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Meinung

Das Fülöp-Prinzip der Migration

Wenn man Migration und Asylpolitik verstehen will, muss man die Störche fragen.

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Kurt W. Zimmermann ist Verlagsunternehmer, Kolumnist und Buchautorzu den Themen Medien, Biologie und Outdoor-Sport. BILANZ

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Anfang Sommer war ich in Tokaj, dem bekanntesten Weingebiet Ungarns. In den Dörfern hier zählte ich Dutzende von Storchennestern. Überall hatte es Nachwuchs gegeben, und in den Nestern streckten zwei oder drei kleine Störchlein ihre Köpfe in den Himmel.
Ungarn war schon immer ein Storchenland, bevölkert von Weissstörchen. Der berühmteste Storch von Tokaj hiess Fülöp. Er war im Frühjahr immer der Erste, der pünktlich wie eine Uhr aus Westafrika zurückkehrte. Dann hatte Fülöp eine Idee. Er beschloss, auf die Flugreise hin und zurück nach Afrika zu verzichten. Er blieb nun das ganze Jahr vor Ort.
Das war nicht ohne Risiko. Wenn Schnee lag, fand Fülöp kein Futter. Dann legten ihm die gutherzigen Ungarn etwas zum Fressen hin.
Sie merken schon, wir reden über Zuwanderung und Asylpolitik. Es geht um die Frage, welche Anreize die Migration steuern.
Bevor wir das ausführen, müssen wir noch die Geschichte von Fülöp weitererzählen. Ich weiss auch nicht, wie das ging, aber unter den Störchen in Tokaj sprach sich Fülöps Trick herum. Immer mehr Störche blieben nun auch den Winter über in ihren Nestern im Dorf. Fressen und Unterkunft für die Störche waren gesichert, es gab sogar medizinische Versorgung, wenn mal ein Notfall passierte.

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Die Störche waren nun keine gewöhnlichen Störche mehr, sondern Asylbewerber.
Ja, so funktioniert das Grundprinzip aller Migrationsströme. Migranten brechen auf und sind dann so lange unterwegs, bis sie an einen Ort kommen, wo es gesichertes Fressen und eine gesicherte Unterkunft gibt. Sie leben dann in Asylunterkünften wie ehemaligen Hotels, bis sie in eine Wohnung ziehen können. Verpflegung und Logis sind gratis, ebenso der Arzt, und Geld gibt es bei diesen Störchen obendrein auch noch.
Das Fülöp-Prinzip haben vor allem Deutschland und die Schweiz am weitesten vorangetrieben. Für Humanstörche aller Art sind die zwei Länder darum besonders attraktiv. Eine Storchenfamilie mit drei Kindern kann hier um die 3000 Franken im Monat bekommen. In Deutschland ist das mehr, als ein arbeitender Handwerker verdient.
Zurück zu den echten Vögeln. In der Schweiz leben heute mehr als 2000 Weissstörche, nachdem sie Mitte des letzten Jahrhunderts praktisch ausgestorben waren. Auch sie haben die Fülöp-Methode adaptiert. Nur wenige von ihnen fliegen im Winter noch nach Afrika. Viel beliebter ist bei den Viechern ein winterlicher Kurztrip an die Wärme Spaniens und Portugals, oder sie bleiben ohne Auslandaufenthalt gleich für immer im Land.

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Interessant dabei ist das Verhalten der Jungstörche. Sie scheuen die Arbeit. Von ihnen verlässt im Winter nur noch etwa ein Drittel die heimatliche Schweiz. Es zeigt sich dasselbe Muster wie bei jeder Zuwanderung. Die Secondos sind stärker assimiliert als ihre Eltern.
Das beste Beispiel für eine storchennahe Politik lieferte die Schweiz mit dem sogenannten Saisonnierstatut, das 1934 eingeführt wurde. Die Saisonniers aus Italien und Spanien arbeiteten während der warmen Jahreszeit auf dem Bau, im Spätherbst mussten sie zwangsweise zurück in ihre Heimat. Im folgenden Frühling kamen die arbeitenden Zugvögel wieder, Jahr für Jahr. 2002 endete das Saisonnierstatut. Die zuvor wandernden Störche durften nun für immer bleiben, denn nun galt in der Schweiz die Personenfreizügigkeit der EU.
Bleibt noch die Frage, wie es Storch Fülöp danach ergangen ist. Er lebte zehn Jahre sesshaft in Tokaj im Zeichen der Storchenfreizügigkeit. Dann kollidierte Fülöp mit einer ungesicherten Stromleitung und starb.
Seine über 30 Nachkommen aber tragen seine politische Botschaft bis heute weiter.

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