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Der Apfel der Erkenntnis und unser Paradies

Adam und Eva verliessen das Paradies nach dem Biss in den Apfel. Werden auch wir in den Apfel beissen und verlassen das Innovationsland Schweiz?

Esther-Mirjam de Boer

SCHWEIZ TOURISMUS
In der Schweiz ist es paradiesisch bequem. Alles Neue muss sich hier erstmal beweisen. Interlaken Tourismus

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Wie haben Sie es so mit Daten, Fakten und dem technologischen Fortschritt? Dieses kopfige Zeugs bereitet manchem keine Lust. Der Bauchmensch rebelliert. Doch sind wir hier im Innovationsland Schweiz nicht alle Kopfmenschen, fΓΌr die wissenschaftliche Studien, Simulationen mit komplexen Softwaremodellen und kΓΌnstliche Intelligenz pure Erotik bedeuten? Nein?
Im Gegenteil. Bei vielen Menschen lΓΆsen sie unbesehen Ablehnung aus. Wir wollen uns von zu viel Wissen lieber nicht aus der gewohnten Bahn werfen lassen. Solange das Wissen die eigene Komfortzone nicht bedroht, ist es noch okay. Aber wehe, wenn neue Einsichten uns vom eingeschlagenen Weg abbringen wΓΌrden. In der Schweiz lieben und verehren wir unsere StabilitΓ€t und KontinuitΓ€t. Es ist hier so paradiesisch bequem. Alles Neue muss sich erst mal beweisen, bevor es angenommen wird. Im eigenen Land natΓΌrlich, denn der Sonderfall Schweiz kann unmΓΆglich von anderen lernen. Bei uns ist alles anders. Besser. Und darum muss es so bleiben, wie es ist.
Der Apfel der Erkenntnis zwang schon Adam und Eva dazu, das Paradies zu verlassen. Seit Menschengedenken haben wir ein zwiespΓ€ltiges VerhΓ€ltnis zur Vernunft. Wohl ebenso lange brennt in uns die Sehnsucht nach dem unwissenden MΓΌssiggang. Im Paradies ist alles vorstellbar und wΓΌnschbar, was schΓΆn erscheint. In der harten RealitΓ€t nerven Fakten und Rahmenbedingungen, die die trΓΌgerische Freiheit der Fantasie einschrΓ€nken. Da wird es eng und manchmal ungemΓΌtlich. Und die sich stΓ€ndig wandelnde RealitΓ€t zwingt uns dauernd zum Nachdenken. Das ist anstrengend. Widerstand kommt auf.

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Wie viel anziehender ist es doch, den ParadiesvΓΆgeln und TraumtΓ€nzern mit inhaltlichem Erfindergeist zu folgen, die es nicht so genau nehmen. Wie viel entspannter erscheint es, den einfachen ErklΓ€rungen Glauben zu schenken, nur weil sie so leicht verstΓ€ndlich sind. Β«Jedes komplexe Problem hat eine einfache LΓΆsung, die falsch ist.Β» lautet ein Bonmot. Wer mit solch bequemer Haltung Politik macht und Algorithmen entwickelt, macht zwangslΓ€ufig fatale Fehler. Denn Algorithmen sind nichts anderes als Regeln dafΓΌr, wie mit bestimmten Situationen umgegangen werden soll. Das gilt fΓΌr Verordnungen genauso wie fΓΌr Software. Wir haben die Wahl: Beissen wir in den Apfel der Erkenntnis?
Esther-Mirjam de Boer, GeschΓ€ftsleiterin von Getdiversity und UR Management, VR-PrΓ€sidentin Gris Alliance des CrΓ©ateurs, PrΓ€sidentin Verband Frauenunternehmen.
In der Kolumne Β«MehrwertΒ» schreiben erfolgreiche GeschΓ€ftsfrauen ΓΌber die Arbeitswelt.

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