Apéros im Sommer fühlen sich einfach besser an als im Winter. Die lauen Stunden laden zu Gesprächen mit Freundinnen und Freunden ein. An so einem Sommerabend fand ich mich auf einer Rooftop-Bar mitten in Zürich wieder. Auf der Karte wurde ich schnell fündig: Mein Sommerfavorit Bellini war im Angebot. Der italienische Drink besteht aus weissem Pfirsichsaft, aufgegossen mit Prosecco. Süss, prickelnd und unwiderstehlich sommerlich.
Spätestens als ich mit Vivi Kola, Matcha Strawberry und Hauseistee anstiess, fiel mir auf: Ich war die Einzige am Tisch mit Prozenten im Glas. Ich nippte an meinem Bellini; er war smooth auf der Zunge, prickelnd im Abgang, perfekt abgemischt – und doch hatte es einen Beigeschmack: Es war seltsam, die einzige «mit» unter vielen «ohne» zu sein.
Dabei ist der Trend zu weniger Alkohol nicht neu. Seit Jahren sinkt der Alkoholkonsum in der Bevölkerung. Konkret reduzierte sich der Pro-Kopf-Konsum in der Schweiz von 2014 bis 2024 um 1,5 Liter, wie Sucht Schweiz schreibt. Und vor zwanzig Jahren tranken Herr und Frau Schweizer sogar noch 2,5 Liter Alkohol mehr als heute.
Alkohol ist «out», und die Gründe dafür sind vielschichtig. Ein gestiegenes Gesundheitsbewusstsein sowie neue soziale Normen sind die Haupttreiber. Früher waren vielleicht zwanzig Jugendliche im Dorf das Umfeld. Wer dort nicht die Flasche ansetzte, war schnell der Aussenseiter. Heute öffnen soziale Medien Schlüssellöcher in andere Lebensrealitäten. Vielleicht ist eine jugendliche Nichttrinkerin die Einzige in ihrem Umfeld, die keinen Alkohol konsumiert. Das ist aber nicht schlimm, denn auf Instagram und Co. ist sie es nicht. Der soziale Druck löst sich auf.
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Mocktails auf dem Vormarsch
Nicht zuletzt gibt es auch mehr Alternativen. Der Trend zu «ohne» läutet eine neue Generation von Mocktails – Cocktails ohne Alkohol – ein. Während die Nichttrinkerinnen vor ein paar Jahren noch mit bunten Fruchtsaftmixes aus der Menge herausstachen, sucht man sie heute zwischen Nojito, Ipanema und Hugohni vergeblich. Barkeeper und Mixologinnen nähern sich bei Mocktails in Struktur und Geschmack immer stärker den klassischen Vorbildern an – einfach ohne Wumms. Selbst der Gin Tonic ist mit dem alkoholfreien Siegfried Gin keine Knacknuss mehr. Und Spritzer lassen sich mit Nonsecco aufgiessen.
Die Trendwelle hat übrigens auch meinen Lieblingssommerdrink erfasst. Ein paar Tage nach dem Abend mit den «Ohne»-Freunden kaufte ich im Coop ein. Bei den Weinen und Spirituosen streckte mir eine Dame lächelnd einen Plastikbecher entgegen: «Möchten Sie den neuen Cipriani Bellini Zero degustieren?» Schon beim ersten Schluck zog sich alles in mir zusammen. Die alkoholfreie Variante ist deutlich saurer. Schnell griff ich zum Probierbecher mit dem Original, zum Herunterspülen. Für mich bleibt es bei «mit».
Typisch: Cipriani Bellini
Cipriani Bellini.PD/zVg
Cipriani Bellini.PD/zVg
Der Bellini wurde von Giuseppe Cipriani 1948 entwickelt, inspiriert vom Künstler Giovanni Bellini. Cipriani eröffnete in Venedig die ikonische Harry’s Bar. Um den Bellini im Originalrezept zu kosten, muss man nicht allzu weit reisen. Heute verschifft die Cipriani-Gruppe das Apérogetränk in der Flasche – mit und ohne Wumms.
In dieser Kolumne schreiben HZ-Redaktor Michael Heim, HZ-Redaktorin Olivia Ruffiner und Autorin Tina Fischer alternierend über Bier, Wein und Drinks. Heim ist an einer kleinen Vereinsbrauerei beteiligt.