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Vergängliche Naturschätze

Vor dem Verschwinden bewahren

Die Künstlerin Ester Vonplon dokumentiert die Vergänglichkeit der Natur vor ihrer Haustür: zerbrechlich, still und unverwechselbar.

Brigitte Ulmer

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Chronistin der Vergänglichkeit: Die Künstlerin Ester Vonplon. Daniela Rensch

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Viele Kunstschaffende reisen weit und tauchen in exotische Gefilde: Sie erkunden Jamaikas Korallenriffe (Claudia Comte) oder Gletscher, Vulkanflanken und Atomtestgelände (Julian Charrière), um Kunst zu schaffen, die den Finger auf das menschengemachte Ungleichgewicht in der Natur legen. Ester Vonplon geht den umgekehrten Weg: Sie sucht das Besondere im Vertrauten: Ihre analogen Fotografien und wundersamen Fotogramme zeigen einzelne Grashalme, Pilze oder ganze Wiesen, Wälder und stille Ufer in der Schweiz.
Denn für die Künstlerin ist das Unspektakuläre oft das Wesentliche: In diesen Details wird die Zerbrechlichkeit der Natur sichtbar. Und aus ihnen entstehen dann Bilder, die Vergänglichkeit und Fragilität sichtbar machen – Natur, die sonst unbemerkt bleibt, tritt ins Licht.
Die physische Herausforderung sei ein wichtiger Teil ihres Schaffens, sagt sie. Tatsächlich tönt es fast wie eine Safari, die sie für ihre fotografischen Erkundigungen in Auen und in Wäldern unternimmt. «Ständig bleib ich irgendwo im Geäst hängen, oder immer lugt noch irgendwo ein Grashalm in mein Objektiv, oder das Stativ bleibt in Wurzeln hängen. Es fühlt sich fast wie ein Spiel an.»
Ester Vonplon, aus der Serie «Flügelschlag», 2020–2025, Fotogramm auf Cellofixpapier (datiert 1907).
Ester Vonplon, aus der Serie «Flügelschlag», 2020–2025, Fotogramm auf Cellofixpapier (datiert 1907).PR
Ester Vonplon, aus der Serie «Flügelschlag», 2020–2025, Fotogramm auf Cellofixpapier (datiert 1907).
Ester Vonplon, aus der Serie «Flügelschlag», 2020–2025, Fotogramm auf Cellofixpapier (datiert 1907).PR

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Internationale Ausstellungen und Preise

Geboren 1980 in Schlieren und aufgewachsen im Kanton Aargau, studierte Vonplon an der renommierten Fotoschule am Schiffbauerdamm in Berlin; später folgte ein Master of Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste. Heute lebt sie in Castrisch, Graubünden. Ein prägender Moment in ihrer Laufbahn war die Begegnung mit Walter Keller, Fotografieverleger und Galerist. Sie traf ihn, als sie noch in Berlin Fotografie studierte, und er zeigte ihre Arbeiten aus dem Kosovo in seiner Galerie in Zürich – ihre erste Ausstellung in der Schweiz. Inzwischen werden Vonplons Werke international gezeigt – in Paris, Amsterdam und Antwerpen – und wurden vielfach ausgezeichnet, darunter mit dem Manor-Kunstpreis und dem SAC-Kunstpreis. Ihre neueste Werkgruppe ist zurzeit im Fotomuseum Winterthur zu sehen. Ihre Arbeiten sind meist in drei oder fünf Editionen erhältlich, die Preise betragen je nach Grösse zwischen 1800 und 12’000 Franken.
Vonplons Langzeitprojekte verbinden stille Beobachtung mit künstlerischer Reflexion. Ihre Serie «I See Darkness» entstand in einem stillgelegten Tunnel im Safiental, der als Dunkelkammer diente. Sie nutzte nur minimale Lichtquellen, belichtete so analoges Fotopapier – und Licht erschien aus dem Nichts.

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Ester Vonplon, aus der Serie «I See Darkness», 2020–2025, direkt belichtetes, analoges Fotopapier.
Ester Vonplon, aus der Serie «I See Darkness», 2020–2025, direkt belichtetes, analoges Fotopapier.PR
Ester Vonplon, aus der Serie «I See Darkness», 2020–2025, direkt belichtetes, analoges Fotopapier.
Ester Vonplon, aus der Serie «I See Darkness», 2020–2025, direkt belichtetes, analoges Fotopapier.PR

Über hundert Jahre altes Fotopapier

Für eine Serie dokumentierte Ester Vonplon mit ihrer analogen Grossformatkamera eine geschützte Auenlandschaft in der Surselva. «Die Orte, die ich aufsuche, sind solche, wo menschliche Eingriffe nicht stattgefunden haben. Diese intakten Orte werden immer weniger. Ich finde, es lohnt sich, diese festzuhalten, bevor sie verschwinden.»
In der Serie Flügelschlag belichtete sie ein über hundert Jahre altes Fotopapier der Qualitätsmarke Cellofix, um Pflanzen, Tiere, Pilze und Steine als Fotogramme zu verdichten. Die Bilder offenbaren nicht nur Formen, sondern Spuren im Licht, die bewegen, flimmern und verblassen – es sind Erinnerungsspuren statt präzise Abbilder. Vonplon zeigt, dass Fotografie mehr kann als Bilder liefern: Sie öffnet den Betrachtern die Augen für die zarte, verletzliche Seite der Natur. Aber auch dafür, wie gross und letztlich indifferent Natur gegenüber dem Menschen ist (wenn er sie in Ruhe lässt).
Ester Vonplon, aus der Serie «Flügelschlag», 2020–2025, Fotogramm auf Cellofixpapier (datiert 1907).
Ester Vonplon, aus der Serie «Flügelschlag», 2020–2025, Fotogramm auf Cellofixpapier (datiert 1907).PR
Ester Vonplon, aus der Serie «Flügelschlag», 2020–2025, Fotogramm auf Cellofixpapier (datiert 1907).
Ester Vonplon, aus der Serie «Flügelschlag», 2020–2025, Fotogramm auf Cellofixpapier (datiert 1907).PR

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Dieser Artikel ist im Millionär, einem Magazin der Handelszeitung, erschienen (April 2026).

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