Abo
Trotz Eskalation im Nahen Osten

Golfstaaten kaufen den Kunstmarkt

Mit prestigeträchtigen Museen und Veranstaltungen wie der ersten Art Basel in Doha 2026 wird Westasien zum globalen Kulturzentrum.

Dirk Boll

file850lgjx7uuqq4oj4g5w
In der Golfregion, wo auch Dubai (Bild) liegt, boomt der Markt für Kunst und Luxusgüter. Getty Images

Werbung

Die eurozentrische Sicht beginnt mit der Namensgebung. Für die ägyptische Autorin und Aktivistin Nawal El Saadawi (1931–2021) war eine Reise nach London ein Trip in den Mittleren Westen, New York war für sie Fernwest: Die Idee von einem sogenannten Mittleren Osten ist der kolonial geprägten Betrachtung von London aus geschuldet. Geografisch korrekt wird diese Region heute als West- oder Südwestasien bezeichnet. Sie erstreckt sich vom Mittelmeer bis zum Arabischen Meer und wird von über 300 Millionen Menschen bevölkert, deren Altersdurchschnitt 32 Jahre beträgt – in der EU sind es 45 Jahre. Westasien hält mehr als die Hälfte der Ölreserven und rund 40 Prozent der Erdgasvorräte des Planeten. Der Rohstoffhandel hat die Gesellschaften der Golfregion geprägt, wie auch die monarchischen Systeme, welche die Erlöse verteilen. Daraus resultieren Zweiklassengesellschaften, bestehend aus steuerbefreiten Residents und Arbeitsimmigranten ohne Bürgerrechte.
Die Erkenntnis der Endlichkeit der Ölvorräte führte in den letzten vier Jahrzehnten zunehmend zu Investitionen in nachhaltigen Tourismus – nicht nur Infrastrukturprojekte und Hotels, auch Sportveranstaltungen und kulturelle Einrichtungen machen die Region zur Destination. Die Entwicklung ist global durch Leuchttürme wie die Fussballweltmeisterschaft 2022 in Katar wahrnehmbar, im Kulturbereich vor allem durch von westlichen Stararchitekten entwickelte Museumsbauten und umfangreiche Förderung von Kunst im öffentlichen Raum. Flankiert und befeuert werden diese Prozesse durch Biennalen, die internationale Kunststars und das interessierte Publikum in die Region holen, aber auch die lokale Kunstproduktion inspirieren sollen.

Partner-Inhalte

Ahmed Mater, «Magnetism (Triptych)», 136,7 × 103,1 cm
Ahmed Mater, «Magnetism (Triptych)», 136,7 × 103,1 cmChristie’s
Ahmed Mater, «Magnetism (Triptych)», 136,7 × 103,1 cm
Ahmed Mater, «Magnetism (Triptych)», 136,7 × 103,1 cmChristie’s

Bewusstsein für regionale Traditionen

Die westlich geprägte Öffentlichkeit nimmt dies mit Interesse, aber auch dem Standesbewusstsein der Ersten und der Zweiten Welt wahr, und so werden viele Klischees nach wie vor transportiert. Dasjenige Kapitel der Geschichte der Kunstrezeption scheint sich zu wiederholen, in dem US-amerikanische Neureiche mit ihren Eisenbahn-, Stahl- oder (damals fernwestlichen) Ölvermögen in Paris und London die Artefakte der alten Welt kauften. Ohne Sinn und Verstand, zumindest in der Wahrnehmung europäischer Meinungsführer um 1900.
Heute hat man wohl mehr Bewusstsein für kulturelle Unterschiede und regionale Traditionen. 2026, im Jahr der ersten westasiatischen Art Basel (im Februar in Doha) und der ersten Frieze am Golf (im November in Abu Dhabi), kann man eine Zwischenbilanz ziehen, denn dortige Kulturschaffende blicken auf mehr als 30 Jahre kulturelle Dynamik zurück: Die Biennale in Sharjah wurde 1993 gegründet, die Qatar Museum Authority 2005, die Kunstmesse Art Dubai 2007, ihr Pendant Abu Dhabi Art 2009, das saudi-arabische Land-Art-Projekt Desert X in Al-Ula im Jahr 2020, und in diesem Sommer wird es erstmals einen katarischen Pavillon auf der Biennale in Venedig geben. Diese Entwicklungen werden für westliche Vorstellungen überraschend häufig von Frauen gesteuert – allen voran der Schwester des Emirs von Katar, Sheikha Al Mayassa bint Hamad bin Khalifa Al Thani, Vorsitzende der Museumsbehörde des Landes, oder Sheikha Hoor Bint Sultan Al Qasimi, Präsidentin der Sharjah Art Foundation und Biennale-Gründerin. Dass derartige Positionen nicht notwendigerweise an eine prinzliche Geburt gebunden sind, zeigen Entscheidungsträgerinnen wie Sarah Alruwayti, Direktorin des Tuwaiq Sculpture Symposium in Riad, oder Dina Amin, die für ihren Job als CEO der Saudi Visual Arts Commission eine Expertenposition bei Phillips in London aufgab.

Werbung

Das poppt: Impressionen von der Art Dubai 2025.
Das poppt: Impressionen von der Art Dubai 2025.Getty Images
Das poppt: Impressionen von der Art Dubai 2025.
Das poppt: Impressionen von der Art Dubai 2025.Getty Images
Die herrschenden Familien der Golfstaaten, allen voran Abu Dhabi und Katar und zunehmend auch Saudi-Arabien, verfolgen sehr zügige Akquisitionsstrategien, um ihre neuen Institutionen mit eigenen Sammlungen zu versehen – auch jene Häuser, die dank Franchiseverträgen zurzeit noch aus den Beständen westlicher Museen wie dem Louvre versorgt werden. Obgleich die Medien oft auf Objekte des angloamerikanischen Kanons abstellen, befördert die Nachfrage aus der Golfregion seit der Jahrtausendwende naturgemäss auch und vielleicht vor allem die islamische Kunst aller Perioden. Neben bildender Kunst werden regelmässig auch Handschriften und Kunstgewerbe sowie Prunkwaffen erworben. Das führte zu einem Wertanstieg von alter wie zeitgenössischer Kunst aus der islamischen Welt, auch auf den internationalen Marktplätzen. Sotheby’s hat diesem Umstand Rechnung getragen und im Jahr 2010 in London die erste Abendauktion für islamische Kunst abgehalten.
Projekt «Desert X» in Al-Ula aus dem Jahr 2022.
Projekt «Desert X» in Al-Ula aus dem Jahr 2022.PR
Projekt «Desert X» in Al-Ula aus dem Jahr 2022.
Projekt «Desert X» in Al-Ula aus dem Jahr 2022.PR

Werbung

Denn die Globalisierung der Käuferschaft hat heute ihre Entsprechung in der Künstlerschaft; seit der Jahrtausendwende ist auch das Angebot der Marktplätze London, New York oder Hongkong, zuvor von Kunst aus den Nato-Staaten dominiert, deutlich multinationaler. Noch erscheint der angloamerikanische Kanon übermächtig, aber die Kaufkraft, die sich in Westasien zeigt, hat begonnen, dies auszugleichen – mit entsprechenden Folgen für den Kanonisierungsprozess allgemein, der auch in den Institutionen neue Schwerpunkte setzt. Auch zeigt der Westen verstärkt Interesse an historischen künstlerischen Positionen Westasiens, zu sehen beispielsweise an einer Überblicksschau des syrischen Malers Marwan Kassab-Bachi bei Christie’s in London im letzten Sommer oder an der grossen Huguette-Caland-Retrospektive in den Deichtorhallen in Hamburg (noch bis zum 26. April 2026).
Ausstellung zum Werk des syrischen Malers Marwan bei Christie’s in London.
Ausstellung zum Werk des syrischen Malers Marwan bei Christie’s in London.Christie’s
Ausstellung zum Werk des syrischen Malers Marwan bei Christie’s in London.
Ausstellung zum Werk des syrischen Malers Marwan bei Christie’s in London.Christie’s

Zentraler Handelsplatz für Armbanduhren

Viele der Projekte in den Golfstaaten, vor allem die sogenannten Nationalmuseen, sind prinzipiell von den regierenden Familien gesteuert und finanziert und erinnern so an feudalistische Strukturen, die im Westen seit dem 20. Jahrhundert überwunden sind. Für die Kunstmarktstrukturen ist eigentlich von grösserem Interesse, ob neben den Herrscherhäusern mit Tausenden von königlichen Familienmitgliedern eine kunstinteressierte, ja sammelnde Mittelschicht entstanden ist. Denn nur dann kann die Golfregion mittelfristig nicht nur ein kulturelles Zentrum, sondern auch ein wichtiger regionaler Kunstmarkt werden und grössere Anteile an heute noch im Westen realisierten Verkäufen erobern. Ableger prominenter Kunstmarktunternehmen stehen bereit: Als erstes internationales Haus eröffnete Christie’s im Jahr 2005 eine Repräsentanz am Golf und startete 2006 in Dubai mit Auktionen mit Kunst des 20. Jahrhunderts, Armbanduhren und Juwelen. Im März 2009 hatte Sotheby’s eine erste, vorerst einmalige Kunstauktion in Katar abgehalten, Bonhams versteigerte neben Kunst aus dem Mittleren Osten regelmässig auch klassische Sportwagen in Dubai – ein passendes Angebot an eine männerdominierte Gesellschaft. Sotheby’s kehrte 2025 mit Auktionen in die Region zurück und versteigert seither in Riad und Abu Dhabi. Letzteres wurde sicherlich von einem Investment von einer Milliarde Dollar befördert, für die der Staatsfonds von Abu Dhabi Anteile des Auktionshauses erworben hat und nunmehr zweitgrösster Anteilseigner ist. Das regionale Angebot reflektiert den Geschmack der örtlichen Klientel – nicht nur, was die Erscheinungsformen der Kunst angeht, sondern auch deren Interesse an Luxusgütern wie Juwelen, Uhren oder Sammlerautomobilen. Als ein zentraler Handelsplatz für Armbanduhren hat sich neben Genf inzwischen Dubai etabliert, wo eine staatlich geförderte jährliche «Watch Week» durchgeführt wird. Vor allem die Nivellierung kultureller Unterschiede macht Luxusartikel interessant für die Käuferschaft der Golfregion. Während ein libanesischer Sammler keine bildende Kunst aus dem Iran kaufen würde, ist eine Rolex überall eine Rolex. Für die nachhaltige Entstehung einer regionalen Sammlerschaft braucht es freilich auch eine unabhängige Kunstvermittlung und -kritik, Ausstellungsplattformen sowie Sichtbarkeit, damit Kunstschaffende am Golf nicht hauptsächlich für Markt und Herrscherhäuser produzieren. Dies alles ist noch entwicklungsbedürftig.

Werbung

Dieser Artikel ist im Millionär, einem Magazin der Handelszeitung, erschienen (April 2026).

Werbung