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Kunstmarkt

ยซIch blicke nie zurรผck und sage, diese oder jene Entscheidung sei falsch gewesenยป

Wie Gudrun und Robert Ketterer ihr Auktionshaus zur Nummer eins geformt haben und was bei Versteigerungen schon mal schiefgehen kann.

Florian Fels

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Gudrun und Robert Ketterer vor einem Werk von Andy Warhol, das im Dezember 2025 fรผr 4.488.000 Euro versteigert wurde Roderick Aichinger

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Sie feiern 80 Jahre Ketterer. Was wรผrden die Grรผnder โ€” Ihr Vater und Ihr Onkel โ€” heute wohl sagen?
Robert Ketterer (RK): Ich erinnere mich noch genau, was mein Onkel 2002 sagte, als wir nach dem Generationenwechsel bereits auf Kurs waren: Er war damals schon sehr stolz, mein Vater sowieso. Dabei gab es in den vergangenen Jahren nicht nur glanzvolle Zeiten. Nach meiner รœbernahme Mitte der 1990er-Jahre mussten wir das Unternehmen in einem schwierigen Marktumfeld neu ausrichten, uns fokussieren und manche schmerzhafte Entscheidung treffen. Aber was heute aus dem Haus geworden ist โ€” die Umsรคtze, die Kunstwerke, die Stellung im Weltmarkt, das hohe Niveau โ€” das hรคtte sie schlicht begeistert. Und eines wรคre ihnen sofort klar: In keiner Branche ist das selbstverstรคndlich. In der Kunstbranche schon gar nicht.
Ketterer Kunst
Der Grundstein wurde 1946 mit der Grรผndung des Stuttgarter Kunstkabinetts durch Roman Norbert Ketterer gelegt. Daraus entstand 1954 Ketterer Kunst. Heute zรคhlt das Familienunternehmen mit Sitz in Mรผnchen, Dependancen in Hamburg, Kรถln und Berlin sowie einem weltweiten Netzwerk von Experten zu den fรผhrenden Kunstauktionshรคusern Europas. Robert Ketterer leitet das Unternehmen in zweiter Generation; seine Frau Gudrun Ketterer leitet das Akquise-Team. Der Fokus des Auktionshauses liegt auf Contemporary, Modern und 19th Century Art, hinzu kommen wertvolle Bรผcher aus fรผnf Jahrhunderten. In seinem Marktsegment ist Ketterer Kunst im achten Jahr in Folge die Nummer eins in Deutschland und rangiert weltweit mit zahlreichen Rekordergebnissen unter den Top Ten der umsatzstรคrksten Kunstauktionshรคuser (Artnet Analytics, Auction Houses by Total Sales Value for Fine Art Works Created after 1800, 2025). www.kettererkunst.de

Was waren Ihre persรถnlichen Highlights?

Gudrun Ketterer (GK): Das Jahr 2007 war sicherlich besonders wichtig fรผr uns. Wir waren damals noch in Mรผnchen, in der Prinzregentenstrasse, auf einer Bรผroetage โ€“ alles noch klein und familiรคr. Ich war ein Jahr zuvor von Berlin nach Mรผnchen gezogen, unser Sohn Paul war gerade auf die Welt gekommen. Dann durften wir dieses Gemรคlde versteigern: Emil Noldes ยซNadjaยป aus dem Jahr 1919. Eine echte Rรคubergeschichte โ€“ das Bild war gestohlen worden, tauchte bei der Kripo wieder auf. Fรผr Robert und mich war es zudem das erste Werk dieser Grรถssenordnung, das wir gemeinsam im Angebot hatten.

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Robert Ketterer gilt als genialer Auktionator.Roderick Aichinger
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Robert Ketterer gilt als genialer Auktionator.Roderick Aichinger

Wie hoch war der Preis?

(RK) Fรผr 1,2 Millionen Euro wurde es angeboten โ€ฆ (GK) โ€ฆund das Ergebnis lag dann bei 2,5 Millionen. Dieses Rekordergebnis war plรถtzlich in aller Munde. Sicherlich der Wendepunkt. Wir wurden danach ganz anders wahrgenommen.
(RK) Und es war fรผr alle der erste Beweis: Wir sind ein Haus, das selbstverstรคndlich auch in dem Preisbereich von รผber 1 Million Euro versteigern kann. Das hat uns enormen Rรผckenwind gegeben. Mein persรถnliches Highlight kam kurz danach im Jahr 2008, als wir ausserhalb von Mรผnchen das Auktionshaus bauten, in dem wir auch heute noch sind. Ein sehr mutiger Schritt. Raus aus der Stadt. Viele haben gedacht, das kรถnne nicht funktionieren.
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Wassily Kandinsky, Villa Seeburg am Staffelsee, 1911. ร–l auf Malpappe. Versteigert im Juni 2026 fรผr 5.500.500 Euro.Marc Autenrieth
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Wassily Kandinsky, Villa Seeburg am Staffelsee, 1911. ร–l auf Malpappe. Versteigert im Juni 2026 fรผr 5.500.500 Euro.Marc Autenrieth

Warum nicht?

(RK) Schauen Sie: Viele Auktionshรคuser haben ihre Hรคuser zentral in der Innenstadt โ€“ das ist die klassische Idee, mittendrin in der Stadt. Aber ich habe damals gesehen, dass die Digitalisierung wichtig wird und wohin sie fรผhrt. 2006 wurden in New York bereits Objekte รผber das Internet zugeschlagen. Ich dachte: Das klassische Ladengeschรคft in der Stadt, das hat keine Zukunft. Wir brauchen Platz โ€“ fรผr Kunst und fรผr Kunden. Zugleich konnten wir erstmals ein Haus ganz nach unseren eigenen Vorstellungen konzipieren: mit Tiefgarage, eigenem Auktionssaal und viel Platz fรผr die Kunst. Logistisch ideal gelegen und bestens erreichbar fรผr internationale Gรคste.

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(GK) Ein weiteres Highlight: die Sammlung Hermann Gerlinger. Expressionismus vom Feinsten โ€” eine unfassbar qualitรคtvolle, namhafte Sammlung, die wir รผber mehrere Auktionen versteigern durften. Das war auรŸergewรถhnlich. Und es hat uns gezeigt, was mรถglich ist, wenn ein Sammler einem Haus sein Vertrauen schenkt.

Wรผrden Sie rรผckblickend etwas anders machen?

(RK) Nein. Ich blicke nie zurรผck und sage, diese oder jene Entscheidung sei falsch gewesen. Wir haben uns immer die Zeit genommen, Entscheidungen grรผndlich zu durchdenken. Deshalb war jede davon in ihrer jeweiligen Situation richtig. Mein Anspruch war von Anfang an, einen seriรถsen, professionellen und qualitรคtsorientierten Kunsthandel zu betreiben. Diesem Grundsatz sind wir รผber all die Jahre treu geblieben.
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Sigmar Polke, BZ am Mittag, 1965.Dispersion, ร–l und Bleistift auf Leinwand. Versteigert im Juni 2026 fรผr 1.612.500 Euro.Marc Autenrieth
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Sigmar Polke, BZ am Mittag, 1965.Dispersion, ร–l und Bleistift auf Leinwand. Versteigert im Juni 2026 fรผr 1.612.500 Euro.Marc Autenrieth

Wie haben Sie als Ehepaar die Rollen aufgeteilt?

(GK) Sehr klar. Robert ist Geschรคftsfรผhrer. Ich leite gemeinsam mit Nicola Grรคfin Keglevich das Akquise-Team โ€“ den Motor eines Auktionshauses. Wir betreuen die Einlieferungen. Zwรถlf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten in enger Abstimmung mit Robert. Wir bereiten seine Besuche bei Sammlern vor, damit er sich ganz auf das Gesprรคch und die individuellen Wรผnsche der Kunden konzentrieren kann. Das gelingt nur mit einem kompetenten Team, das die Vor- und Nachbereitung รคusserst sorgfรคltig รผbernimmt.

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(RK) Das Schรถne ist: Ich kann mich jederzeit auf Gudruns Erfahrung und Urteil verlassen. Unsere Aufgaben sind klar verteilt, die wichtigen Entscheidungen treffen wir aber gemeinsam. Diese Aufgabenteilung schafft Vertrauen, vermeidet Reibungsverluste und sorgt dafรผr, dass wir unseren Sammlern die Aufmerksamkeit geben kรถnnen, die sie erwarten dรผrfen.

Und das lรคuft zwischen Ihnen immer reibungslos?

(RK) (lacht) Natรผrlich gibt es auch das eine oder andere Gesprรคch, wo wir nicht einer Meinung sind. Aber genau dieses fรผhrt oft zu den besten Entscheidungen.
(GK) Dieser Diskurs bringt uns weiter. Ohne ihn geht es nicht. Unsere Stรคrke liegt vielleicht darin, dass wir uns auch nach all den Jahren gegenseitig herausfordern. Wir denken nicht immer gleich, teilen aber dieselben Werte und Ziele. Unsere Partnerschaft lebt von diesem kontinuierlichen Austausch โ€“ und genau daraus entstehen oft die besten Entscheidungen.

Wie haben Sie es geschafft, Nummer eins in Deutschland zu werden?

(RK) Wir hatten nie die Idee, die Nummer eins zu werden. Davon waren wir anfangs viel zu weit entfernt. Zu Beginn habe ich genau beobachtet, was die Konkurrenz macht, und versucht, daraus zu lernen. Dann wurde mir klar: Wer nur kopiert, wird immer Zweiter bleiben. Also haben wir begonnen, die Dinge konsequent aus der Perspektive des Marktes und unserer Kunden zu denken. An diesem Grundsatz orientieren wir uns bis heute.

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Francis Picabia, Manucode, 1929. ร–l auf Leinwand. Versteigert im Juni 2026 fรผr 1.419.000 Euro.Marc Autenrieth
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Francis Picabia, Manucode, 1929. ร–l auf Leinwand. Versteigert im Juni 2026 fรผr 1.419.000 Euro.Marc Autenrieth

Was haben Sie anders gemacht?

(RK) Ich glaube, wir haben alles anders gemacht. Frรผher waren Kataloge oft schwarz-weiss, mit wenigen Informationen und sehr technisch aufbereitet. Wir waren die Ersten mit durchgehend farbigen Katalogen, die wir kostenlos in einer Auflage von 10 000 Exemplaren weltweit verschickt haben. Wir haben angefangen, zu den Kunstwerken Essays zu schreiben, und spรคter Bulletpoints eingefรผhrt. Ein Sammler soll innerhalb weniger Sekunden erkennen kรถnnen, was ein Werk besonders macht. Vieles davon wurde spรคter auch von anderen Hรคusern รผbernommen. (GK) Bei der Digitalisierung gehรถrten wir ebenfalls zu den Ersten. Seit 2007 veranstalten wir regelmรคssig Internetauktionen. Als die Pandemie viele Auktionshรคuser zum Schritt ins Digitale zwang, hatten wir diesen Weg lรคngst eingeschlagen. Unsere gewachsene Online-Infrastruktur und die langjรคhrige Erfahrung verschafften uns einen deutlichen Vorsprung. Wir sind ausserdem wahrscheinlich das einzige Auktionshaus, das seine Kataloge in zwei eigenstรคndigen Sprachversionen druckt โ€“ auf Deutsch und auf Englisch.
(RK) Auch digital haben wir frรผh versucht, Reichweite aufzubauen. Als wir Anfang der 2000er-Jahre unsere Website entwickelten, waren viele Domains von bedeutenden verstorbenen Kรผnstlern noch frei. Wir haben damals rund 2500 solcher Domains registriert und dort Biografien, Hintergrundinformationen und passende Werke aus unserem Angebot prรคsentiert. So entstand รผber viele Jahre ein direkter Zugang zu internationalen Sammlern. Einen solchen Kundenkreis baut man nicht in einer Saison auf โ€“ den haben wir รผber mehr als zwanzig Jahre kultiviert.

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(GK) Es sind viele kleine Stellschrauben, die in der Summe ein grosses Ganzes ergeben.
(RK) Vielleicht lรคsst es sich so zusammenfassen: Wir machen uns um jede Kleinigkeit ein bisschen mehr Gedanken als andere. Ich glaube, da ist wirklich etwas dran.

Was unterscheidet Ketterer noch von anderen Hรคusern?

(GK) Provenienzforschung wird bei uns ganz gross geschrieben. Seit 2014 verfรผgen wir รผber eine eigene Abteilung mit spezialisierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich ausschliesslich dieser Aufgabe widmen. Sie hat sich รผber die Jahre zu einer angesehenen, wissenschaftlich arbeitenden Institution innerhalb des internationalen Kunsthandels entwickelt. Jedes Objekt, das bei uns in die Auktion kommt, durchlรคuft eine grรผndliche Recherche. Das ist kein Marketing, sondern Teil unseres Selbstverstรคndnisses.

Sie gelten als begnadeter Auktionator. Kann man das lernen?

(RK) Ich habe mir am Anfang viele Auktionatoren angeschaut โ€“ in Deutschland, der Schweiz, den USA, England. Bei den meisten lรคuft es streng und sachlich. Ich versuche, etwas mehr Leichtigkeit und Humor hineinzubringen. Denn am Ende habe ich als Auktionator einen einzigen Auftrag โ€“ und der kommt von meinen Einlieferern: ein Kunstwerk zum bestmรถglichen Preis zu versteigern. Dafรผr muss ich Menschen erreichen, Interesse wecken und eine Dynamik im Saal erzeugen. (Pause, Blick zu seiner Frau.) Wobei ich sagen muss: Gudrun ist die viel bessere Auktionatorin. Viel charmanter โ€“ da kann ich mir noch etwas abschauen.

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GK: (Lacht.) Das mรถchte ich jetzt lieber nicht kommentieren.

Ist schon mal etwas richtig schiefgelaufen?

(RK) Es gab einen Gerhard Richter โ€“ ein Gemรคlde, das wir vor einigen Jahren versteigert haben. Ein sehr interessierter Kรคufer hatte uns vorab mitgeteilt, dass er nach der Auktion zwei Tage nicht erreichbar sein wรผrde. Er bot am Telefon bis 1,7 Millionen Euro. Dann kam online ein Gebot von 1,8 Millionen herein. Kurz darauf stellte sich heraus: Die Onlinebieterin hatte versehentlich geklickt und wollte gar nicht mitbieten. Am Ende erwarb der ursprรผngliche Interessent das Werk dann doch fรผr die von ihm gebotenen 1,7 Millionen Euro. Wir hatten Glรผck im Unglรผck โ€“ die Bieterin auch.

Was bedeutet die Art Basel fรผr Ihr Geschรคft?

(GK) Enorm viel. Die Art Basel ist fรผr uns Barometer, Netzwerk und Trendradar zugleich. Man sieht in drei Tagen, wohin sich der Markt bewegt โ€” welche Strรถmungen kommen, welche Sammler investieren, wer neu auf der Bรผhne erscheint. Und man fรผhrt viele Gesprรคche, fรผr die man sonst Monate brรคuchte. Das lรคsst sich nicht digitalisieren.

Digitale Kunst ist in diesem Jahr ein Schwerpunkt der Art Basel. Wie wichtig ist sie fรผr Sie?

(RK) Ich bin skeptisch โ€“ und sage das ohne Arroganz: Digitale Kunst bleibt eine Nische. Natรผrlich gibt es interessante Werke. Wir haben schon heute das Problem, dass Abspielgerรคte von vor zwanzig Jahren nicht mehr funktionstรผchtig sind. Mit digitalen Kunstwerken wird das nicht anders sein. Was passiert mit einer NFT-Sammlung in fรผnfzig Jahren? Ich glaube an das Objekt, das man berรผhren kann. An die Leinwand, an die Farbe, an das Original.

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In 20 Jahren feiern Sie das 100-jรคhrige Bestehen. Was mรผssen Sie bis dahin richtig gemacht haben?

(RK) Es klingt einfach โ€” ist aber jeden Tag harte Arbeit: sich nie auf Erfolgen auszuruhen. Den Blick konsequent auf die Bedรผrfnisse der Kunden und die Entwicklungen des Marktes zu richten. Nicht auf das, was gestern funktioniert hat, sondern auf das, was morgen gefragt sein wird. Wer diese Haltung wirklich lebt, muss keine Angst vor 100 Jahren haben.
รœber die Autoren

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