gibt.
Paul und Julia lernten sich kennen, als sie gemeinsam Architektur studierten. Im Handumdrehen waren sie ein Paar. Nach dem Studium heirateten sie und gründeten zusammen ein Architekturbüro. Seitdem sind sie ständig zusammen im Büro, und auch gegenüber ihren Kunden treten sie nur als Doppel auf. Auf Baustellen fahren sie immer zu zweit.
Wenn sie joggen gehen, tun sie das immer zu zweit. Einkaufen gehen sie immer zu zweit. Essen immer zu zweit. Fernsehen immer zu zweit. Kochen immer zu zweit. Putzen Fenster immer zu zweit. Dann begannen sie Golf zu spielen, natürlich immer zu zweit.
Ich habe sie einmal gefragt, wie viele Stunden in der Woche sie nicht zusammen seien. Vier, fünf Stunden vielleicht, sagten sie, zum Beispiel beim Zahnarzt oder beim Coiffeur.
Paul und Julia sind der extremste Fall von Monogamie, den ich kenne.In der Biologie ist umstritten, was von Paul und Julia zu halten ist. Möglicherweise sind sie ein Idealfall, möglicherweise aber eine Verirrung der Natur, eine Art Gen-Defekt.
Die monogamsten Lebewesen, ausser Paul und Julia, sind in unseren Breitengraden die Biber. Herr Biber und Frau Biber lernen sich kennen, wenn sie mit ungefähr zwei Jahren den heimischen Bau verlassen. Dann bleiben sie ein ganzes Leben lang zusammen. Gemeinsam sind sie dann als Architekten tätig, bauen einen Damm und dahinter mit Ästen, Steinen und Erdreich die trockene Biberburg.

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«Nur fünf Prozent der Säugetiere leben monogam. ­Monogamie ist nur in Aus­nahmefällen ein arttypisches Paarungssytem.»

Nur fünf Prozent der Säugetiere leben monogam. ­Monogamie ist nur in Aus­nahmefällen ein arttypisches Paarungssytem.
Nur wenige Säugetiere schwören sich ewige Treue. Das bekannteste Beispiel, neben den Bibern, sind die Wölfe. Der Grauwolf lebt mit seiner Partnerin ein klassisches Familienleben mit Vaterrolle, Mutterrolle und Wolfskindern. Wenn die Jungwölfe gut ein Jahr alt sind, werden sie von den Eltern in die Freiheit geschickt. Dort finden sie eine Paarbeziehung, die ebenfalls ein Leben lang hält.
Alles schön und gut, aber nicht normal. Nur fünf Prozent der Säugetiere leben monogam. Monogamie ist, wie die Biologen sagen, nur in Ausnahmefällen ein arttypisches Paarungssystem.
Um den Anteil der Monogamie in verschiedenen Populationen zu untersuchen, gibt es eine einfache Methode. Man stellt mit DNA-Analysen fest, wie viele Geschwister von derselben Mutter und demselben Vater stammten. Analysiert wurden dazu Millionen von tierischen wie menschlichen Geschwisterbeziehungen, darunter auch archäologische Daten aus Grabstätten der Bronzezeit und des Neolithikums.

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Daraus ergibt sich eine Rangliste der Monogamie. Der Mensch liegt bei seinem Anteil an Vollgeschwistern bei 66 Prozent. Unter den Säugetieren ist er mit diesem Score auf Platz sieben und damit deutlich hinter Biber und Wolf. Champion der Monogamie ist die Kalifornische Maus mit einem Monogamie-Rating von 100 Prozent. Hinten liegen Viecher wie Schimpansen und schwarze Bären, bei denen die Treue im minimalen Prozentbereich liegt.
Nun muss man sich allerdings hüten, die 66 Prozent an menschlicher Monogamie falsch zu interpretieren. Es bedeutet bei Weitem nicht, dass nur 33 Prozent einen Seitensprung gewagt hätten. Schon in der Frühgeschichte entwickelte die Menschheit wirksame Verhütungsmittel, von Akazienblättern bis Zedernöl, damit das aussereheliche Vergnügen keine ungewollten Folgen hatte.Paul und Julia haben das ebenso praktiziert. Sie haben keine Kinder. Ich vermute, sie wollten das nicht, weil Kinder bloss ihr unzertrennliches Zusammensein gefährdet hätten.

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