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Zwischen Carbon-Velo und Sitzungszimmer

Der schmale Grat beim gesunden Altern

Vom Meeting direkt zum Ironman: Viele Männer ab 45 suchen im Ausdauersport den Ausgleich zum Job. Was ist sinnvoll, was geht zu weit?

Ueli Kneubühler

Wo beginnt der Optimierungswahn gegen das unvermeidliche Älterwerden?
Wo beginnt der Optimierungswahn gegen das unvermeidliche Älterwerden? Yvans

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Sie rennen in Hawaii durch die glühende Hitze, quälen sich bei garstigen Bedingungen über Pässe oder schieben sich neunzig Kilometer lang im klassischen Stil durch den schwedischen Schnee. Ob beim Ironman (Triathlon), bei der Tortour (Rennvelo) oder dem Wasalauf (Langlauf) – die Startlisten harter Breitensport-Events lesen sich streckenweise wie das Who’s who der Wirtschaftswelt.
Wo andere nach einer 60-Stunden-Woche die Beine hochlegen, fängt für zahlreiche Spitzenmanager und Führungskräfte der eigentliche Arbeitstag erst an: auf dem Carbon-Velo, in Laufschuhen oder im Neoprenanzug.
Auch für Philippe Blatter, seit 20 Jahren Chef des Zuger Sportvermarkters Infront. Der passionierte Triathlet zieht den Ironman einem Buch, Wellness, einem Konzert oder einem Film vor. Und das seit vielen Jahren.

Keine E-Mails, keine Meetings

Der 62-Jährige hat in seiner Karriere bereits mehr als zwanzig Ironman-Rennen bestritten. Zur Erinnerung: Die Langdistanz führt über 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und einen abschliessenden Marathon über 42,195 Kilometer. Er verstehe, dass sich dabei manchem eine gewisse Widersprüchlichkeit offenbare, so Blatter. «Für mich ist Ausdauersport jedoch einer der effektivsten Wege, Stress abzubauen – nicht, ihn zu verstärken.»

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Blatter lebt einen Alltag, der streng durchgetaktet ist. Jede Minute ist verplant. Selbst die Pausen. Grosse Verantwortung, stetig hohes Stresslevel, entscheiden, Mitarbeiter motivieren, viel reisen. Mentaler Hochleistungssport. «Die Vorbereitung auf einen Ironman schafft einen völlig anderen Rahmen, in dem ich mich körperlich und mental fokussieren kann und der in gewisser Weise erstaunlich einfach ist», erklärt Blatter. «Wenn ich mehrere Stunden in einem Rennen oder in einer langen Trainingseinheit bin, gibt es keinen Platz für E-Mails, Meetings oder komplexe Businessthemen. Ich bin ganz im Moment und nur im Dialog mit mir selbst. Genau diese mentale Klarheit ist enorm wertvoll. Sie hilft mir, mich neu zu justieren, Perspektiven zu gewinnen, Dinge zu reflektieren – und danach mit mehr Energie und Fokus in meine Rolle als CEO zurückzukehren.» Sitzknochen-Training statt Netflix-Chillen.
Philippe Blatter, CEO Infront.
Philippe Blatter, CEO Infront.PR
Philippe Blatter, CEO Infront.
Philippe Blatter, CEO Infront.PR
Führungskräfte streifen berufliche Verhaltensmuster nicht einfach ab, wenn sie die Bürotür hinter sich schliessen. Fokus, Disziplin und die Suche nach Limiten gehören zu ihrer DNA – auch im Privaten. Das Jagen nach sportlichen Grenzerfahrungen ist ein Ventil für die Psyche, birgt aber gleichzeitig die Gefahr, den alternden Körper kardiologisch zu überlasten.

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Ist es gesund, den bereits vom Job strapazierten Geist nochmals einer brutalen Belastung auszusetzen? Kann ein solch extremes Pensum der Erholung dienen? Ganz klar ja, findet auch Stefan Pfister (58). «Sport hat mich immer begleitet. Das Training ist kein Wettkampf. Es hilft mir, den Kopf zu lüften. Beim Velofahren habe ich oft gute Ideen fürs Büro», sagt der langjährige Chef des Wirtschaftsprüfers KPMG Schweiz.
In seiner Freizeit sucht er die physische und mentale Herausforderung auf dem Rennvelo oder dem Mountainbike. Er hat unter anderem die berüchtigte Tortour absolviert, 1000 Kilometer und mehrere Alpenpässe, die innerhalb von zwei Tagen nonstop bewältigt werden müssen. «Das ist aktive Erholung und bekommt mir besser, als nur auf dem Sofa zu liegen.» Auch das tue er gerne, aber «das anschliessende Ausruhen nach dem Training fühlt sich einfach dreimal schöner an als einfaches Nichtstun, und ich fühle mich besser. Aktivität und Muse muss man balancieren können.»
Stefan Pfister, CEO KPMG Schweiz.
Stefan Pfister, CEO KPMG Schweiz.PR
Stefan Pfister, CEO KPMG Schweiz.
Stefan Pfister, CEO KPMG Schweiz.PR

Suchtfaktor Ausdauersport

Leistungssport neben hoher beruflicher Pace: «Dagegen ist nichts einzuwenden. Es ist nicht falsch, sich intensiv sportlich zu betätigen», sagt Sportpsychiater Malte Claussen, Chefarzt am Universitären Psychiatrischen Zentrum Bern und Leiter des Kompetenzzentrums Sport- und Lifestyle-Psychiatrie.

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Allerdings sind gerade Laufen, Radfahren oder Triathlon prädestiniert als Süchtigmacher, weil Fortschritte und Distanzen perfekt messbar sind und die Dosis ständig gesteigert werden kann. Infront-Chef Blatter formuliert es so: «Deine Zeit, dein Tempo, dein Resultat, deine Ziellinie. Man kann nichts delegieren, nichts abkürzen und sich auch nicht verstecken.» Eine Reduktion auf das Wesentliche, die mentale Klarheit schafft.
Zum Problem wird exzessiver Sport laut Claussen dann, wenn er zum einzigen verbleibenden Vehikel wird, um mit Stress umzugehen, und keine anderen Bewältigungsstrategien mehr existieren. Was er damit meint: «Wenn jemand zum Beispiel trotz einer schweren Erkältung laufen geht, weil er nicht anders runterkommt, und damit eine Herzmuskelentzündung riskiert, dann hat der Sport seine ausgleichs- und gesundheitsfördernden Funktionen verloren», warnt er. Auch wenn das soziale Umfeld leidet – man verpasst etwa den Geburtstag der eigenen Tochter, weil man erst noch seine Zehn-Kilometer-Einheit abspulen muss, um erträglich zu sein –, hat der Ehrgeiz den gesunden Menschenverstand besiegt.
«Wir alle brauchen ein Repertoire an Werkzeugen, um uns zu entspannen», so Claussen. Sport und Bewegung sind zweifellos wichtige Werkzeuge. «Körperliche Bewegung hat antidepressive Effekte. Präventiv und therapeutisch.»

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In der modernen Psychiatrie gelten Sport und Bewegung als zentrale Massnahmen, um die Ausschüttung von biochemischen Botenstoffen zu fördern, die das Wohlbefinden steigern. Claussen warnt jedoch davor, körperliche Aktivität als Allheilmittel zu glorifizieren oder notwendige medizinische Verfahren bei psychischen Erkrankungen, beispielsweise Depressionen, eigenmächtig durch Training ersetzen zu wollen.

Verändertes Körperbild

Denn das Phänomen des überambitionierten Trainings mit zunehmendem Alter ist eng mit einem veränderten Selbstbild von Männern verknüpft.
Im Laufe der Zeit nimmt die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper auch bei Männern zu. Auch wegen Social Media. Auf den Plattformen werden Männer permanent mit makellosen und durchtrainierten Körpern konfrontiert. Das gab es schon früher – an der Magazin-Auslage am Kiosk –, aber eben nicht immerzu. Heute sind das Sixpack und die definierte Linie immer nur einen Klick entfernt oder stehlen sich gar ungefragt auf den Bildschirm.
Social Media suggerieren, diese Traumkörper seien an 365 Tagen der Standard. Dass die Aufnahmen der wenigen, professionell inszenierten Shootings über das ganze Jahr ausgerollt werden, geht vergessen.
Auch das Bild von Leinwandikonen hat sich gewandelt. Während Sean Connery und Adam West als erste James-Bond- und Kino-Batman-Darsteller noch normale, kräftige Staturen besassen – inklusive üppiger Körperbehaarung –, präsentieren sich Daniel Craig oder Ben Affleck im modernen Kino mit gestählten und beinahe unwirklichen Muskelbergen unter minimalem Körperfettanteil.

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Das erzeugt psychischen Druck. Das männliche Schönheitsideal verlangt zwei Dinge: mager und muskulös zu sein. Das geht nicht von heute auf morgen, sondern bedingt intensives, monate- oder jahrelanges Training. Und viel Disziplin. Deshalb ist die Abkürzung verlockend – jedoch nicht ungefährlich. Die Lifestyle-Welle hat einen florierenden Markt für Abnehmspritzen (GLP-1) und den nichtmedizinischen Gebrauch von Testosteron zur Körperformung geschaffen. Diese medikamentösen Eingriffe sind ohne echte medizinische Indikation gefährlich und können gravierende Nebenwirkungen nach sich ziehen.

Der Adonis-Komplex

In extremen Fällen entwickeln betroffene Männer eine sogenannte Muskeldysmorphie – auch bekannt als inverse Anorexie oder Adonis-Komplex. Während sich eine magersüchtige Frau im Spiegel trotz Untergewicht als zu dick wahrnimmt, sieht sich der extrem trainierende Mann im Spiegel als schmächtig und ungenügend, selbst wenn er objektiv massive Muskeln besitzt.
Wenn ein 55-jähriger Mann trotz bester Fitness zutiefst unglücklich ist, weil das Sixpack verblasst, hilft kein härteres Training und keine Spritze. «Dann braucht es Kopfarbeit, um das Leiden und die zugrunde liegenden Kognitionen und Motive zu verstehen und zu bearbeiten», sagt Mediziner Claussen.

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Und soziale Kontakte – womit wir bei König Fussball und allen anderen Team-Sportarten angelangt sind. Während der Marathonläufer oft nur um sich selbst kreist, liefert das Kicken in der Halle oder das gemeinsame Training im Verein «ein unbezahlbares biopsychosoziales Gesamtpaket. Die soziale Interaktion und die Beziehungen ausserhalb des Jobs stiften Wohlbefinden und Erdung – vorausgesetzt, man geht in der Halle nicht übertrieben verbissen auf den Ball und riskiert unnötige Verletzungen», so Claussen.
Am Ende zeigt sich: Der Sport bringt Topmanagern, und allen anderen Männern fortgeschrittenen Alters, genau dann einen Gewinn und ein erfülltes Leben, wenn er nicht als verlängerter Arm des beruflichen Leistungsdrucks missbraucht wird. Er sollte kein Schauplatz für verlagerten Perfektionismus sein, sondern ein permanenter, heilsamer Realitäts-Check.
Der Weg zu einem Event sei oft schöner als der Wettkampf an sich, findet KPMG-Chef Pfister. «Wenn man etwas erreicht, dann ist man zufrieden, das gibt Energie. Diese Kombination von aktiver Erholung und dem Ehrgeiz, neue Ziele zu setzen, macht mich widerstandsfähiger und glücklich.» Und mit dem Wasalauf oder dem Mountainbike-Rennen Transportugal über mehr als 800 Kilometer an sieben Tagen, das er im nächsten Jahr anpeilt, schaffe man unbezahlbare Erlebnisse, so Pfister. «Das ist wichtig. Der Spassfaktor ist nicht zu unterschätzen.»

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Fähigkeit zur Selbstreflexion

Solche Herausforderungen konfrontieren die Amateur-Athleten mit den eigenen Limiten. Es gehe bei der Grenzerfahrung nicht darum, eine brutale mentale Dominanz über den eigenen Körper zu erzwingen und ihn gefügig zu machen, sagt Infront-Chef Blatter. «Wenn der Körper auf der Langdistanz signalisiert: ‹Stopp, das reicht!›, entscheidet der innere Dialog.»
Der Geist fungiert in solchen Krisenmomenten nicht als Sklaventreiber, sondern als ehrlicher Verhandlungsführer. «Man lernt, den Schmerz zu akzeptieren und keine Ausreden zu suchen», so Blatter, und den Körper darüber hinauszuführen, was machbar erscheint.
Wer diese Fähigkeit zur Selbstreflexion auf der langen und harten Strecke lernt, geht am Ende nicht nur gesünder durch den Alterungsprozess – er kehrt auch als empathischere, resilientere und weisere Führungskraft an den Verhandlungstisch des Businessalltags zurück.
Malte Claussen
Malte Claussen ist Chefarzt am Universitären Psychiatrischen Zentrum Bern und Leiter des Kompetenzzentrums Sport- und Lifestyle-Psychiatrie.PR
Malte Claussen
Malte Claussen ist Chefarzt am Universitären Psychiatrischen Zentrum Bern und Leiter des Kompetenzzentrums Sport- und Lifestyle-Psychiatrie.PR

Die Top-5-Tipps des Experten

Was also gehört wirklich zum gesunden Altern? Es geht nicht darum, den Alterungsprozess niederzukämpfen. Wir werden nun mal alle älter, auch wenn Longevity-Enthusiasten dies zu überlisten versuchen. Akzeptanz ist der erste und wichtigste Schritt. Daneben kann man den Prozess mit einfachen Massnahmen klug begleiten. Sportpsychiater Claussen hält diese fünf Ratschläge für Männer ab 45 Jahren bereit.

1. Regelmässige körperliche Aktivität

Kontinuität schlägt Intensität. Egal ob Laufen, Radfahren oder Nordic Walking – wichtig ist, dranzubleiben und körperschonend zu trainieren. Älteren Menschen wird zudem explizit ein begleitendes Krafttraining empfohlen, um dem natürlichen Muskelabbau entgegenzuwirken.

2. Ausgewogene Ernährung

Eine gesundheitsbewusste, mediterrane Kost mit viel Gemüse, gesunden Fetten und Fisch schützt die Gefässe und liefert Energie, ohne den Körper mit unnötigen Kalorien oder Diäten zu belasten.

3. Nachsicht mit sich selbst

Wir leben in einer Welt voller Antreiber und Leistungsdruck. Man darf – und muss – auch mal fünf gerade sein lassen. Sich selbst Fehler und Pausen zu verzeihen, ist mentaler Gesundheitsschutz.

4. Akzeptanz der Veränderung

Der Körper mit 55 Jahren funktioniert anders als mit 25. Die Regeneration dauert länger, die maximale Leistungsfähigkeit sinkt. Diese biologischen Veränderungen anzunehmen, statt sie zu bekämpfen, nimmt Druck von der Psyche.

5. Geistig und sozial aktiv bleiben

Neugierde ist der beste Jungbrunnen. Wer mental aktiv bleibt, sich neuen Aufgaben und Herausforderungen stellt, liest, reist und sich austauscht, kann dem kognitiven Abbau vorbeugen. Auch soziale Kontakte sind essenziell Malte Claussen ist Chefarzt am Universitären Psychiatrischen Zentrum Bern und Leiter des Kompetenzzentrums Sport- und Lifestyle-Psychiatrie.
Dieser Artikel ist im Bonanza, einem Magazin der BILANZ, erschienen (Juni 2026).

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